Vertretungsstunde: Blumentopf und die Physik des Longdrinks

Keine Raptexte, sondern Aggregatzustände paukte Holunder von der HipHop-Band Blumentopf mit Münchner Gymnasiasten. Das Jugendmagazin "Spiesser" schickte ihn als Vertretungslehrer, Holunder mixte Drinks und verteilte Wasabibohnen. Der Mann weiß, was er tut - er ist Diplomphysiker.

Holunder als Physiklehrer: Verflüssigt euch! Fotos
Said Burg

Montagmorgen, 9.45 Uhr, die 8d des Karlsgymnasiums in München hat sich im Physiksaal versammelt. Lehrer Holunder - Diplomphysiker und jetzt Physik-Doktorand - war natürlich eher da, hat seine Experimente vorbereitet.

Holunder: Grüßt euch. Wir machen heute eine Stunde Physikunterricht - steht ja auf dem Stundenplan.

In der Klasse Juhu-Rufe.

Holunder: Juhu? Schön. Fangen wir mal mit der Wiederholung der letzten Stunde an. Ich war ja nicht da.

Scherztopf!

Holunder: Ich habe mir sagen lassen, dass ihr erklären könnt, warum man Eiswürfel in seinen Drink tut?

Felix: Damit das Wasser kälter wird?

Rike: Die Eiswürfel schmelzen und geben dabei Kälte ab.

Gut. Schüler waren also anwesend in der letzten Stunde. Von der Theorie in die Praxis.

Holunder: Jetzt mischen wir einen richtigen Drink. Wie alt seid ihr? Wir brauchen zwei Achtzehnjährige, da wir hier richtigen Alkohol haben!

Die Jungs sind sich nicht einig, ob sie schon 21 oder 18 sind. Fionn und Moi kommen nach vorn.

Holunder: Einer mischt den Alkohol, einer das Wasser - das dürft ihr schon mit 14. Okay. Ihr messt jetzt mit dem Messzylinder genau 50 Milliliter ab. Am besten über dem Waschbecken - wenn ihr was verschüttet, gibt das keine Sauerei.

Felix: Fionn, trink mal 'n Schluck!

Sehr witzig, Felix. Dann wäre das Experiment ja gescheitert!

Holunder: So, meine beiden Barkeeper. Jetzt mischt mal Wasser und Alkohol fünfzig-fünfzig.

Ob Holunder das auch immer zum echten Barmann sagt?

Moi (misst das Drink-Volumen): 97 Milliliter!

Holunder: Es müssten eigentlich 100 sein. Wo ist der Rest geblieben?

Fionn: Die einen Teilchen sind größer als die anderen. Wir haben weniger Volumen, weil die kleinen zwischen den großen verteilt sind.

Holunder: Richtig. Das Experiment zeigt, dass chemische Stoffe aus vielen unterschiedlich großen Teilchen bestehen. Alkoholteilchen sind zum Beispiel größer als Wasserteilchen! Jetzt könnt ihr mitschreiben.

10 Uhr: Die Schüler ziehen murrend ihre Hefter heraus.

Holunder: Ein Stoff kann verschiedene Aggregatzustände annehmen - fest, flüssig und gasförmig. Wie die sich voneinander unterscheiden, kann man mit einem Teilchenmodell erklären. Ihr hier in der Klasse seid im festen Zustand. Jeder sitzt an seinem Platz, kann sich ein bisschen bewegen, aber mit niemandem tauschen.

Natürlich probieren die Jungs in der ersten Reihe, sich umzusetzen. Holunder ganz lehrerlich:

Holunder: Geht nicht, wenn ihr Plätze tauscht, gibt es einen Verweis! In der Pause könnt ihr euch verflüssigen.

Er nimmt eine Schaumstoffplatte in die Hand, legt Wasabi-Bohnen in die runden Vertiefungen und drückt das alternative Teilchenmodell den Störenfrieden in die Hände. Die Mädels in der ersten Reihe essen die Bohnen. Sophia schiebt noch Schokolade hinterher. Nerven gestählt - nächstes Experiment.

Holunder: Wie sieht der Festkörper im flüssigen Zustand aus, wenn ich Energie zuführe?

Rike: Die Teilchen berühren sich auch. Aber sie bewegen sich untereinander.

Rike ist wissensmäßig gut dabei. Zur Verdeutlichung ihrer Aussage stellt Holunder eine Schale Wasser auf den Projektor.

Holunder: Wenn ich da reinschaue, sieht es nicht aus, als würden sich da Teilchen bewegen. Wenn ich einen farbigen, wasserlöslichen Stoff nehme, kann ich diese Bewegung sichtbar machen.

Man erkennt zunächst nur pinke Farbkleckse. Ob das das Zeug ist, das der Zahnarzt zur Putzkontrolle auf die Zähne schmiert? Irgendwann ist das ganze Wasser blassrosa. Sieht auch besser aus als beim Zahnarzt. Experiment geglückt.

Holunder (fasst zusammen): Die Aggregatzustände unterscheiden sich dadurch, wie stark sich die Teilchen bewegen. Und je wärmer ein Stoff ist, desto mehr bewegen sie sich. Was für eine Energie haben Teilchen, die sich bewegen?

Julia: Bewegungsenergie. Und je schneller sie sind, desto mehr kinetische Energie haben sie.

Holunder: Genau. Die Teilchen bewegen sich, die Wärmeenergie ist also in der Bewegungsenergie der Teilchen enthalten. Charakteristisch für Wärmeenergie ist, dass die Bewegung kreuz und quer geht. Wenn ich Kreide da rüber schmeiße...

Holunder schmeißt ein Kreidestück da rüber.

Holunder: ...hat sie Bewegungsenergie, aber keine Wärmeenergie, weil alle Teilchen sich in dieselbe Richtung bewegen. Wenn ich die Kreide jetzt aufheize und Wärmeenergie reinstecke, bewegen sie sich in verschiedene Richtungen - das ist der Unterschied.

10.28 Uhr: Die Klasse kommt zum Schluss, dass der durchschnittliche Abstand zwischen den Teilchen größer wird, je wärmer der Festkörper ist. Holunder sucht kurz die weggeworfene Kreide, dann schreibt er die schöne Tageserkenntnis an die Tafel. Es klingelt. Gehen will keiner. Zwei Schülerinnen belagern Holunder - mit Physikfragen. Mehr davon, bitte.


Von Katrin Werner für die Jugendzeitschrift "Spiesser".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
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1. kein Titel
seikor 12.07.2010
Weiß er das wirklich? Eiswürfel "geben Kälte ab" ?? Chemisches Mischungsexperiment für Atomgrößen als Motivation für Aggregatszustände? Ich vermisse im Artikel irgendeinen Hinweis darauf, was die Intention dieses Artikel ist. Sind Rapper jetzt die besseren Physiklehrer? Ich lese hier ledliglich ein unvollständiges Protokoll über eine mittelmäßige Physikstunde, wie sie tagtäglich zigfach stattfindet. Verweis wegen vertauschten Plätzen? Unrealistisch.
2. Longdrink
libertarian 12.07.2010
Zitat von sysopKeine Raptexte, sondern Aggregatzustände paukte Holunder von der HipHop-Band Blumentopf mit Münchner Gymnasiasten. Das Jugendmagazin "Spiesser" schickte ihn als Vertretungslehrer, Holunder mixte Drinks und verteilte Wasabibohnen. Der Mann weiß, was er tut - er ist Diplomphysiker. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,701591,00.html
Vielleicht kann ja dann der Englischvertretungslehrer dem Physikvertretungslehrer ja dann noch erklaere, dass es eigentlich keine "Longdrinks" gibt...
3. guter lehrer :)
KingKronos 12.07.2010
Zitat von seikorWeiß er das wirklich? Eiswürfel "geben Kälte ab" ??
Das ist die Aussage einer Schülerin! Und die ist von der Logik her nicht falsch. Wieso sollte man, wenn man von "Wärmeverlust" Spricht, nicht auch von "Kälteverlust" als Bezeichnung für das Steigen von Temperaturen verwenden, solange jedem klar ist was hiermit gemeint ist darf das ruhig seinen Platz in der Umgangssprache einnehmen. Ja! Wo ist das Problem? So weit liegen Chemie und Physik ja nicht auseinander? (Wenn jemand kein Fachidiot ist, soll er das doch ruhig auch nutzen...) Dass er Rapper ist wird hier nur nebenbei angesprochen, (wird hier höchstens dazu genutzt um auf den Artikel aufmerksam zu machen). Was bist du? Lehrer? Wenn das für dich mittelmäßig ist, dann frage ich mich in was für einer Welt du lebst. Unterricht in dem die Schüler so konkret motiviert werden ist viel zu selten! Das ist vielleicht nicht das, was beim Staatsexamen gewollt wäre (hier zählt weniger ob die Aufgabe, die Schüler für ein Fach zu begeistern erfüllt wird, sondern ob die Form stimmt, darum sind die Lehrer, die mit "1.0" abschließen, in der Praxis meistens die schlechtesten), Tatsache ist aber dass die Schüler sich für das Fach begeistern können, und das ist die Leistung hierbei. Der Artikel soll zeigen dass es SO funktioniert, und SO auch gemacht werden sollte. Leider verstehen das die meisten Lehrer nicht. Ich hoffe ich werde nach meinem Studium nicht zu eben diesen Lehrern gehören, die vergessen haben, was sie als Schüler am Unterricht gestört hat. Das sollte ein Witz sein, leider wurde für gewisse Leser nicht markiert, wann auf dem Gesicht des Lehrers ein Grinsen erscheint. KK
4. ...
Bunsen 12.07.2010
Zitat von seikorWeiß er das wirklich? Eiswürfel "geben Kälte ab" ?? Chemisches Mischungsexperiment für Atomgrößen als Motivation für Aggregatszustände? Ich vermisse im Artikel irgendeinen Hinweis darauf, was die Intention dieses Artikel ist. Sind Rapper jetzt die besseren Physiklehrer? Ich lese hier ledliglich ein unvollständiges Protokoll über eine mittelmäßige Physikstunde, wie sie tagtäglich zigfach stattfindet. Verweis wegen vertauschten Plätzen? Unrealistisch.
Die Intention ist, dass man entweder ein Miesepeter sein kann oder aber auch die ganze Sache so angeht, dass die Schüler Spaß an der Sache haben. In der Schule muss es ja nicht ganz so humorfrei abgehn, wie hier im Forum. :)
5. Nette Geschichte - mehr nicht
akraft 12.07.2010
Zitat von KingKronosDas ist die Aussage einer Schülerin! Und die ist von der Logik her nicht falsch. Wieso sollte man, wenn man von "Wärmeverlust" Spricht, nicht auch von "Kälteverlust" als Bezeichnung für das Steigen von Temperaturen verwenden, solange jedem klar ist was hiermit gemeint ist darf das ruhig seinen Platz in der Umgangssprache einnehmen.
Das darf und sollte man nicht zulassen, da aus unkonkretem Halbwissen nur noch weiteres unkonkretes Halbwissen entstehen kann. Für die weiterführenden Klassen ist es fatal, das so im Raum stehen zu lassen und für Schüler ist es keinesfalls klar. Zumindest lässt es sich nicht aus dieser Aussage ablesen, ob hier tatsächlich eine Erkenntnis nur falsch ausgedrückt wurde oder sie schlicht und ergreifend das Prinzip nicht verstanden hat. Einem meiner Vorredner muss ich außerdem zustimmen. Die Beschreibung zeigt eine reines Lehrer-Schüler Gespräch bei dem die Aktivitäten sich auf verbale Äußerungen und ein bis zwei "Versuche" beschränken, die von nicht einmal der Hälfte einer einer Klasse durchgeführt werden. Die Motivation der Schüler, die hier gezeigt wird, existiert im Schulalltag bei solch schaurigen Stunden auch, sobald eine neue Lehrkraft vor der Klasse steht. Sie hält meistens zwei bis drei Stunden an und dann war es das. In dieser Stunde werden für die Schüler Themen der Wärmelehre bunt gemischt und sie müssen sie hinterher sortieren. Wenn etwas "kalt wird", dann gibt man eben nicht "etwas dazu", sondern es findet umgekehrt ein Energietransfer statt. Übrigens würde jeder Lehrer wegen der Anti-Alkohol-Programme, welche ständig an Schulen stattfinden (gerade bei 8. Klassen) die "witzigen Bemerkungen" zu Beginn vermeiden. Natürlich muss es nicht ständig ernst und in einer friedhofsähnlichen Atmosphäre zugehen, aber mehr Sachlichkeit und didaktischer Aufbau eines Themas sind wünschenswert. Und da unterscheidet sich dann doch der Diplomphysiker vom Physiklehrer - der Physiklehrer versucht den Zusammenhang zu zeigen und das in kleinen Schritten. Dem Diplomphysiker fällt es sehr viel schwerer, sich auf einen Stand zu begeben, auf dem ihm diese Zusammenhänge noch nicht klar waren. Und um es gleich zu sagen - ja, mir sind beide Bereiche persönlich bekannt ;-)
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Zur Person
Said Burg
Holunder, 31, heißt eigentlich Bernhard Wunderlich und ist Rapper der fünfköpfigern HipHop-Band Blumentopf. Seit 2006 ist er Diplom-Physiker, gerade schreibt er seine Doktorarbeit in Biophysik. Blumentopfs erstes Album kam 1997 heraus, die Band gibt es bereits seit 1992. Mit der Single "Horst" schafften sie es auf den ersten Platz der deutschen Charts. Zu jedem WM-Spiel Deutschlands produzierten sie einen Song. Ihr neues Album "Wir" ist gerade erschienen.
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