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Tote Hosen als Vertretungslehrer: Hey, hier kommt Jesus

Sie grölten "Eisgekühlter Bommerlunder" und verkündeten die Ankunft eines gewissen Alex. Nun zeigen sich die Toten Hosen von ihrer spirituellen Seite: Das Jugendmagazin "Spiesser" schickte Campino, Andi, Breiti als Religionslehrer zu Achtklässlern einer Gesamtschule.

Regine-Hildebrandt-Schule in Birkenwerder, 11.25 Uhr: Für die nächsten 45 Minuten schmeißen hier die Toten Hosen die Messe. Drei Punks mit Schrabbelsongs, die sich zum Thema Religion äußern? Das kann ja heiter werden! Campino geht auch gleich in die Vollen: die Gretchenfrage!

Campino: Wer von euch ist denn gläubig?

Fünf oder sechs Leute melden sich.

Klasse Auftritt: Campino spricht über Gott und die Welt, im Wortsinn
Klaus Gigga

Klasse Auftritt: Campino spricht über Gott und die Welt, im Wortsinn

Campino: Das ist ganz klar die Minderheit. Dann wäre meine Frage an die, die nicht gläubig sind: Wieso ist das bei euch so?

Mark hat dafür eine recht simple, aber plausible Erklärung.

Mark: Ich glaube nicht an Gott, weil ich ihn mir einfach nicht vorstellen kann. Jesus schon eher, aber Gott...

Campino: Wobei Jesus ja auch eine Figur aus dem christlichen Glauben ist. Wer von euch sagt denn: Religion, das ist alles totaler Käse?

Marie und Lisa, die in der letzten Reihe sitzen, melden sich sofort.

Andi: Glaubt ihr nicht einmal, dass es irgendeine übernatürliche Kraft gibt?

Lisa bleibt da stur: Kopfschütteln.

Marie: Zum Beispiel das mit dem Leben nach dem Tod. Das kann doch nicht funktionieren! In den Himmel kommen... Schwebt man dann da rum, oder wie?

Die Klasse kichert. Campino lässt sich nicht beirren und dreht den Spieß einfach um.

Campino: Warum gibt es eurer Meinung nach denn dann Religion?

Marie: Ich denke, das hat sich mal jemand ausgedacht, um bestimmte Dinge zu erklären, und das haben dann viele Leute im Laufe der Zeit einfach nachgemacht.

Campino: Sicherlich war die Religion in Zeiten sehr wichtig, in denen die Menschen sich noch sehr wenig selbst erklären konnten. Außerdem brauchten diese frühen Dorfgemeinschaften Regeln. Wenn du da keine Regeln hast, wird der Stärkste mit dem dicksten Stein dasitzen und dann alle Schwächeren erschlagen. Aus diesen und anderen Gründen war die Religion keine Spielerei, sondern Notwendigkeit, um ethische Grundsätze und ein Moralgefühl zu entwickeln. Was mich auch immer nachdenklich macht: Egal wie verschieden die Kulturen sind - alle haben irgendwas, woran sie glauben. Das allein sollte einen stutzig machen, ob da nicht ein bisschen mehr dahinter steckt. Dass muss dann nichts mit evangelisch oder katholisch zu tun haben.

11.46 Uhr: Die Klassengemeinde lauscht andächtig. Schwingen sich die bunten Punks da etwa zu Freizeit-Missionaren auf? Scheint beinahe so. Wo das wohl noch hinführt? Man plaudert aus dem Nähkästchen...

Breiti: Ich wurde katholisch erzogen und habe wirklich viel mitgemacht in der Kirche. Ich hatte aber auch das Glück, dort wirklich gute Leute zu treffen. Mit 16 oder 17 Jahren wurde mir das trotzdem zu eng. Die Erklärungsversuche und die ganze Symbolik – da habe ich versucht, meine eigenen Erklärungen zu finden. Eine Sache bleibt trotzdem, an der wir alle zu knabbern haben: der Tod. Der ist für euch noch weit entfernt, für uns ist er schon ein bisschen näher. Da stellte ich mir irgendwann die Frage: Was bleibt von mir übrig, außer den paar Liedern, die wir gemacht haben? Und eine Antwort darauf ist der Glaube. Dafür brauche aber auch ich keine katholische oder evangelische Kirche, keinen Islam oder Hinduismus. Obwohl ich diese Kirchen respektiere.

Campino: An die, die nicht gläubig sind: Wäre die Welt in euren Augen eine bessere, wenn es Religion und Glauben nicht geben würde?

Marie: Also ich finde, jeder kann glauben, was er will. Trotzdem wird Religion manchmal viel zu stark ausgelebt.

Lisa: Zum Beispiel von Frauen, die sich komplett verschleiern...

Campino: Aber das sind ja alles Auslegungen vom Glauben, die von Menschen gemacht wurden. Der Glaube ist immer nur so gut oder so schlecht wie die Menschen, die ihn interpretieren. Im Koran steht nicht, dass Frauen sich verschleiern müssen. Es gibt Leute, die sind im Glauben liberaler und andere, die ihn fanatisch ausleben. Fanatismus ist eine Seuche, die nichts mit Glauben zu tun hat. Wo Fanatismus losgeht, wird es meistens klamm. Das fängt schon im Fußballstadion an, wenn sich Leute wegen ihres Vereins hauen wollen. Ich finde gut, dass ihr alle hier sehr kritisch seid. Aber neben dem Kritisch-Sein darf man nicht die positiven Aspekte vergessen, die Religion auch hat. Ich denke, dass auch viele Leute im Namen des Glaubens unglaublich gute Sachen machen, über sich selbst hinauswachsen und Kräfte gewinnen, die nur durch ihren Glauben zu erklären sind.

Schließlich greift Campino zur Geheimwaffe. Achtung: Fangfrage!

Campino: Wer von euch geht denn an Weihnachten in die Kirche?

Viele melden sich, darunter auch Marie.

Campino: Sogar du? Naja, Kerzen sind ja auch was Feines...

Die Klasse beömmelt sich, Marie wird ein bisschen rot.

Campino: Wer von euch mag denn Sonntage?

Sonntage? Jetzt sind alle ein bisschen konfus. Nur wenige Arme gehen hoch.

Andi: Was, nur ihr vier mögt den Sonntag?

Campino: Das ist doch ein gutes Beispiel. Niemand denkt groß über den Sonntag nach, aber wenn man genau hinguckt, ist unsere Gesellschaft, unsere gesamte Kultur wahnsinnig durchsetzt und geprägt vom Christentum. Auch unsere Gesetze und unser Anspruch auf Freiheit bauen auf der christlichen Religion auf. Seid ihr eigentlich überrascht von der Art, wie wir reden? Es hat ja so ein bisschen den Eindruck, als verteidigen wir die Religion.

Ach was, hätten wir gar nicht bemerkt! Auch Sandra ist ein bisschen verwirrt.

Sandra: Ich wundere mich schon ein bisschen. Wenn man nur eure Musik kennt, hätte man das nicht erwartet.

Campino: Ich habe mich sehr gefreut auf diese Stunde. Seit vielen, vielen Jahren beschäftige ich mich schon mit Religion. Mein Vater war Presbyter in der Kirche, und ich saß sonntags immer hinten auf der Holzbank und wollte einfach nur, dass es vorüber geht. Trotzdem hat mich das Thema nie losgelassen. Immer wieder in meinem Leben habe ich mich mit Glauben beschäftigt. Die Auseinandersetzung damit sollte meiner Meinung nach niemals enden. Man kann zum Beispiel nicht einfach sagen "Ich bin Katholik" und das dann zeitlebens nie wieder ernsthaft hinterfragen. Außerdem ist es nie zu spät, ein- oder auszusteigen in die Religionsdiskussion. Die Option, Glaube als Kraftquelle zu nutzen - da würde ich jedem raten, nicht so schnell die Tür davor zuzumachen.

Apropos Tür: Es ist schon 12.03 Uhr! Marcus sieht seine Chance. Warum nur über Religion reden, wenn man mal so prominente Jungs da hat? Zeit für Männerthemen!

Marcus: Ich bin Bayernfan. Wie seid ihr auf das Lied gegen die Bayern gekommen?

Gelächter. Die eben noch ernste Stimmung löst sich. Campino frotzelt zurück.

Campino: Das ist ein gutes Beispiel für die negativen Auswirkungen des Glaubens: Wie kann man denn an einen Verein wie den FC Bayern glauben? In diesem Fall würde ich mich sofort den Ungläubigen anschließen wollen.

Ein bisschen ungläubig blicken mittlerweile alle drein. Da haben Deutschlands Vorzeige-Punks tatsächlich ein Plädoyer für den Glauben gehalten. Wer hätte das erwartet? Jetzt noch ein paar Autogramme, bevor die Hosen wieder in ihrer Mission Punkrock Richtung Berlin düsen.


Der Autor Robert Stark, 19, findet Religion insgesamt eher skuril. So richtig glaubt er eigentlich nur an Eintracht Frankfurt.

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