Tanzen im Problemviertel: Die Primaballerinas von Neukölln

Von Anwen Roberts

Pickel im Gesicht und nervige Eltern: Mit Tanzen lässt sich vieles beschreiben. Im Berliner Problemkiez Neukölln zeigen Profis Jugendlichen nun, wie sie sich mit rhythmischen Bewegungen besser kennenlernen. Doch Bildungsforscher fragen: Was bringt das Jugendlichen in einem sozialen Brennpunkt?

Tanzen für Problemkinder: Hemmungen ablegen, größer werden Fotos
Anwen Roberts

Selma und Eman stehen sich in der Schulsporthalle gegenüber. Selma beugt sich vor, um der Freundin am Kopftuch vorbei ins Ohr zu flüstern. Eman dreht den Kopf weg, als höre sie auf ein Geräusch. Ist das der Ruf des Muezzin oder nur mein Klingelton, könnte der Untertitel ihrer stummen Darbietung sein. Zum Abschluss kniet sich Selma hin und küsst Eman die Füße.

In drei, vier Minuten haben die beiden 16-Jährigen ihr Märchen vorgeführt, haben mit Gesten von interkultureller Freundschaft und Teenagersorgen erzählt - und das vor der ganzen Klasse. Kurz stehen sie steif vor ihren Mitschülern, bis die 10b applaudiert und sie sich erleichtert setzen.

Die Adolf-Reichwein-Schule, ein "Förderzentrum" im Berliner Problembezirk Neukölln, ist für die meisten ein Klischee. In ihrer Klasse seien "90 Prozent Muslime, der Rest Atheisten", sagt Klassenlehrerin Annette Bremer-Langen. Bei ihr sitzen genau die Schüler, die Leitartikler zum Sinnbild bildungsferner Parallelwelten erklären.

Einmal die Woche trainiert die Klasse bei Profitänzern vom Projekt TanzZeit, das jedes Schuljahr Tänzer und Choreografen in Hunderte Berliner Klassenzimmer schickt. So will das Projekt alle Schichten, Altersgruppen, Jungen und Mädchen erreichen. Die italienische Choreografin und Tänzerin Livia Patrizi, 44, hat das Projekt 2005 gegründet und ist heute künstlerische Leiterin. Seitdem haben 450 Berliner Schulklassen und damit über 10.000 Kinder teilgenommen.

Zentrale Frage noch ungeklärt: Was bringt der Tanz den Schülern?

Ursprünglich wollte die Kunstlehrerin der 10b einfach ein besonderes Schulprojekt ausrichten. Doch in der Bildenden Kunst werde es "schnell so intellektuell". Dann traf sie zufällig Livia Patrizi, die im ersten Jahr die Klasse unterrichtete und heute noch gelegentlich vorbeikommt.

Seit diesem Jahr erhält das Tanzprojekt eine Regelförderung vom Berliner Senat für Bildung, zuvor kam das Geld aus Kulturtöpfen und Spenden. Nun arbeitet das Projekt an der Schnittstelle von Bildung und Kultur. Livia Patrizi vergleicht ihre Arbeit am liebsten mit Gedichten, "die haben auch eine eigene Sprache". Beim modernen Tanz müsse man sich genauso Techniken zur Entschlüsselung aneignen. Kindern diese Kunstform näher zu bringen und die zugehörigen Wissensformen zu kultivieren, ist ihr Hauptanliegen - wenn die Kinder auch körperlich und geistig fitter werden, sind das für sie eher "Kollateralgewinne".

Diese Nebeneffekte sind für Bildungsforscher hingegen besonders interessant. Was bringt der Tanz den Schülern? Und ist Tanzen überhaupt ein Schulfach? Ob die Kinder dann besser lernen könnten, fragen nicht zuletzt die Eltern, die manchmal die Tanzstunden mit finanzieren, wenn Geld fehlt. So gerät Kunstvermittlung in die Rechtfertigungsfalle. Tatsächlich weiß niemand exakt, ob und wie der Erfolg von Kindertanzprojekten zustande kommt. Bis auf den Spaßfaktor ist nichts offensichtlich.

Tänzerisch von Pickeln und den eigenen Eltern erzählen

"Gewichtsverlagerung" lautet heute das Motto der Tanz-Schulstunde in der 10b: sich auf den Partner verlassen, aufstützen, anlehnen. Müssten die Schüler zum gleichen Thema einen Aufsatz schreiben, wäre es ungleich schwerer. In der Turnhalle dauert die tänzerische Umsetzung nur Sekunden.

Der Tänzer Ulrich Huhn, der die Klasse schon das dritte Jahr unterrichtet, sagt: "Tanz ist eine Beziehungskunst." Jede Berührung, jede Abstimmung des Tanzpaares ist nicht nur Körperkoordination, sondern eine Lektion in Haltung und Vertrauen. Der Tänzer ist mit dem Verlauf der Stunde zufrieden. Auch der Lehrerin ist aufgefallen, wie sich die "Intensität" der Teenagertänze von Mal zu Mal steigert.

In holprigen bis fließenden Bewegungen erzählen die Jugendlichen bemerkenswert viel über sich selbst. Genau diesen Aspekt sieht die Berliner Tanzwissenschaftlerin und Dramaturgin Maren Witte als besondere Stärke vom zeitgenössischen Tanz: die Möglichkeit, persönliche Geschichten und Probleme zu thematisieren. Da dürfe es ruhig um die "eigenen Pickel und die eigenen Eltern" gehen.

Am Tag darauf, in einer anderen Klasse, läuft dasselbe Projekt ganz anders ab. In der 5d der Havelland- Grundschule sind 30 Kinder, dazu noch fünf aus der Parallelklasse. Unter Anleitung fegt die Horde durch den Musikraum.

Bildungsministerium gibt Studie in Auftrag

"Früher dachte ich, Tanzen ist peinlich", gesteht der zehnjährige Muhamed atemlos. Das hat sich offenbar geändert. Die Klassenlehrerinnen verkneifen sich ein stolzes Grinsen, weil ihre Schüler nun - mit etwas Tanzerfahrung - ohne Hemmungen durch den Raum springen. Großer Spaß und kleine Gesinnungswandel, für viele Erzieher ist das schon Erfolg genug.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung möchte aber noch mehr über Erfolg oder Misserfolg der Tanzstunden erfahren und hat deswegen die Freie Universität Berlin mit einer Studie beauftragt. Sie erforschten nun Veränderungen im "Sozialverhalten, Selbstkonzept oder Klassenzusammenhalt", sagt die Psychologin Lysann Zander-Music, eine der Projektleiterinnen der Studie.

Dass sich etwas verändert, beobachten zumindest die Lehrer. Der zeitgenössische Tanz habe "in unterschiedlichsten Zusammenhängen Legitimationsprobleme", sagt die Tanzforscherin Maren Witte. Als flüchtigste aller Kunstformen werde er bestenfalls übersehen, schlimmstenfalls weggekürzt.

Es geht also immer wieder um die Frage, was bleibt. Pädagogen betonen, die Kinder würden am meisten von der Erfahrung profitieren, wenn sie kontinuierlich dabeiblieben.

In der 10b wird vielleicht niemand Schwanensee-Ballerina. Aber drei Schüler sind seit kurzem in der Jugendkompanie des Tanzprojektes, einem Programm für besonders tanzbegabte Jugendliche. Das mache Mut, sagt die Klassenlehrerin Annette Bremer-Langen. Sie wünscht ihren Schülern keine übertrieben großen Sprünge, nur das rechte Maß an Selbstverwirklichung.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
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1. Zweifel
mm01 15.10.2010
Zitat von sysopPickel im Gesicht und nervige Eltern: Mit*Tanzen lässt sich vieles beschreiben. Im Berliner Problemkiez Neukölln zeigen Profis Jugendlichen nun, wie sie sich mit rhythmischen Bewegungen besser kennenlernen. Doch Bildungsforscher fragen: Was bringt*das Jugendlichen in einem sozialen Brennpunkt?
Die Zweifel der Bildungsforscher sind berechtigt. Glaubt man wirklich, dass ein testosteronstrotzender, muslimescher Macho mit einem Tänzchen plötzlich zum verständnisvollen Musterknaben mutiert? Er wird dieses Angebot eher meiden, um vor seinen Kumpels nicht als "Schwuler" dazustehen. Dieses Programm erscheint mir eher eine ABM für arbeitslose Tanzlehrer und Jungschauspieler.
2. kann nicht wahr sein
klickboom 15.10.2010
Besser als die Antiaggressoinstrainings wo die Schläger auch noch ne kostenlose Boxausbildung spendiert bekommen von ihren potentiellen Opfern. Ansonsten aber genauso sinn- und nutzlos.
3. Titelverweigerer
Wavebreaker26 15.10.2010
Ist doch eine super Sache. Die Jugendlichen scheinen sich dafür begeistern zu lassen und das ist bei den langweiligen Lehrplänen ja oft nicht gegeben. Und besser als der Standardsportunterricht ist es allemal.
4. nutzlos?
bernardmarx 15.10.2010
Zitat von klickboomBesser als die Antiaggressoinstrainings wo die Schläger auch noch ne kostenlose Boxausbildung spendiert bekommen von ihren potentiellen Opfern. Ansonsten aber genauso sinn- und nutzlos.
Ok, was Sie nicht kennen, kann nichts taugen - Ihre Meinung. Aber leider auch wieder das Wort "nutzlos" im Gegensatz zu "Nutzen". Muss alles was wir heute tun der Frage nach dem Nutzen unterworfen sein? Darf man nichts mehr aus Spaß an der Bewegung oder dem gemeinsamen Erlebnis oder gar aus Spaß an der Freude machen. Da geht es um Kinder!
5. notit
enigma2.0 15.10.2010
Wenn man den Spickzettel auf dem Bild im Artikel liest kommt man irgendwie auf die Idee, dass Deutsch-Unterricht statt Tanz-Unterricht nützlicher sein könnte. Besonders mit Blick auf die Zukunft der Schüler... sofern sie nicht zum Ballett wollen.
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