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Vom Pummelchen zum Ironman: "Ich habe es allen gezeigt"

Von Hubert Denk

Marko Topic war pummelig, seine Mitschüler nannten ihn Mondgesicht. Irgendwann hatte er die Kartoffelchips und den Spott satt. Er entschied: Ich werde Triathlet. Neun Monate später ist der 18-Jährige Ironman. Jetzt gibt's Respekt statt Hänselei.

Durchkommen, bei diesem Wahnsinn geht es nur ums Durchkommen. Fast vier Kilometer müssen die Athleten Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren – und als würde das nicht reichen, auch noch einen Marathon laufen. Marko Topic, 18 Jahre alt, Gymnasiast aus Passau in Niederbayern, ist bis in die Schweiz gefahren, um durchzukommen – beim elften "Züricher Ironman".

Lass es, kümmere dich besser um die Schule", schimpfte der Vater. "Du ruinierst deine Gesundheit", sagte die Mutter und versprach dem Sohn einen Urlaub auf den Malediven, sollte er auf Zürich verzichten. Doch Marko hatte seinen Entschluss längst gefällt: "Ich zieh das jetzt durch!", sagte er.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit lagen nur neun Monate. Und das ist das eigentlich Unglaubliche an Markos Geschichte.

Im Oktober 2006 sitzt er mit einer Tüte Chips auf dem Sofa, der Fernseher läuft. Beim Zappen bleibt der Teenager hängen. Er verfolgt eine Reportage über den Ironman, eine der größten Herausforderungen, die es im Leistungssport gibt . "Wahnsinn, wie Menschen das schaffen können", habe er sich damals gedacht, erinnert sich Marko heute. Er selbst war ein kleines Pummelchen, hatte acht Kilo Übergewicht, seine Mitschüler riefen ihn Mondgesicht. "So kann es nicht weitergehen", sagte er sich und beschloss: "Ich werde Triathlet, ich will durch das gelbe Siegertor mit dem roten, dicken M laufen."

Einen Tag später beginnt er zu trainieren. Marko nennt es "lockeres Aufbautraining". Damit meint er neun Tage Sport und einen Tag Pause. Seine Erkenntnis: "Man hat es selbst in der Hand, was man mit seinem Körper macht. Man kann soviel essen, dass man fett wird, oder man kann Ironman werden". Marko geht Schwimmen. Im Hallenbad trifft er zwei ehemalige Ironman-Teilnehmer, sie geben ihm die ersten Tipps.

Bei diesem Wahnsinn geht es nur ums Durchkommen

Marko erstellt einen Plan, bis zu 25 Stunden Sport pro Woche stehen auf dem Programm. Es gibt den Plan nicht auf Papier, er kann ihn auswendig: "Viermal die Woche vor der Schule eine Dreiviertelstunde Laufen. Montags Schwimmen, dienstags 100 Kilometer Rad fahren, danach 15 Kilometer Laufen. Mittwochs Schwimmen. Donnerstags 60 bis 80 Kilometer Rad fahren. Freitags Schwimmen und Rad fahren. Samstags lange Laufeinheit: 25 Kilometer. Sonntags 140 Kilometer Rad fahren. Sein 16-jähriger Bruder Marijan sagt: "Du spinnst!". Marko antwortet: "Wenn ich es schaffe, machst du den Half-Ironman". Marijan schlägt ein.

Für seine Freunde hat Marko nun keine Zeit mehr. Sie gehen auf Partys, er auf die Piste zum Radeln. Sie löschen den Durst mit Bier, er trinkt nur Apfelschorle und Wasser. Dass seine Freundin mit ihm Schluss gemacht hat, passt ganz gut. Er kann sich nun ausschließlich seinem Traum mit dem roten, dicken M widmen. Wenn die anderen abends um 8 Uhr zur Happy Hour ziehen, geht er schlafen. "Anfangs ging das gar nicht. Ich schluckte Baldrian-Dragees, das half".

Schätzungsweise 1.500 Kilometer kommen für den einsamen Läufer an den Ufern der Donau zusammen. Seine Schuhe, die er im Sonderangebot für 49 Euro erstanden hat, sind weich gelaufen. Sein Rennrad kennt jede Donaubrücke im Umkreis von 100 Kilometer. Er hat es windschnittig getunt mit Speichen, die so dünn und scharf sind, dass man sich damit leicht die Fingerkuppen abschneiden kann, wenn man unvorsichtig ist.

Bei dem hohen Kalorienverbrauch kann er essen, was er will. "Nur eben nicht total ungesund." Zwei Tage vor den langen Einheiten spachtelt er drei- bis viermal am Tag Nudeln, damit er auf die notwendigen 4000 bis 5000 Kalorien und die notwendigen Kohlenhydrate kommt. Ein bisschen Hüftspeck ist sogar wichtig, denn beim Ironman verliert man um die 10.000 Kalorien. "Man kann aber nur etwa 4500 Kalorien durch Ernährung aufnehmen", erklärt Marko. Den Rest holt sich der Körper von den eigenen Fettreserven. Er verbrennt am Wettkampftag bis zu einem Kilo Fett. Marko wiegt 82 Kilo und ist 1,83 Meter groß – eigentlich ein bisschen zu schwer.

"Du ruinierst deine Gesundheit"

"Anfangs hat mich keiner ernst genommen und unterstützt", sagt er. "Das hat mich aber nur noch mehr motiviert."

Neun Monate nachdem Marko auf der Couch saß, Chips in sich hinein stopfte, im Fernsehen einen Beitrag über Triathleten sah und beschloss: "Ich will Ironman werden!", hat er es tatsächlich geschafft – nach 14 Stunden und 56 Minuten macht er den Luftsprung seines Lebens: "Ja, ich bin es!". Er umarmt den Helfer, der ihm ein Handtuch um den verschwitzen Oberkörper legen will und schreit: "Mein Traum ist in Erfüllung gegangen!". Marko hat als jüngster von 1820 Teilnehmern beim elften Ironman-Wettbewerb in Zürich das Ziel erreicht.

An seiner Schule, dem Gymnasium Leopoldinum in Passau, ist er nun ein Held. Seine Mitschüler nennen ihn nicht mehr "Mondgesicht" sondern "Ironman". Jeder möchte plötzlich sein Freund sein, erzählt Marko. "Ich habe es allen gezeigt."

Nach neun Monaten voller Entbehrungen will er jetzt ein großes Fest feiern. Der Brauereidirektor aus seinem Stadtteil hat dem jungen Ironman schon ein Geschenk versprochen: 100 Liter Freibier für die Party und Sponsoring für die sportliche Zukunft.

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Als Teenager zum Ironman: "Irgendwie durchkommen"

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