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Turnerin im Sportinternat: "Ein paar Mal üben und das wird schon"

Von Lena Niethammer

Anja Rheinbay ist 16 Jahre alt und hat ein Ziel: Olympia 2012. Sie turnt seit sie vier ist, ging früh ins Sportinternat, die Leiterin ist wie eine Mutter zu ihr. Mehr Zeit für Freunde und Partys wären zwar schön, sagt Anja, aber nicht so erfüllend wie ein Sieg.

Leben im Sportinternat: "Ein Sieg motiviert mich, weiterzumachen" Fotos
Lena Niethammer

Anja Rheinbay, 16, gleitet langsam in den Spagat und wartet auf Schmerzen. Zuletzt hatte sie es etwas übertrieben: Vor vier Wochen entzündete sich ihr Sitzbein, ein Knochen im Becken. Sie durfte nur noch am Barren und Balken trainieren. Ein schwerer Schlag für eine deutsche Meisterin.

Jetzt ruft sie: "Schaut mal es geht wieder!" Sie lacht. "Das beruhigt mich sehr."

Anja besucht das Sportinternat in Köln und trainiert für Olympia. Mit 13 Jahren machte ihre damalige Trainerin sie auf das Internat aufmerksam. Wer ins Internat will, muss festgelegte Qualifikationen mitbringen und mindestens 14 Jahre alt sein, um aufgenommen zu werden. Bei Anja wurde eine Ausnahme gemacht: Weil sie im Vergleich zu Gleichaltrigen besonders erfolgreich war, durfte sie schon mit 13 einziehen.

Anja ist 1,71 Meter groß, trägt eine kurze schwarze Radlerhose und ein rotes Top, unter dem sich deutlich ihre Muskeln abzeichnen. Ihr Kreuz ist so breit wie das eines Schwimmers. Sie turnt, seitdem sie vier Jahre alt ist. Bislang hat sie sich nie ernsthaft verletzt, trotzdem hat sie immer Angst davor. Ihre Karriere wäre wahrscheinlich beendet. Es kommt auch immer wieder mal vor, dass Schüler nach extremen Verletzungen das Internat verlassen.

Das Internat organisiert Nachhilfelehrer - und Psychologen

In diesem Jahr hat Anja es zum ersten Mal in den WM-Kader geschafft, jetzt muss sie noch die Weltmeisterschafts-Qualifikation überstehen. "Wehe dieses blöde Sitzbein hindert mich daran", sagt sie.

Anja weiß, was sie kann und was sie erreichen will: die Olympia-Teilnahme 2012. Der Weg dorthin ist lang. Anja strengt sich an, schließlich zahlen ihre Eltern auch 450 Euro im Monat für das Internat. Trotzdem ist sie ein fröhliches Mädchen, nicht verbissen.

Wenn der Arbeitstag für normale Jugendliche nach der Schule langsam endet, fängt er für Anja erst richtig an. Sie und die anderen gehen auf ein normales Gymnasium, jeden Morgen fahren sie 20 Minuten mit der Bahn. Im Internat wohnt sie gemeinsam mit 20 anderen Sportlern. Zuvor lebte sie halbtags in einem Internat in der Nähe von Koblenz, sie wurde dort betreut, schlief aber bei ihren Eltern.

Das Sportinternat Köln verspricht, einen "zumutbaren und humanen Weg zum Spitzensportler" zu ermöglichen. Drei Betreuer, zwei studentische Hilfskräfte und ein FSJler kümmern sich um die Jugendlichen. Rund um die Uhr. Das Internat organisiert bei Bedarf auch Nachhilfelehrer und Psychologen.

Die Leiterin des Internats ist eine Art Mutterersatz für die Sportler

Nach der Schule isst Anja im Internat zu Mittag. Hier, sagt sie, treffe man immer aufeinander. Jetzt sitzen Sebastian, 18, Fabio, 16, und Fathi, 17, neben ihr. Fabio und Fathi, beide schlank, klein, mit leichten O-Beinen, sind Fußballer des 1. FC Köln. Sebastian, groß, muskulöse Arme, breites Kreuz, ist Eishockeyspieler.

Eine weitere Turnerin gibt es im Internat nicht. "Ehrlich gesagt finde ich das auch gut so, gerade bei Einzelsportarten entstehen leicht Konkurrenzkämpfe", sagt Anja. "Fußballer haben es einfacher, das Team unterstützt sich immer gegenseitig."

Sie albern rum, necken sich. Anja spielt mit ihrem Schlüssel, wirft ihn nach Fabio. Gerade weil sie sich jeden Tag sehen, seien sie wie Brüder für sie, sagt Anja.

Als eine blonde Frau durch die Tür kommt, ruft Anja: "Frau Wuuuulf!" Frauke Wulf ist die Leiterin des Internats, aber auch eine Bezugsperson für die Jugendlichen, eine Art Mutterersatz. So weit von zu Hause weg, leiden viele unter Heimweh. Anja nicht, schließlich muss sie nur zwei Stunden mit dem Zug zu ihren Eltern fahren und sieht sie fast jedes Wochenende. "Außerdem bin ich nicht so der Heimweh-Typ." Zärtlich streicht Frau Wulf Anja durch die Haare. "Erzählt mir wie es euch geht. Was gibt es Neues? Wie war es in der Schule?"

Anja ist die einzige im Team, die beim Training nicht weint

Anja trainiert in der Turnhalle der Sporthochschule Köln mit ihrem Verein, sieben Mädchen, die als Team in der Bundesliga turnen. Die Halle ist jetzt voll von Kindern, die Räder schlagen und Handstand üben, denn hier trainieren auch noch Studenten der Hochschule und Kinder-Turnvereine. Sofort fällt der Blick auf Anja, sie sticht durch ihre Größe aus der Masse heraus.

Seit zwei Stunden übt sie am Barren, ihrem Lieblingsgerät. Mit einem lauten Knall klatscht sie auf den Boden. Ihr Gesicht zeigt nach unten, Arme und Beine sind ausgestreckt. Ihre Hände konnten den Barren nicht greifen: Sie ist abgerutscht. Kurz herrscht absolute Stille in der Turnhalle, alle Gesichter drehen sich zu ihr um. Langsam rafft sich Anja auf, hebt den Kopf. "Alles gut, es geht schon wieder." Die Trainerin atmet laut aus. Die Schüler turnen wieder weiter.

Anja schleppt sich zu einer Matte und lässt sich fallen. Pause. Immer und immer wieder versucht sie dieses Sprungelement, einen Hechtsalto. Es sei zwar sehr anstrengend, aber das Gefühl zu fliegen, liebe sie daran so sehr. Viele ihrer Teamkolleginnen haben Angst vor neuen Elementen, Anja nicht. "Unter mir liegen ja immer Matten die Schlimmes verhindern. Wenn ich falle, dann weich", sagt sie. Nach wenigen Minuten hat sie sich vom Sturz erholt, ihr Atem ist abgeflacht. Sie lacht wieder. "Ein paar Mal üben und das wird schon."

Anja scheint nie den Optimismus zu verlieren, sich nie selbst Druck zu machen. Beim Geräteturnen ist dies nicht normal, Anja ist die einzige in ihrem Team, die bei diesem Training nicht weint. Nach jedem Rückschlag lacht sie schnell wieder, die Kritik der Trainerin versucht sie sofort umzusetzen. "Ich turne nicht wegen dem Erfolg, sondern weil es mir Spaß macht."

"Ich habe mich an dieses Leben gewöhnt"

Abends, um 20 Uhr, fährt sie zurück ins Internat. Sie teilt sich ihr kleines Zimmer mit einer Judoka. Die beiden Einzelbetten haben die Mädchen zu einem großen zusammengeschoben. Sie liegt im Bett und dehnt sich, zieht ihr rechts Bein mit der linken Hand hinter den Kopf. Sie sagt, sie fände es schön, nie allein sein zu müssen. An Schrank und Wänden hängen Fotocollagen der beiden, aber auch Turnposter und Autogramme von anderen Spitzensportlern.

Anja ist die Beste in ihrem Team, ihre Trainer prophezeien wichtige Titel, Teamkolleginnen reden von überragendem Talent. Zwei aus ihrem Team überlegen, das Turnen hinzuschmeißen. Die Trainerin kümmere sich zu sehr um den Nachwuchs, die Mädchen fühlen sich nicht genug gefordert.

Auch Anja macht sich manchmal Gedanken über ihre Zukunft. Mehr Zeit für Freunde, Hobbys, Partys wäre schön. "Aber ich habe so viele Jahre gekämpft, schon so viel erreicht, das kann ja nicht umsonst gewesen sein", sagt Anja. "Wahrscheinlich würde ich nach kürzester Zeit anfangen, mich zu langweilen." Ein Sieg motiviere sie letztlich, immer weiterzumachen.

"Ich habe mich an dieses Leben gewöhnt", sagt sie.

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    Seite 1    
1. ^^
rîwen 06.05.2011
Zitat von sysopAnja Rheinbay ist 16 Jahre alt und hat ein Ziel: Olympia 2012. Sie turnt seit sie vier ist, ging früh ins Sportinternat, die Leiterin ist wie eine Mutter zu ihr.*Mehr Zeit für Freunde und Partys wären zwar schön, sagt Anja, aber nicht so*erfüllend wie ein Sieg. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,759794,00.html
Mit drei angefangen zu turnen, rhythmische Sportgymnastik, Rhönrad, alles bis zur Deutschen Meisterschaft, mit 15 aufgehört wegen mangelnder Förderung, dafür umgestiegen auf Rennrad und Tae Kwon-Do und Tae-Bo. Mit 16 die erste Bandscheibenvorwölbung, mit 24 der erste Vorfall, seit drei Jahren Arthrose in den Knien, der Meniskus auf jeder Seite aufgeweicht und vor drei Monaten erneut zwei Bandscheibenvorfälle :( Ich hab auch gern geturnt, Sport allgemein war toll. Jetzt hab ich die Quittung :) Was bleibt mir? Schwimmen und Krankengymnastik^^ Ich wünsche der jungen Dame viel Glück.
2. Das hört sich echt schlimm an....
fatherted98 06.05.2011
Zitat von rîwenMit drei angefangen zu turnen, rhythmische Sportgymnastik, Rhönrad, alles bis zur Deutschen Meisterschaft, mit 15 aufgehört wegen mangelnder Förderung, dafür umgestiegen auf Rennrad und Tae Kwon-Do und Tae-Bo. Mit 16 die erste Bandscheibenvorwölbung, mit 24 der erste Vorfall, seit drei Jahren Arthrose in den Knien, der Meniskus auf jeder Seite aufgeweicht und vor drei Monaten erneut zwei Bandscheibenvorfälle :( Ich hab auch gern geturnt, Sport allgemein war toll. Jetzt hab ich die Quittung :) Was bleibt mir? Schwimmen und Krankengymnastik^^ Ich wünsche der jungen Dame viel Glück.
...aber ich kann das in meinem Bekanntenkreis bestätigen. Eine Kollegin die von 6-16 Balett gemacht hat ist heute mit 48 in orthopädischer Dauerbehandlung und hat Schmerzen bis zum abwinken. Die Ärzte sagen...typisch Balett. Ein Kollege war im Fußballverein und war mit 18 fast schon Profi...ist heute fast nicht mehr in der Lage Treppen zu steigen (mit 45) weil Knie und Knöchel total kaputt sind. Ich bin sehr skeptisch was Leistungssport bei Kinder und Jugendlichen anrichten kann... Wäre es nicht gesünder den mäßigen Breitensport zu fördern...und mehr den Spaß an Sport und Spiel als das immer steigende Leistungsniveau?
3. Gewaschen
wilde Socke 06.05.2011
Zitat von sysopAnja Rheinbay ist 16 Jahre alt und hat ein Ziel: Olympia 2012. Sie turnt seit sie vier ist, ging früh ins Sportinternat, die Leiterin ist wie eine Mutter zu ihr.*Mehr Zeit für Freunde und Partys wären zwar schön, sagt Anja, aber nicht so*erfüllend wie ein Sieg. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,759794,00.html
"Alles für diesen einen Moment" (aus der Werbung). Ob so ein Sieg wirklich erfüllender ist, als die Zeit mit Freunden zu verbringen? Ich finde, diese bedauernswerte junge Frau unterliegt der Gehirnwäsche der Leistungsgesellschaft.
4. -
taupe, 06.05.2011
Zitat von rîwenMit drei angefangen zu turnen, rhythmische Sportgymnastik, Rhönrad, alles bis zur Deutschen Meisterschaft, mit 15 aufgehört wegen mangelnder Förderung, dafür umgestiegen auf Rennrad und Tae Kwon-Do und Tae-Bo. Mit 16 die erste Bandscheibenvorwölbung, mit 24 der erste Vorfall, seit drei Jahren Arthrose in den Knien, der Meniskus auf jeder Seite aufgeweicht und vor drei Monaten erneut zwei Bandscheibenvorfälle :( Ich hab auch gern geturnt, Sport allgemein war toll. Jetzt hab ich die Quittung :) Was bleibt mir? Schwimmen und Krankengymnastik^^ Ich wünsche der jungen Dame viel Glück.
Leistungssport bedeutet in der Regel nun mal für den menschlichen Körper eine enorme Belastung. Um das zu vermeiden, müsste man schon im Bereich "Gesundheitssport" bleiben. Ich befürchte, dass die meisten Kinder und Jugendliche von Trainern / Eltern über die möglichen negativen Auswirkungen des Leistungssports kaum aufgeklärt werden. Ansonsten wünsche ich Ihnen gute Besserung!
5. bedauern
tellerrandgucker 06.05.2011
Hier lese ich Bedauern, skeptische Berichte über die Leistungsgesellschaft in diesem Bereich und Worte wie "Belastung", "Gehirnwäsche", "Dauerbehandlung"... Alles - sicher - soweit richtig. Allerdings *muss* man ja offenbar im frühesten Kindesalter anfangen, es muss Zeit, Geld, Nerven geopfert werden, um dann - vielleicht - bis nach oben zu kommen. Fällt sowas weg, dann erwarte ich bereits die erbitterten Berichte, dass bei Olympia 202X es keine deutsche Goldmedaille gab, dass es bei der Fussball-WM die deutsche Mannschaft nicht ins Viertelfinale geschafft hat. Böse Leistungsgesellschaft? Wir "machen" diese - als Sport- und Medaillenspiegelgucker - ja selbst...
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