Vertretungsstunde mit Thees Uhlmann: "Ich habe ein extrem schlechtes Abi"
Was ist soziale Gerechtigkeit? Der Sänger Thees Uhlmann, 38, diskutiert für das Jugendmagazin "Spiesser" mit Schülern eines Berliner Gymnasiums über Toleranz, Kopftücher und tätowierte Kellner.
Thees Uhlmann brach vor vielen Jahren sein Lehramtsstudium in Politik und Englisch ab, um erfolgreicher Musiker zu werden. Heute findet der Tomte-Sänger tätowierte Kellner blöd - wo ist seine Toleranz geblieben? Der Politikkurs der 13. Klasse der Berliner Carl-Zeiss-Oberschule gibt Uhlmann während der Vertretungsstunde ordentlich Kontra.
Thees: Moin, mein Name ist Thees Uhlmann, ich habe selbst ein extrem schlechtes Abi und bin begeistert, jetzt hier rumzuhängen. Unser Thema: soziale Ungerechtigkeit. Schon mal was davon mitbekommen?
Deniz: Ich hatte mal eine Begegnung mit Neonazis. Die haben mir gesagt, dass ich als Türke Schuld an allem Übel bin. Wegen Leuten wie mir gehe es Deutschland schlecht. Das Übliche halt.
Thees: Krass, dass du schon sagst: "das Übliche"!
Yagmur*: Ich wurde mal von so alten Leuten angemacht, weil ich Tennis mit Kopftuch gespielt hab.
Thees: Die Gesellschaft ändert sich. Damit kommen einige durch ihre Erziehung - 60 Jahre lang ZDF - nicht klar.
Selbst hat der Tomte-Frontmann in der Vergangenheit aber nicht viel abbekommen.
Thees: Ich komme aus einer extrem behüteten Gegend. Soziale Ungerechtigkeit betrachte ich von außen. Als Lehrerkind der Mittelklasse habe ich nur das erlebt, was ich mir selbst zugefügt habe. Ich als Heavy-Metal-Fan so zu meinen Eltern: "Ich lass mir die Haare lang wachsen." Die so: "Nö!" Ich so: "Doch!" Der Kompromiss: Vorne kurz, hinten lang.
Yagmur*: Ich kann Intoleranz nicht verstehen. Ich bin ja auch nicht die Erste, die mit Kopftuch rumläuft. Irgendwann muss man sich doch dran gewöhnen.
Das war der Anstoß - jetzt wird Thees Uhlmann zum Advocatus Diaboli und bringt die Argumente der Gegenseite.
Thees: Klar, aber nichts ist einfacher, als sich immer mit Stereotypen auseinanderzusetzen. Heute wohne ich in Kreuzberg, da sind 80 Prozent der Leute durchgedreht: In jedem Café ein Kellner, der sich seine ganze Lebensgeschichte auf die Arme tätowiert hat. Ganz ehrlich, das möchte ich nicht sehen, ich will einfach nur einen Kaffee trinken.
Nicole: Aber das verkörpert seine Einstellung. Da frag ich mich: Wie tolerant sind wir? Er lässt Sie ja auch leben, wie Sie möchten.
Thees ironisch: Ich werde von dir gerade an die Wand diskutiert, das gefällt mir überhaupt nicht.
Nicole: Der sagt ja auch nicht: Ich will mir nicht angucken, wie Sie Ihren Kaffee trinken!
Thees: Ich gehe aber einen kapitalistischen Deal mit ihm ein. Dafür muss er sich meinen Ansprüchen beugen - oder? Bin ich deswegen ein Arsch? In deiner Welt ja, oder?
Nicole: Jeder soll seine Einstellung haben, aber so tolerant sein, dass andere dadurch nicht eingeschränkt werden. Man kann sich seine Meinung auch innerlich bilden.
Thees: Ich hätte vor 20 Jahren genauso argumentiert! Trotzdem: Es gibt Leute, die wesentlich dümmer sind. Das ist wie bei meiner Mutter: "Du, Thees, ich war letztens bei Karstadt, da war eine Kassiererin mit Kopftuch und die war sogar viel netter als die, die da sonst arbeiten." Menschen müssen sich auf Kopftuchträger, alte Omis und spanische Studenten mit Kokainproblemen einstellen.
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Corbis
Nicole: Ich komme ja aus Bayern und...
Thees: Ey, was hast du hier zu suchen?
Der Kurs lacht.
Nicole: ...und habe auch mit Vorurteilen zu kämpfen: Bayern seien Katholiken, die nur auf ihrer Meinung beharren. Nach dem Motto: "Kommst du aus Bayern?" "Ja." "Ah, also nicht aus Deutschland!"
Thees: Man teilt sein Leben nach Vorurteilen ein, anders geht das ja gar nicht.
Kurslehrerin Frau Lange, die das Geschehen bisher nur still beobachtet hat, zeigt auf.
Frau Lange: Für mich geht das alles am Thema vorbei. Ungerechtigkeit ist keine Frage von Geschmack: Wer zur Oberschicht gehört, kann herumlaufen, wie er will.
Thees: Und Sie meinen, dass es schwierig ist, vom Arbeiter zum Akademiker zu werden?
Frau Lange: Ja. Leute, die schon in hohen Positionen sitzen, haben kein Interesse an Konkurrenz, deswegen wird anderen der Aufstieg erschwert.
Thees: Sie werden ja richtig bissig. Das gefällt mir sehr gut. Eine emotional aufgebrachte Lehrerin! Aber von solchen Verschwörungstheorien halte ich nicht viel.
Frau Lange: Das ist keine.
Thees: Wenn Verschwörungstheoretiker sagen, dass es keine Verschwörungstheorie ist, beißen sie sich selbst in den Fuß. Aber jetzt nehmen wir die Schüler nicht mehr mit. Wir verfehlen den pädagogischen Ansatz!
Ali hilft den Pädagogen, wieder zum Thema zurückzufinden.
Ali: Die Hartz-IV-Empfänger werden im Fernsehen immer asozial dargestellt. Das ist in Wirklichkeit gar nicht so.
Cindy: Wirklich? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder aus Hartz-IV-Familien oft nicht nach Wissen streben.
Thees: Manche dieser Kinder tun mir echt leid. Die Chancen sind verschwindend gering, dass sie sich selbst verwirklichen können oder später Shakespeare zitieren oder what the fuck auch immer. Obwohl ich in eurem Alter auch noch keine Peilung hatte, was aus mir mal werden sollte. Wisst ihr denn schon, was ihr später macht?
Die Schüler grinsen breit.
Kurs: Nee, eher nicht.
Thees: Nicht? Na, dann bin ich ja ein bisschen beruhigt. Ich dachte schon, ihr wärt konservativ und durchgeplant.
Beruhigt und ein bisschen weiser verlässt Thees die Schule.
*Name von der Redaktion geändert.
Von Gustav Beyer für das Jugendmagazin "Spiesser"
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