Vorbilder gesucht: "Jungen brauchen Männer!"

Von Jonas Goebel

Im Leben vieler Jungen sind ihre Väter kaum präsent, auch an Kindergärten und Schulen gibt es nur wenige Männer. Ein Hamburger Projekt will das ändern. Gemeinsam wird gekocht und gesegelt, geschnitzt und auch mal gerangelt. Ein Abend für Männer und solche, die es noch werden.

Vorbilder gesucht: Jetzt gibt Papa alles Fotos
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Ein Montagabend in der Hamburger Gesamtschule Bergstedt. Ein paar Jungen jagen und raufen sich, andere unterhalten sich ein wenig abseits mit Männern. Die Stimmung ist gut, fast ausgelassen. "Alle Fußballfans nach links, alle anderen nach rechts!", lautet die Ansage. "Was seid ihr denn für welche?", schmettert es aus großen und kleinen Kehlen bald von links. "Ihr seid doch keine echten Männer!"

Zwölf Männer und doppelt so viele Jungs im Alter von 12 bis 16 sind in die Aula gekommen, um etwas zu leben, das sie offenbar sonst kaum noch finden: wahre Männerfreuden. Vor gut drei Jahren hat Frank Beuster das Projekt "Paten-t für Jungen" ins Leben gerufen. Beuster ist Erziehungswissenschaftler und Grundschullehrer, 2006 veröffentlichte er das Buch über "Die Jungenkatastrophe".

Zu Beusters Mission gehört auch "Paten-t für Jungen". Das Projekt soll leisten, was seiner Meinung nach in Kindergärten und Schulen fehlt: "erwachsenes männliches Vorbildverhalten, wertschätzende Zuwendung und Orientierung für ihr Leben".

Die Politik entdeckt benachteiligte Jungs

Am Anfang waren es nur vier Männer und fünf Jungen. "Heute kommen bis zu 30 Jungen, und wir haben einen Pool von 50 Männern", sagt Beuster. An diesem Novemberabend sind einige zum ersten Mal dabei: Lehrer der Schule, aber auch Männer, die sonst mit Pädagogik nicht viel zu tun haben. Alle machen ehrenamtlich mit.

Lange war ein spezieller Förderbedarf von Jungen kein Thema. Im Gegenteil: Es galt als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Mädchen bessere Chancen in Schule und Beruf zu verschaffen. Das hat sich mittlerweile geändert. So betonten die Familienpolitiker von FDP und CDU bei ihren Koalitionsverhandlungen, die neue Bundesregierung wolle "die Bildungs- und Entwicklungschancen von Jungen und Männern verbessern".

Politiker sind aufgeschreckt von Studien zum Ungleichgewicht der Schulergebnisse von Mädchen und Jungen. So stellte der Aktionsrat Bildung im März in einer Studie fest, dass Jungen in Kindergärten und Schulen "massiv benachteiligt" würden. Während von den Schulabgängern ohne Abschluss 62 Prozent Jungen seien, stellten bei den Abiturienten Mädchen die klare Mehrheit. "Die Bildungsungleichheit zwischen Mädchen und Jungen überschreitet die Grenzen des rechtlich und moralisch Hinnehmbaren", sagte Randolf Rodenstock, Präsident des Vereins der Bayerischen Wirtschaft.

Männliche Erzieher und Grundschullehrer? Gibt's kaum

Ein großes Problem: In Kindergärten und Grundschulen fehlt es an männlichen Vorbildern. Den Anteil der männlichen Erzieher in Kindergärten schätzen Bildungsforscher und Ministerien auf magere drei Prozent. Und an hessischen Grundschulen sind nach Angaben des Kultusministeriums von 100 Lehrern 92 Frauen.

"Meine eigenen Kinder hatten zum Teil auch nur Lehrerinnen", sagt Norbert Dahmen, 43. Der Hamburger Architekt, Vater von drei Kindern, hätte sich für sie mehr Männer gewünscht. Jetzt ist er Beusters Ruf in die Gesamtschule gefolgt und will selbst dazu beitragen, dass Jungen mehr männlichen Beistand finden.

"Jungen - aber auch Mädchen - können sich durch eine Erhöhung des Männeranteils im Erziehungsbereich und durch die Ausweitung aktiver Vaterschaft leichter von eindimensionalen Männerbildern lösen", sagt Miguel Diaz, Referent bei "Neue Wege für Jungs". Mit diesem Projekt unterstützt das Bundesfamilienministerium Initiativen, die sich mit der Berufs- und Lebensplanung für Jungen beschäftigen.

Dass es so wenig Männer in der Bildung gibt, führe bei vielen Jungen dazu, dass sie sich weniger an realen männlichen Lebenslagen orientierten, sagt Diaz. Ihre Vorbilder seien überzeichnete und unrealistische Figuren, geprägt von Stärke, Dominanz, Konkurrenz, Cool-Sein und einem erschwerten Zugang zu eigenen Gefühlen. "Deshalb ist es wichtig, Jungen ein Vaterbild anzubieten, das den Mann mehr als fürsorgenden Vater und weniger als Familienernährer sieht", so Diaz.

Die Lücke im Leben der Jungen

Es geht aber nicht allein um Schulen und Kindergärten, auch um Familien. "Väter sind häufig den ganzen Tag beruflich eingespannt, abends fehlt dann die Kraft für die Kinder", sagt Jürgen Kern. Er ist Produktionsleiter bei Lufthansa Technik, Vater von zwei Kindern und macht bei "Paten-t für Jungen" mit. "Meine Motivation ist, dass wir in einer zunehmend vaterlosen Gesellschaft aufwachsen", so Kern. Das gelte für Mädchen ebenso, habe auf Jungen aber größere Auswirkungen: "Wie wird man vom Jungen zum Mann? Das können Jungen nur von Männern lernen, erfahren und ausprobieren."

Kern nimmt sich selbst nicht aus: "Ich musste mich heute schon um 16 Uhr aus der Firma schleichen", sagt er. Das sei nichts Falsches, doch der Chef sehe eben meist nur, "dass man früher geht - nicht warum". Kern wünscht sich eine Aktion großer Firmen für junge Väter und Paten wie ihn. "Einmal im Monat um 15 Uhr freizubekommen für solche Abende, das würde mich sehr entspannen."

Derweil bereitet er ein Lagerfeuer vor der Bergstedter Aula vor. Und drinnen wird nach einem Kräftemessen im Armdrücken verhandelt, wer Räuber und wer Gendarm sein soll. Schon nach wenigen Minuten ist klar: Jungen treten gegen Männer an. Vor dem Duell wird es ordentlich laut: "We will, we will rock you!" dröhnt es durch die Aula. Frank Beuster trommelt mit flachen Händen auf einen Tisch, andere steigen ein.

Den Jungen gefällt der Männerabend. Hendrik, 14, freut sich jedes Mal darauf. "Ich bin hier, weil es einfach Spaß macht, wir können unsere Lehrer mal richtig kennenlernen und machen coole Sachen!" Sein Freund Nils, 14, ergänzt: "Das, was ich hier mache, mache ich sonst nicht. Zumindest nicht mit so vielen."

"Die Paten sind keine Ersatzväter"

"Die Mütter sind begeistert und dankbar, dass es endlich Männer gibt, die bereit sind, etwas mit ihrem Sohn zu machen", sagt Beuster. Im Leben vieler Jungen fehle der Vater und tauche auch in der Schule bei Elternabenden nicht auf. "Wir sagen aber immer klar, dass die Paten keine Ersatzväter sind", so Beuster. "Wenn wir Vätern erklären, dass wir Mitstreiter und keine Konkurrenz sind, dann verstehen sie das." Eigentlich soll im Projekt ein Mann Pate eines Jungen werden. Meist bleibt es jedoch bei den Gruppentreffen. Das Interesse an der Pärchenbildung sei nicht so groß, sagt Beuster.

Vor der Aula brennt mittlerweile das Lagerfeuer. Im großen Topf blubbert die Gulaschsuppe. Große und Kleine stehen in Gruppen zusammen, man plaudert, auch über die Zukunft und Gefühle. Karim, 14, erzählt mit leuchtenden Augen, wie gern er tanzt, HipHop und Musical, und dass er Schauspielunterricht nimmt.

Dann verlischt das Licht. "Es gruselt einen ja schon am Tag, wenn man in der Schule ist", sagt Hendrik und sorgt für Gelächter. Das Duell zwischen Jungen und Männern, zwischen Räubern und Gendarmen beginnt. Immer wieder befreien die Jungen ihre Mitstreiter durch geschicktes Anschleichen aus dem bewachten Gefängnis. "Wir schaffen es einfach nicht, alle zu fangen, die sind zu schnell", sagt Beuster. Ziemlich außer Puste presst er heraus: "Uns Männern tut es auch richtig gut mit den Jungs."

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Forum - Maskuline Emanzipation - überfälliger Richtungswechsel?
insgesamt 1462 Beiträge
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    Seite 1    
1.
SaT 15.10.2009
Waere es nicht sinnvoller die Frauenfoerderung einfach abzuschaffen statt daneben noch eine Maennerfoerderung zu etablieren? Aber wahrscheinlich brauch man einfach nur mehr Ministerien.
2. Gegen die Wand
Karl IV 15.10.2009
Das ist doch derselbe Fehler in die andere Richtung. Nur weil man merkt, dass man erfolglos mit dem Kopf gegen die Wand rennt, wird es doch nicht besser, indem man sich entscheidet nunmehr gegen die gegenüberliegende zu laufen. Alle diese Ansätze von "positive discrimination" sind zum Scheitern verurteilt. Es läuft immer wieder auf dasselbe raus: Nicht durch Quoten auf Teufel komm raus gleichmachen hilft, es müssen die gleichen Ausgangsvoraussetzungen geschaffen werden. Und es muss endlich wieder akzeptiert werden, dass es tatsächlich Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, ohne dass dies immer gleich zu einer Wertung in "gute" und "schlechte" führt. Insoweit ist zumindest das Umdenken vielleicht eine zu begrüßende Entwicklung.
3.
Karl IV 15.10.2009
Zitat von SaTWaere es nicht sinnvoller die Frauenfoerderung einfach abzuschaffen statt daneben noch eine Maennerfoerderung zu etablieren? Aber wahrscheinlich brauch man einfach nur mehr Ministerien.
Wo kann ich unterschreiben?
4.
Petra Raab 15.10.2009
Zitat von sysopFrauenförderung ist längst etabliert, ....
Wo denn? Bis jetzt, wird die Hauptarbeit einer Frau - Mutter - immer noch nicht als Arbeit von der Gesellschaft anerkannt und auch nicht dementsprechend vergütet, wie es es für jede andere Arbeit der Fall ist.
5.
neonknight_ger 15.10.2009
Zitat von SaTWaere es nicht sinnvoller die Frauenfoerderung einfach abzuschaffen statt daneben noch eine Maennerfoerderung zu etablieren? Aber wahrscheinlich brauch man einfach nur mehr Ministerien.
Das wäre der erste Schritt, aber so einfach ist es nicht, fürchte ich. Viele Jungen wachsen bei alleinerziehenden Müttern auf, im Kindergarten sind die Erzieherinnen fast ausschließlich Frauen, genauso wie in der Grundschule die Lehrerinnen. Das heisst, frühestens in seinem 11. Lebensjahr wird er in Form eines Lehrer zum ersten Mal mit einer männlichen Bezugsperson konfrontiert. Dazu kommt, dass Jungen vom Rollenbild her eher zu "Rebellion" neigen und daher verstärkter in Gefahr laufen, schlechte Noten zu bekommen. Wenn man sich an den Schulen so umschaut, in fast allen Bereichen haben Mädchen weit bessere Durchschnittsnoten als Jungen; da ich bezweifle, dass dies mit überlegener weiblichen Intelligenz zu tun hat, muss es Ursachen im sozialen/ schulischen Bereich haben.
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