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Vertretungsstunde: Bushido ruiniert sein Image

Für diesen Auftritt musste er früh aufstehen: Das Jugendmagazin "Spiesser" schickte Bushido als Vertretungslehrer zu Berliner Realschülern. Mit Klasse 10a sprach der Rapper über die Hauptstadt, Hertha BSC, Ost und West - und outete sich als Kriegsdienstverweigerer und Streichelzoobesucher.

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8 Uhr. Lehrer Bushido schlendert unter den erwartungsvollen Blicken der Schüler zum Lehrertisch.

Bushido: Morgen.

Klasse (im Chor): Guten Morgen.

Bushido: Unglaublich. Und ich war jetzt seit 14 Jahren nicht mehr in der Schule... Na, euer Pech. Also: Wer hält das erste Referat?

8.02 Uhr. Wie, was jetzt, kein Warm-up, Mann? Auf den Bänken hängen Schlafes Kinder, kann der Typ nicht erst mal Stimmung machen? Immerhin: Zwei melden sich. Nima verpennt seinen Einsatz und muss zur Strafe sofort über Berliner Wirtschaft referieren.

Nima: Die aktuelle Lage: Das Bruttoinlandsprodukt von Berlin liegt bei 80,3 Milliarden. Und 80 Prozent aller Beschäftigten sind im Dienstleistungssektor. Das heißt, die meisten hier arbeiten da, wo sie anderen behilflich sind. Also beim Frisör oder so.

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Bushido als Vertretungslehrer: Mann, Mann, Mann

8.10 Uhr. Sonst ist bei Bushido-Auftritten mehr Stimmung. Chefkollege Aushilfslehrer greift ein.

Bushido: Berlin is' ja so 'ne In-Stadt geworden. Die Wirtschaft freut das vielleicht. Aber ich konnte als Kriegsdienstverweigerer keine Zivi-Stelle finden, weil unsere werten Mitbürger aus Ostdeutschland so sehr nach Berlin gezogen sind, dass sie alle Stellen weggenommen haben.

8.20 Uhr. Was denn, unser Bushido ist Kriegsdienstverweigerer? Die Klasse raunt. So viel Friedfertigkeit verlangt nach dem nächsten Referat: Issy über Jugendkriminalität.

Issy: Es gibt so 'ne Regel, die lautet: Je jünger, desto kleiner das Delikt. Das heißt, mit zehn Jahren so fängt man an mit Diebstahl.

Freudestrahlende Gesichter in der Klasse. Issy schleppt sich zum Finale.

Issy: Tja, man merkt halt, dass die meisten Straftäter Ausländer sind.

Bushido: Ausländer, das ist doch nicht richtig. Das sind Jugendliche mit einem Migrantenhintergrund. Ich bin zum Beispiel auf den ersten Blick Ausländer, ich hab aber den deutschen Pass. Würde bedeuten: Begehe ich eine Straftat, bin ich im ersten Augenblick krimineller Ausländer, für die Quote aber ein krimineller Deutscher.

8.17 Uhr. Bushido, aufgewachsen in Berlin- Tempelhof, dem Westen der Stadt, startet eine Fragerunde. Da meldet sich - klar - wieder Issy.

Issy: Hast du was gegen Ostberlin?

Bushido: Nein, auf keinen Fall. Wenn ich Ostberlin sage, dann ist das nichts Diskriminierendes. Aber für mich gibts Ost- und Westberlin noch, weißte? 1989 war ich elf Jahre. Meine Mutter hat am Kottbusser geputzt, und mir gab sie dann 50 Pfennig. Damit bin ich Richtung Mauer gelaufen. Direkt an der Mauer, wo die Punker ihre Wohnwagen hatten, betrieben die auch so eine Art Streichelzoo.

8.32 Uhr. Bushido ruiniert sein Image: Kriegsdienstverweigerer, Zivi, Tierstreichler.

Yasmin: Bist du auch öfter bei Hertha zum Fußballspiel?

Bushido: Ich muss dir ganz ehrlich sagen, dass ich sehr enttäuscht bin von Hertha. Ich wäre gerne stolz auf sie. Ich bin Berliner, und Hertha gehört zu Berlin. Aber wir sind Letzter, Mann. Naja, vielleicht kommt ja dann bald Union...

Die Klasse schäumt: Moment mal, Bushido! UNION? Der Club mit dem rechten Ruf? Sollen wir dir mal das Image polieren?

Markus: Union, das sind doch alles Rechte.

Bushido: Das kannste doch so gar nicht sagen, Mann.

Markus: Doch, ist so.

Bushido: Das ist, als würdest du sagen: Bei Turkiyemspor sind nur Kanaken. Beide Vorurteile kannste dir eigentlich in die Haare schmieren.

8.47 Uhr. Na gut, was soll der Streit, denkt sich die Klasse. Die Stunde ist vorbei, die Schüler sind traurig, Bushido packt die Sachen - da fällt der Schulleiterin ein...

Direktorin: Wir haben noch eine Stunde Zeit, Sie können gern noch...

Nils: Du sagtest doch, du kannst deine Arbeitszeit frei bestimmen, dann kannst du doch gleich noch eine Stunde Musik bei uns unterrichten.

Bushido: Da müsstest du jetzt halt einfach mal 'ne Petition starten. Sammle Unterschriften an deiner Schule, so von wegen: Wir wollen Bushido als neuen Musiklehrer haben! Wenn du dir den Arsch aufreißt, rumgehst und den Leuten sagst, gebt mir mal Unterschriften... Das ist das Gute an unserer Demokratie, dass so was möglich wird.

9.30 Uhr. Bushido ist ein lupenreiner Demokrat und muss jetzt erst mal in die Firma: Geld verdienen. Gute Stunde, danke!


Von Nele Fischer, 21, für die Jugendzeitschrift "Spiesser".

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