Transsexueller Schüler: Marcos Fremdkörper

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Marco steckt im falschen Körper, das wusste er schon als Fünfjähriger. Trotzdem musste sich das transsexuelle Kind lange quälen, bis Eltern und Mitschüler akzeptierten, dass er im Innern kein Mädchen ist. Mit 15 nimmt Marco jetzt Hormone und erfüllt sich seinen Traum: nicht mehr Denise sein.

Julia von Cube

Jeden Morgen, wenn Marco aufwacht, ist sein Penis weg. Dann hat ihn sein Körper wieder eingeholt. "Wenn ich träume, ist alles anders", sagt der 15-Jährige mit weicher Stimme. So wie eines Nachts: Da trugen ihn seine Träume an einen Bahnhof. Er war in einem Mädchenkörper gefangen und rannte einem Zug hinterher. Plötzlich fiel er hin, als er sich wieder aufraffte, war aus ihm ein Junge geworden. "Ich hab mir im Traum ausgemalt, was ich als Junge alles machen würde", sagt er und zögert. "Das war schon eine ziemliche Enttäuschung, als ich dann wieder aufgewacht bin."

Nicht nur nachts träumt Marco vom Jungen-Dasein: Er ist transsexuell, ist als Mädchen zur Welt gekommen, fühlt sich aber als Junge. In seiner Geburtsurkunde steht Denise, weiblich. Ein Fehler, sagt Marco. Vor gut einem Jahr hat er sich deshalb geoutet. "Denise hat für mich nie existiert", sagt er.

Wenn Marco seinen alten Namen ausspricht, geraten seine sonst so flüssigen Sätze ins Stocken. Seine blauen Augen irren dann durch den Raum, er muss sich anstrengen, über Denise zu reden. "Das ist meine Vergangenheit", sagt er. "Der Name ist nur für die, die an das glauben, was von außen sichtbar ist."

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Denise wird Marco: Im falschen Körper geboren
Von außen - da versteckt Marco Denise unter Schlabberklamotten und Baggypants. Mit seinen blonden kurzen Haaren würde er auf der Straße vermutlich als Junge durchgehen. Doch rein biologisch ist sein 15 Jahre alter Körper noch immer ein Mädchen: Da sind weibliche Chromosomenpaare, Ansätze eines Busens und eine Haut, zart wie ein Pfirsich.

"Denise" im Familienurlaub: Bitte sagt Dennis zu mir

Schon als er fünf war, wollte Marco, damals noch Denise, bei einem Strandurlaub nur noch Dennis genannt werden. Als das kleine Mädchen fest entschlossen aufs Männerklo ging, schimpften die Eltern.

"Das ist vielleicht nur eine Phase", sagte sich seine Mutter Annett damals. Doch aus der Phase wurde ein Dauerzustand. Freunde und Bekannte sagten ihr immer häufiger, dass an ihrer Tochter ein Junge verloren gegangen sei. Mit acht verkündete Denise ihrer Mutter, dass sie sich in einen Mann umoperieren lassen möchte. "Ich habe lange Zeit vermutet, dass er lesbisch sein könnte", erinnert sich die Mutter.

Er - das geht Marcos Mutter jetzt ganz einfach von den Lippen. Per E-Mail hatte sich der Teenager ihr gegenüber als allererstes geöffnet. Zu groß war damals seine Angst, seiner Mutter ins Gesicht zu sagen, dass er jetzt einen Namen für seine Gefühle hat: Transsexualität.

Der Vater, der von der Mutter getrennt lebt, ignorierte die Zeichen, solange es ging. Er sah in Marco immer das Mädchen, das lieber mit Jungs spielte und gerne Kurzhaarfrisuren und Jeans trug. Dass sein Vater inzwischen "mein Sohn" sagt, macht Marco glücklich.

Jüngere Schüler drohten ihm Prügel an

Auch in der Schule ist Marco seit einem Jahr geoutet. Auf dem Schulhof hatte er es manchmal schwer - mit all den fremden Kindern und Jugendlichen, die seine Situation nicht kannten. Einmal, erzählt Marco, hätten ihm jüngere Schüler sogar Prügel angedroht, wenn sie ihn auf dem Klo treffen würden.

Seine Klassenkameraden aber hätten seine Transsexualität schnell akzeptiert, sagt Marco. Sie wissen jetzt, warum er nicht dabei sein möchte, wenn alle schwimmen gehen, warum er sich im Sportunterricht in einer Einzelkabine umzieht und warum er bis zu Hause wartet, wenn er auf die Toilette muss. Besonders die Sportumkleide der Mädchen war für Marco vor seinem Outing ein Horror. Er traute sich nicht in die Jungskabine und bemühte jede Woche wieder Ausreden vor sich selbst, warum er sich bei den Mädchen umziehen muss. "Ich hab mir immer gesagt: Dieses Mal ist es bei den Jungs in der Kabine eben leider zu voll."

Medizinisch gesehen ist Transsexualität eine Geschlechtsidentitätsstörung. Das Äußere und das Innere eines Menschen passen nicht zusammen. Um beides miteinander zu verknüpfen, spritzt ein Arzt Marco alle drei Monate Hormone.

Aufgeregt sitzt Marco in der Praxis des Hamburger Hormonspezialisten Achim Wüsthof und wartet auf seine Männlichkeit. Es ist das erste Mal, dass Marco neben sogenannten Pubertätshemmern auch das für Männer typische Hormon Testosteron gespritzt wird. "Durch die Hormonbehandlung versucht man den Körper dem gefühlten Geschlecht anzupassen", erklärt Achim Wüsthof, der Marco seit einem Jahr behandelt.

Am meisten freut sich Marco auf die tiefe Stimme

Pubertätshemmer und Testosteron kann man sich wie Tasten auf einer Fernbedienung vorstellen. Die eine Spritze ist wie eine Pause-Taste für Denise und den falschen Körper: Die Brüste hören auf zu wachsen, die Periode bleibt aus, er wird unfruchtbar. Wenn Marco das Mittel absetzen würde, würde seine weibliche Pubertät wieder beginnen. Die andere Spritze funktioniert wie eine Play-Taste für Marco und sein Leben als junger Mann: Das künstlich hergestellte Testosteron verleiht ihm eine kräftige Männerstimme, auf der zarten Mädchenhaut werden bald Barthaare sprießen. Am meisten freut sich Marco auf die tiefe Stimme. "Wenn man so eine kindliche Stimme hat, glaubt einem niemand, dass man schon 15 ist", sagt er.

Marco ist einer der jüngsten transsexuellen Hormonpatienten in Deutschland. Gerade einmal hundert Kinder und Jugendliche lassen sich laut Expertenschätzungen hierzulande so behandeln. Nur in Einzelfällen kann die Therapie so früh wie bei Marco beginnen, denn die Hürden sind hoch: Oberste Voraussetzung für die Eingriffe ist das Einverständnis der Eltern. Außerdem müssen zwei Psychologen per Gutachten eine Identitätsstörung bescheinigen.

Aber was, wenn es sich die jungen Patienten noch einmal anders überlegen? Was, wenn es dann zu spät ist? Hormonspezialist Wüsthof ist aus seiner eigenen Erfahrung und der Fachliteratur kein Fall bekannt, bei dem sich ein Jugendlicher noch einmal umentschieden hätte. "Wenn Patienten in diesem Alter eine Hormontherapie einmal begonnen haben, dann bleiben sie auch dabei." Er sieht in der frühen Therapie eher eine Chance als ein Risiko für den Patienten: "Es ist geradezu eine Qual, einen Menschen durch eine ungewollte Pubertät zwingen zu wollen."

Für Marco ist die Sache eindeutig: Er möchte nicht mehr ohne Penis aufwachen. Spätestens wenn er volljährig ist, wird er sich zum Mann umoperieren. Dann möchte er einen tollen Job haben - auf keinen Fall im Büro - eine nette Bleibe und natürlich eine Frau. "Dunkelhaarig, hübsch und feminin", so viel steht für Marco schon mal fest.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 167 Beiträge
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1.
Dauthendey 13.01.2012
Zitat von sysopMarco*steckt im falschen Körper, das wusste er schon als Fünfjähriger. Trotzdem musste sich das transsexuelle Kind lange quälen, bis Eltern und Mitschüler akzeptierten, dass er im Innern kein Mädchen ist. Mit 15 nimmt Marco jetzt Hormone und erfüllt sich seinen Traum: nicht mehr Denise sein. Transsexueller Schüler: Marcos Fremdkörper - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL (http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,807219,00.html)
Erfreulich, dass mittlerweile Transsexualität gesellschaftlich halbwegs akzeptiert wird. Erfreulich auch das SPON darüber berichtet. Es gibt eben nicht nur zwei festgelegte Geschlechter. Und das spricht sich langsam herum.
2. Aufklärung ist wichtig
wehwehwehdievernunft 13.01.2012
Zitat von DauthendeyErfreulich, dass mittlerweile Transsexualität gesellschaftlich halbwegs akzeptiert wird. Erfreulich auch das SPON darüber berichtet. Es gibt eben nicht nur zwei festgelegte Geschlechter. Und das spricht sich langsam herum.
natürlich ist das akzeptiert. Diese Menschen brauchen viel Unterstützung und Liebe. Die Gesellschaft braucht mehr Aufklärung darüber. Da wäre doch mal etwas für unseren Bundespräsidenten.
3. Fehler des Schöpfers
Apologet 13.01.2012
Wer behauptet im falschen Körper zu leben behauptet auch, der Schöpfer hat es falsch gemacht. Ach ja - wir kommen ja alle rein materialistisch aus der Ursuppe. Klar. So was kommt von so was.
4.
Juff 13.01.2012
Ich finde den Artikel sehr einseitig. Für mich ist die Situation: Da ist ein (junger) Mensch, der seinen Körper (und seine Gene) nicht akzeptiert, weil sein "Geist/Hirn" nicht dazu passt. Liegt das tatsächlich am (ansonsten funktionsfähigem) Körper oder an seinem Gehirn/seiner Psyche? Wäre es nicht eventuell würdiger für den Menschen(zu dem nicht nur sein Bewusstsein sondern auch sein Körper gehört), Behandlungen im Bereich seiner Psyche zu erfahren als im Bereich des Körpers? Der aktuelle Stand der -seriösen- Forschung, was denn nun "Geschlecht" oder "Identitätsstörung" wirklich bedeutet würde mich deutlich mehr interessieren als das Einzelschicksal dieses jungen Menschen. Das wird durch den Artikel aber leider nur kurz angerissen.
5.
Subco1979 13.01.2012
Zitat von ApologetWer behauptet im falschen Körper zu leben behauptet auch, der Schöpfer hat es falsch gemacht. Ach ja - wir kommen ja alle rein materialistisch aus der Ursuppe. Klar. So was kommt von so was.
Jetzt ist mir endlich mal geworden, was die ganzen Religiösen gegen Schwule und Transsexuelle haben. Hatte mich schon gewundert, wieso ausgerechnet die dauernd so extrem dagegen sind. Konnte mir bisher keinen vollständigen Reim draus machen und habe es auf irgendwelche Traditionen geschoben.
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Transsexualität
Was ist Transsexualität?
Bei Transsexuellen stimmt das Geschlecht, mit dem sie zur Welt gekommen sind, nicht mit dem gefühlten Geschlecht überein. Betroffene sagen häufig, sie seien im falschen Körper geboren.

Warum manche Menschen transsexuell sind, ist noch nicht vollständig erforscht. Neuere Studien zum Thema vermuten, dass bestimmte Hormone ein Auslöser für Transsexualität sein könnten.

Wie viele transsexuelle Menschen gibt es?
Die Zahl der Transsexuellen in Deutschland kann man nur auf Basis der ärztlich behandelten Fälle schätzen. Experten gehen bundesweit von 5000 bis 7000 solcher Fälle aus. Viele Betroffenen trauen sich jedoch nicht, zum Arzt zu gehen und schweigen über ihre Gefühle.

Für transsexuelle Kinder und Jugendliche ist eine Schätzung noch schwieriger, weil sich viele Transsexuelle erst im Erwachsenenalter outen. Hormonspezialist Achim Wüsthof hält bundesweit gut 100 behandelte Fälle von Kindern und Jugendlichen für realistisch.

Wie sieht die Behandlung aus?
Zunächst müssen zwei so genannte Genderspezialisten in einem psychologischen Gutachten die Diagnose stellen, dass ein Jugendlicher transsexuell ist. Erst danach kann eine Hormonbehandlung beginnen – zuerst mit Pubertätshemmern, nach etwa einem Jahr kommen geschlechtsspezifische Hormone Testosteron oder Östrogen dazu.

Bei Minderjährigen ist bei allen Schritten das Einverständnis der Eltern zwingend notwendig. Für eine Geschlechts-OP empfehlen die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, dass der Patient 18 ist. In Einzelfällen können Psychologen aber auch eine frühere OP anordnen.

Welche Risiken gibt es bei der Behandlung?
Nicht alles, was während der Hormonbehandlung mit dem Körper geschieht, ist ohne weiteres wieder umkehrbar. Betroffene machen deshalb vor ihrer Entscheidung häufig einen so genannten Alltagstest, um auszuprobieren wie gut sie in der Rolle des anderen Geschlechts leben. Sie probieren dann aus, wie es ist, wenn sie sich in der Rolle des anderen Geschlechts mit Freunden und Familie treffen oder zur Arbeit gehen. Der Test ist keine Pflicht, soll aber helfen, weitere Therapiemaßnahmen an das eigene Sozialleben anzupassen.

Außerdem wichtig: Nach einer Geschlechtsumwandlung können die Betroffenen keine eigenen Kinder bekommen.

Anlaufstellen für betroffene Jugendliche
Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V.
Psychologische Beratung und Betreuung
Sulzbacher Str. 43
90489 Nürnberg
Tel.: 0911/520 921 8
www.dgti.org

Dr. Achim Wüsthof
Endokrinologikum Hamburg
Lornsenstr. 4-6
22767 Hamburg
www.endokrinologikum.com


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