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Tokio Hotels Erben gesucht: Hauptsache blutjung

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LaFee, Lucry, Killerpilze - fast verzweifelt fahndet die Musikbranche nach Jungstars und bewirft schon 13-Jährige mit Plattenverträgen. Manche lassen die Schule sausen. Doch das Business kennt kein Erbarmen. Wer mit der zweiten Single keinen Erfolg hat, ist weg.

Wenn Luis Cruz, 16, über seine kurze Karriere spricht, klingt er fast wie ein richtiger Profi. Er sagt dann altkluge Sätze wie: "Am wichtigsten ist es, sich nicht von anderen beirren zu lassen." und wirkt dabei gar nicht aufgesetzt. Nichts lässt ahnen, dass er bis vor kurzem einfach ein Schüler war, der sich jetzt so schnell in der Welt der Musikindustrie zurechtfinden muss, dass ihm davon ein bisschen schwindelig wird.

Luis bestellt sich im Café im Berliner Volkspark Friedrichshain eine Cola. Seine braunen Locken hat er unter dem roten Käppi zum Zopf gebunden, an seinen Ohrläppchen funkeln unechte Diamanten, unter seinem Basketball-Shirt liegen bunte Ketten aus kleinen Plastikperlen um seinen Hals. Luis achtet auf sein Äußeres, das musste ihm die Plattenfirma nicht erst beibringen. Auch die gerade, selbstbewusste Haltung und die typischen HipHop-Posen kommen ganz automatisch, wenn er mit wiegenden Schritten durch den Park schlendert.

Selbstbewusst erzählt der Deutsch-Kubaner von sich und seiner neuen Karriere als Reggaeton-Sänger Lucry. "Weißt du, es geht vor allem darum, authentisch zu sein und an sich zu glauben. Ich bin immer natürlich und äffe keinen Style nach", erklärt er seinen Erfolg. "Viele Jugendliche träumen davon, Musik zu ihrem Beruf zu machen. Sie rennen zu Casting-Shows und denken 'Ich singe da ein bisschen rum und habe bald meinen Privatjet'. Aber sie vergessen, dass es wichtig ist, die Musik zu fühlen, die man macht." Er jedenfalls schreibe alle seine Texte selbst.

Tokio Hotel als Blaupause

Deutsche Texte gab es zuvor nicht im Reggaeton, dieser Mischung aus HipHop und lateinamerikanischen Klängen, die von Cuba bis Chile überall gehört wird und langsam auch in Europa ankommt. In diesem Jahr hat Luis einen Plattenvertrag bei Sony BMG ergattert. Mit elf hatte er sich dort zum ersten Mal mit seiner Musik beworben, ein zweites Mal mit vierzehn. Jetzt ist seine Platte "El Latino Alemán" erschienen. Und Luis ist nur einer von vielen Teenagern, die in den letzten Monaten Major-Deals abgestaubt haben.

Die Branche hält gezielt Ausschau nach jungen Talenten - richtig jungen. Es sind die Nachwehen des Überraschungserfolges der Magdeburger Teenie-Band Tokio Hotel, die das kränkelnde Musikbusiness aufhorchen ließ. Universal Music selbst hatte an den Raketenstart von Tokio Hotel kaum geglaubt. Als die Verkaufszahlen explodierten, bot sie auch der bayerischen Schülerband "Killerpilze" einen Vertrag an, das jüngste Bandmitglied war 13 Jahre alt. Der neueste Universal-Fang ist der Siebtklässler A.N.D.R.E. aus Wolfsburg, erst 14 Jahre alt. Ende Oktober ist seine erste Single erschienen und ein Video, das täglich beim Kinder-Sender "Nick" gespielt wird.

EMI Music zog nach und fischte die Aachenerin Christina Klein, 15, direkt aus der Hauptschule weg, ließ ihr von einem erfahrenen Produzententeam den richtigen Chart-Sound auf den Leib schneidern und hievte sie als romantisch-freche Rockprinzessin LaFee mit dem Song "Prinzesschen" auf Platz eins der deutschen Charts. Auf der Loveparade trat in diesem Sommer der jüngste DJ aller Zeiten auf: Sascha Ronsisvalle wird als "Sascha the Raveboy" von seinem Vater in Techno-Discos geschleust und kommt nur mit Sondergenehmigung an den Türstehern vorbei – er ist erst 13.

"Rücksichtslos durch die Musikmaschinerie gedreht"

"Für Teenager gibt es mehr Plattformen zur Vermarktung", erklärt Lucrys Managerin Gordana Zezelj, die lange Zeit für Sony als "Artist and Repertoire Director" nach neuen Talenten suchte. "Für ernsthafte Musik mit älterem Zielpublikum braucht es Vorbereitungszeit und einen langen Atem. Sie muss sich unter anderem viel über Live-Auftritte durchsetzen", erklärt sie. Teenager dagegen ließen sich leicht bei Viva, Bravo oder dem Klingelton-Hersteller Jamba platzieren – das gebe den Ausschlag für Erfolg bei Jugendlichen. Auch ein Profil bei MySpace.com gehört zur Strategie. Dort hat Lucry im letzten halben Jahr über 2300 virtuelle Freunde gesammelt.

"Da werden junge Leute, die Spaß an der Musik haben, durch die Musikmaschinerie gedreht, ohne Rücksicht auf Verluste", kritisiert Musikproduzentin Christina Drewing, die das Innenleben der Branche präzise kennt und in ihrem Buch "Die wahren deutschen Superstars und wie alles beginnt" die Anfänge des Musikernachwuchs beschreibt. "Die jungen Bands und Musiker verlieren dabei völlig ihre Eigenständigkeit und Unverwechselbarkeit." Genau darauf aber komme es bei wahren Stars an.

Ohne ehrgeizige Eltern sind nicht mal Eintagsfliegen denkbar. "Meine Familie ist furchtbar stolz auf mich", sagt Lucry. Sein kubanischer Vater habe ihm die ersten Auftritte auf Straßenfesten und in der eigenen Salsa-Bar arrangiert. Bei Christina Klein alias LaFee wurde die Mutter aktiv: Sie drehte ein Bewerbungsvideo ihrer zwölfjährigen Tochter und meldete sie für Fernsehcastings an. Christina sang bei Arabella bis Star Search, bis ein Produzent beim österreichischen Gesangswettbewerb "Kiddy Contest" auf sie aufmerksam wurde und anrief. "Dass gerade ich Erfolg habe, hat einfach mit Glück zu tun", meint Christina heute. "Vielleicht wollte der liebe Gott mir einfach meinen größten Traum erfüllen."

Was für die jungen Musiker aussehen mag wie göttliche Fügung, bleibt für die Plattenfirmen meist ein Testballon. "Man guckt nach der zweiten Single, wie die Stimmung ist, und entscheidet über weitere Investitionen", sagt Managerin Zezelj. Oft bleiben nur wenige Monate, um sich in ein Leben hineinzufinden, das nun Promo-Touren, Videodrehs und Fototermine füllen.

"Mein Leben ist jetzt viel anstrengender als vorher", sagt LaFee, der die Managerin leise souffliert, wenn sie am Telefon Interviews gibt. Weil sie so viel unterwegs ist, hat sie sich von der Schule befreien lassen. Sie bekommt Lehrmaterial per Post, um für ihre Mittlere Reife zu lernen. "So eine Chance hat man halt nur einmal im Leben, da musste ich zugreifen. Es ist wie ein Sechser im Lotto."

Ein Tanga in der Fanpost

Lucry geht unbefangener mit dem Spagat zwischen Schule und Musik um. Natürlich sei es auch für ihn "krass, vor so vielen Leuten zu stehen, die meine Texte mitsingen", sagt er. Sein Abi auf der Europaschule Schöneberg will er dafür aber nicht sausen lassen. "Es ist schon merkwürdig", findet er, "ich bin ja noch derselbe Luis wie vorher, gehe zur Schule und habe meine alten Kumpels. Doch plötzlich stehen schreiende Mädchen vor Bühnen und warten auf mich." Wenn ihn in der Schule jemand um ein Autogramm bitte, sei ihm das eher unangenehm.

Alle paar Tage hole er sich seine Fanpost bei der Plattenfirma ab und fühle sich dann ziemlich geehrt: Weibliche Fans schicken Stofftiere, Schokolade und Fotocollagen, einmal war sogar ein Tanga dabei. Kürzlich schenkte ihm eine Gleichaltrige nach einem Konzert ein Lebkuchenherz mit der Aufschrift "Ich liebe dich".

Dabei bleibt Luis kaum Zeit für Flirts oder Freundin. Er verbringt seine Freizeit bei Auftritten auf dem Marktfest in Cloppenburg, bei der Eröffnung einer neuen Filiale der Jeanskette "New Yorker" in Berlin oder gibt Signierstunden in Schulen. Allein seine Frisur kostet ihn vor Fototerminen mehrere Stunden, in denen er sich seine Locken zu Zöpfchen an den Kopf flechten lässt. Nach den Shootings kann er meist alle Klamotten behalten, in denen er abgelichtet wird. Klar, dass er die Baggy-Hosen und XXL-T-Shirts seiner Sponsoren auf dem Schulhof verschenkt, sagt er. "Als einziger immer mit neuen schicken Sachen rumlaufen? Das könnte ich nicht."

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