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Timothys Libanon-Tagebuch: "Es wurde so viel Hass gesät"

Seit letzten Montag gilt in Nahost eine brüchige Waffenruhe. Timothy Kassis, 21, lebt im Südlibanon. Nach den Kämpfen gab es in seiner Familie ein Festessen - und Gespräche, die sich nicht allein um Krieg drehen. Für SPIEGEL ONLINE hat er eine Woche Tagebuch geführt.

Montag, 14. August

Um acht Uhr morgens sollten alle Kampfhandlungen enden. Es war relativ ruhig, und die meisten Flüchtlinge, die wir bei uns in der Schule aufgenommen hatten, machten sich auf den Weg in ihre Dörfer, um nachzusehen, wie es dort aussieht.

Timothy Kassis: "Eine unglaubliche Erleichterung, mal über normale Dinge zu reden"

Timothy Kassis: "Eine unglaubliche Erleichterung, mal über normale Dinge zu reden"

Normalerweise besuchen 200 Kinder und Jugendliche das Johann-Ludwig-Schneller-Internat. Es liegt im Bekaa-Tal im Südlibanon. Kurz nachdem der Krieg ausbrach, hat mein Vater, der Schuldirektor ist, alle Schüler nach Hause geschickt. Dafür kamen viele Flüchtlinge aus Dörfern, die näher an der Grenze liegen. Die Schule wurde nicht getroffen, aber während der Kämpfe kamen die Bomben bis zu drei Kilometer an uns heran.

Meine Freunde und ich haben die ganze Zeit Aktivitäten wie Spielnachmittage für die Flüchtlingskinder organisiert, damit sie ihre schlimmen Erlebnisse vergessen und zu Friedensstiftern heranwachsen, nicht zu Rächern. Da heute keine Flüchtlinge mehr da waren, haben wir einfach nur gequatscht – über alles, nur nicht über den Krieg. Es war eine unglaubliche Erleichterung, mal über ganz normale Dinge zu reden und keine Detonationen von Bomben und Raketen zu hören.

Ich bin 21 Jahe alt und dachte, Israel und Libanon würden in den nächsten Jahren als friedliche Nachbarn nebeneinander leben. Wir sind eine Generation, die akzeptiert hat, dass Israel hier in der Region bleiben wird. Ich habe einen guten Freund auf der anderen Seite der Grenze, sein Haus ist nur eine Stunde Fahrtzeit entfernt von meinem. Nach den Kämpfen kann ich mir nicht mehr vorstellen, wie wir in friedlicher Nachbarschaft mit Israel leben sollen. Es wurde so viel Hass gesät. Überall haben die Menschen die Hisbollah gefeiert.

Dienstag, 15. August

Heute sind einige Flüchtlinge in die Schule zurückgekehrt, weil ihre Häuser zerstört sind. Ich bin mit Freunden ins Nachbardorf Jib Jannine gefahren, wir hatten gehört, dass dort noch viele Flüchtlinge in einer Schule campieren. Wir haben Buntstifte, Luftballons, Bälle und andere Spielsachen eingepackt.

Zunächst war es gar nicht so leicht, die Kinder davon zu überzeugen mitzumachen. Aber als die ersten mit uns spielten, wollten die anderen auch mitmachen. Manche Kinder waren sehr traurig, weil sie schon wussten, dass ihr Zuhause zerstört ist.

Mittwoch, 16. August

Am Morgen hatte ich Bibelstunde, ich bin Christ, wie viele Menschen im Libanon. Wir haben die Geschichte von Ruth aus dem alten Testament gelesen. Es hat mich daran erinnert, dass es auch in Israel rechtschaffene Menschen gibt, mit denen uns der Glaube an Ruth verbindet. Menschen, die wie Ruths Mann Boas an die Liebe und Barmherzigkeit glauben.

Nachmittags bin ich mit meinem Vater in die südlichen Vororte vor Beirut gefahren. Es hat sehr stark nach Schießpulver gerochen, viele Menschen trugen Masken wie Ärzte im Krankenhaus. Überall sah ich zerbrochenes Glas und kaputte Türen, dazwischen auch komplett zerstörte Gebäude. Vieles, was wir so mühevoll aufgebaut haben, liegt in Trümmern.

Donnerstag, 17. August

Endlich habe ich mal wieder eine Nacht entspannt durchgeschlafen. In den letzten Wochen hatte ich immer sofort nach dem Aufstehen den Fernseher angeschaltet, um zu sehen, was passiert ist. Aber die letzten Tage war es ruhig, und ich werde auch ruhiger.

Das Mittagessen war sehr speziell: Es war die erste richtig gekochte Mahlzeit seit drei Wochen, denn meine Mutter ist zurück. Sie war mit meiner siebenjährigen Schwester in Syrien, weil es dort sicherer für sie war.

Zu dem guten Essen kam auch noch eine gute Nachricht: Israel hat seine Luftblockade aufgehoben, am Mittag landete das erste Flugzeug in Beirut. Benzin, Essen und Medizin werden hier im Libanon knapp, und wir sind darauf angewiesen, dass diese Güter von außen ins Land gebracht werden können.

Freitag, 18. August

Die vergangene Nacht war ein Alptraum. Im August gibt es immer viele Mücken. Unser Mückenabwehr-Gerät benötigt Strom, doch letzte Nacht hatten wir keinen. Kein Strom, keine Abwehr, kein Schlaf.

Strom wird knapp im Libanon, da die Seeblockade weiter anhält. Auch der Diesel für unseren Generator ist fast alle. Man weiß gar nicht, wie wichtig Elektrizität ist, bis man 16 Stunden pro Tag keine mehr hat. Kein Fernseher, kein Computer, kein Licht zum Lesen. Man sitzt einfach da und redet mit der Familie oder starrt die Bäume vor dem Haus an.

Abends hatten wir wieder Bibelstunde. Danach haben wir zusammen gegessen und geredet. Zum Glück hat keiner etwas über den Krieg gesagt. Es war, als sei gar nichts passiert.

Vor einigen Minuten habe ich in den Nachrichten gehört, dass Israel wieder Luftangriffe im Bekaa-Tal fliegen soll. Ich hoffe, das ist nicht wahr. Wenn Israel uns jetzt angreift, hätte es die Resolution 1701 gebrochen. Niemand in der Welt würde das kritisieren, und ich finde das sehr ungerecht.

Samstag, 19. August

Die Nachrichten stimmten, heute Morgen habe ich gehört, dass die israelische Armee wirklich angegriffen hat. Das macht mich so wütend. Wenn die Hisbollah wieder Raketen starten lassen würde würde, bekämen wir alle große Probleme.

Heute Mittag hatten wir Freunde und Verwandte zu Gast, um den 23. Hochzeitstag meiner Eltern zu feiern. Es war ein richtiges libanesisches Festmahl und dauerte fast drei Stunden mit seinen vielen Gängen.

Als ich heute mit einem Freund zusammen saß, bekam er einen Anruf seiner jüngeren Schwester. Sie hat ihre Prüfungen bestanden. Im Libanon absolvieren alle Neuntklässler am Ende ihres Jahres eine große staatliche Prüfung. Normalerweise kommen die Ergebnisse Mitte Juli, aber wegen des Krieges mussten die Schüler diesmal eine Ewigkeit warten. Ich glaube, selbst die, die durchgefallen sind, sind froh, dass die Katze endlich aus dem Sack ist.

Abends habe ich mit Freunden über den Krieg diskutiert. Einige waren optimistisch, aber die meisten sehen die Zukunftsaussichten gerade nach dem israelischen Angriff eher negativ.

Sonntag, 20. August

Heute Mittag begann es plötzlich zu regnen. Normalerweise regnet es bei uns im Nahen Osten nie im Sommer. Insbesondere im August. Es war, als würde die Erde weinen über das, was im Libanon passiert ist.

Nachmittags konnte ich das Auto nehmen, es sieht so aus als würde sich die Benzinversorgung normalisieren. Ich fuhr zu dem Mädchen, das seine Prüfungen bestanden hat, um mit ihr zu feiern - eine arabische Tradition. Ihre Mutter versorgte uns mit Melone, Saft und Süßigkeiten.

In meinem letzten Tagebuch-Eintrag möchte ich allen Menschen Frieden wünschen. Ich glaube, alle Libanesen, egal ob Muslime oder Christen, wünschen sich Frieden. Israel will dasselbe. Wir müssen jetzt zusammenarbeiten und immer daran denken, dass Gewalt niemals zu Frieden führt.

Timothy Kassis lebt in der Bekaa-Ebene im Südlibanon. Sein Vater ist Direktor eines Internats, seine Schwester und Mutter flohen vor dem Krieg nach Syrien. Timothy blieb zu Hause und half seinem Vater, die vielen Flüchtlinge, die in ihrer Schule campierten, zu versorgen.


Am Dienstag in SPIEGEL ONLINE: Der Israeli Yonatan Lehmann, 20, erzählt, wie er von seiner Weltreise in einen Kibbuz an der Grenze zum Libanon zurückkam und wegen der Raketeneinschläge nach Tel Aviv flüchtete.

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