Thomas D als Vertretungslehrer: Futterkunde beim Pflanzenfresser

Er kuschelt mit Schweinen und rappt über Fleischverzicht: Für das Jugendmagazin "Spiesser" ist Thomas D als Vertretungslehrer eingesprungen. Kölner Gymnasiasten erklärt er den Unterschied zwischen Vegetariern und Veganern - und plaudert über eine depressive Sau namens Erika.

Vertretungsstunde mit Thomas D: Was darf ich essen, Herr D? Fotos
Matthias Popp

11.50 Uhr: Thomas D schlendert in den Klassenraum. Die Sneakers quietschen, das Dauergrinsen ist aktiviert.

Klassenchor: Guten Moooorgen, Herr D!

Die Knirpse knipsen sich die Finger am iPhone wund.

Thomas D: Der erste Teil unserer Stunde trägt das Motto: Du bist, was du isst.

Ganz der Lehrer: Thomas zückt den Stift und verziert die Tafel mit dem Spruch.

Sebastian: Seit wann sind Sie Vegetarier?

Thomas D: Mit 16 habe ich mir erstmals Gedanken drüber gemacht. Mit 19 kam nur noch Fisch auf den Teller, zwei Jahre später habe ich mit dem Fleischkonsum komplett aufgehört.

Sebastian: Und wie alt sind Sie jetzt?

Thomas D: 42. Yeah - scheiße-alt, nicht?

Getuschel. Irgendwie sieht der Rapper jünger aus. Liegt wohl an der Hornbrille. Die schummelt die Zeichen der Zeit gekonnt weg.

Nico: Warum essen manche Menschen Fleisch und andere nicht?

Thomas D: Wir wachsen damit auf, dass wir Tiere knuddelig finden. Du bringst es als Kind nicht zusammen, dass das Fleisch eine Sau ist. Oder war. Die Industrie gaukelt uns vor: Fleisch ist Lebenskraft. Dann gibts Leute, die sich Gedanken machen. Übers Schlachten und Respekt.

Thomas D befeuchtet sich die Lippen, zieht die Jacke aus. Jetzt kommts dick...

Thomas D: Ich habe zwei Schweine. Erika und Schnute. Am Anfang war Ferkel Erika. Sie sah aus wie ein Faltenschwein. So süß! Die durfte die ersten Nächte bei mir und meiner Frau im Bett pennen. Also in der Mitte. Danach mussten wir ihr eine Freundin besorgen. Darum holten wir Schnute, die letzte Überlebende. Ihre Schwestern waren leider schon im Kochtopf.

Auf eine Geste des Bedauerns folgt theatralisches Schluchzen. Doch Softie D fängt sich schnell wieder.

Thomas D: Schnute kam, sah und siegte: hat Erika ordentlich aufs Maul gehauen. Seitdem ist Schnute der Chef und Erika depressiv. Als ich das gesehen habe, dachte ich: Oh, Alter. Die sind so wahnsinnig verschieden! Das heißt: Jedes Tier ist anders. Der eine Hund ist mutig, der andere ein Schisser. Das verändert das Bild von "ist eh nur Futter". Alle ticken anders. Das hat mir zu denken gegeben.

Nuria: Es gibt ja Vegetarier und auch Veganer. Was war noch mal der Unterschied?

Ronny: Veganer essen gar nichts vom Tier, sondern nur pflanzliches Zeug.

Thomas D: Der Veganer hat mit Tieren nichts am Hut. Er trägt nicht mal 'nen Ledergürtel. Gorillas sind Veganer. Unter den Tieren ist er der König, der Macker, der Boss. Das verbessert das Vegetarier-Image: Ökotypen, die nix auf der Brust haben und keine Kraft haben. Nee, der Gorilla steckt nicht ein, der teilt aus!

In Superman-Pose reckt Thomas die Faust in die Höhe. Alle Macht den Affen!

Thomas D rappt: Es tut mir leid, Tier, denn sie mögen dich so sehr. Sie wollen alles von dir und am liebsten noch mehr.

12 16 Uhr: Lehrerpult statt Bühne, grelles Deckenlicht statt bunte Lichtkegel. Macht nix, Thomas ist in seinem Element.

Thomas D: Bei dem Versuch, das Recht auf Leben in Gesetze zu verpacken, haben sie bei dir, Tier, einige Sätze weggelassen. Deine Schreie zu erhören, wurde leider verpasst.

Applaus, dann Stille. Die Jungs auf den hintersten Stühlen glänzen durch Rumkrakele. Monsieur D lässt die Finger knacken.

Thomas D: Auch die letzte Reihe hört zu! Ich bin nur eine Stunde hier, nachher wieder weg. Aber du kannst was mitnehmen!

Nico: Nämlich: Du bist, was du isst.

Thomas D: Hey - lesen kann er, Alder! Du bist, was du isst, ja so siehts aus. Ein Würstchen! Apropos: Wer isst gerne Fast Food?

Hände schießen in die Höhe.

Thomas D: Was gibt's da?

Alle: Burger! Döner! Pizza, Pommes, Currywurst!

Thomas D: Ich habe mir heute Morgen auch Burger mit Halloumi reingehauen. Deftiges Frühstück ist schon was wert.

Ronny: Da lügen Sie doch...Ich denke, Sie sind Vegetarier?

Thomas D: Halloumi ist Grillkäse. Da bleibt die Kuh am Leben.

Nico: Ist aber auch nicht nett, einfach Milch von der Kuh klauen.

So ein Lehrerstuhl kann ziemlich ungemütlich sein. Füße auf den Tisch - so lässt's sich lehren.

Thomas D grinst: Darf man das als Lehrkörper? Egal. Und jetzt: "Hefte raus, Klassenarbeit!" Okay, war nur Spaß.

12 35 Uhr: Aufatmen - noch mal Glück gehabt. Da läutet es auch schon zur Pause.

von Anne Wirth für das Jugendmagazin "Spiesser"

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insgesamt 36 Beiträge
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1. Gorillas sind keine Veganer
peterbruells 26.04.2011
Flachlandgorillas essen Ameisen, das ist mittlerweile wohl hinreichend belegt.
2. Da wo's interessant wird...
miztake 26.04.2011
... bricht Herr D. das Interview ab. Schade! Ich bin selbst nur Vegetarier, aber ich finde es trotzdem verkehrt, sich hinzustellen und besonders auf Ethik und Moral und Schlaumeierei zu machen ("'Du bist ein Würstchen!'", "theatralisches Schluchzen"), dann aber bei der berechtigten und interessanten Feststellung vom Schüler, dass es auch nicht nett sei, der Kuh die Milch zu klauen, abzulenken. Der ethischen Linie des Herrn D folgend, müsste er zumindest thematisieren, dass der industrielle (wenn auch der ökologische nur bedingt) Milchwarenhandel die Tiere genauso zersetzt (regelmäßig kalben, damit die Kuh genügend Milch gibt, die Rinder enden dann als Schlachtvieh, keine artgerechte Haltung etc etc) und damit zumindest industriell keineswegs ethisch vertretbar sind. Wenn man schon missionieren und moralisch argumentieren will, sollte man die Sache auch zu Ende denken. Wenn sich der Herr D seit seinem 17. Lebensjahr da Gedanken drüber macht, scheint er nicht sehr schnell voranzukommen.
3. -
Vergil 26.04.2011
Zitat von miztake... bricht Herr D. das Interview ab. Schade! Ich bin selbst nur Vegetarier, aber ich finde es trotzdem verkehrt, sich hinzustellen und besonders auf Ethik und Moral und......
Auch der industriell betriebene Gemüseanbau ist keinesfalls artgerecht und somit ebenfalls ethisch nicht vertretbar. Pilze, Tomaten, Gurken werden unter Plastikplanen herangezüchtet, gespritzt, schließlich - teilweise auch noch von Maschinen - brutal geerntet. Sie dienen allein dem Verzehr, nicht dem luftigen Leben im Wald oder unter der Sonne, wie es ihre Art wäre. Vegetarier, die dies aus moralischen Gründen betreiben, kann ich nicht ernst nehmen. Ich kann verstehen, dass jemand auf industriell hergestelltes Fleisch verzichten möchte und ausschließlich von seinem Schlachter kauft, bei dem er weiß, woher das Fleisch stammt und wie die Tiere getötet werden. Aber dass jemand generell auf Fleisch und Fisch verzichtet, ist in meinen Augen unvernünftig.
4. Na ja...
andre2010 26.04.2011
.. bei den Nike-Schuhen hört die Moral und Ethik wohl auf. Mich würde auch mal interessieren, wie er sich z.B. das Leben der Inuit in seinem Weltbild vorstellt. Ich empfinde den heutigen Fleichkonsum auch bedenklich, aber ich vermisse von all diesen Gutmenschen konkrete Beispiele und Lösungen wie eine milliardengrosse Menschenmasse sich nach dieser Vorstellung ernähren soll. Ich fand Ihn und die Fantas mal echt gut, aber das rauskehren seiner persönlichen Lebenstherapie und seinem Missionsbedürfnis gehen mir echt auf den Nerv.
5. Erste Schritte würdigen
herbertseeger 26.04.2011
Hallo, ich finde die Kritik an Thomas D. völlig daneben. Es ist doch besser zu würdigen, dass er mit solchen Auftritten den einen oder anderen Schüler etwas nachdenklich macht. Ihn jetzt dafür anzugehen und seine Denkfähigkeit in Zweifel zu ziehen ist schlicht daneben. Schade, dass manche Menschen immer alles nur kritisieren, ohne es zumindest mit etwas Stil KONSTRUKTIV zu gestalten. Ich würde mich freuen, wenn Thomas trotz solcher überzogener Kritik so weiter macht.
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Zur Person
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Thomas D, 42, wurde als Thomas Dürr in Stuttgart geboren, ist gelernter Friseur und gehört zu den bekanntesten Sprechgesang-Musikern Deutschlands. Mit den Fantastischen Vier machte er Karriere, sein aktuelles Solo-Album heißt "Lektionen in Demut 11.0". Er ist überzeugter Vegetarier.

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