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11. Januar 2013, 09:48 Uhr

Schüler und ihre Smartphones

"Am Esstisch ist handyfreie Zone"

Von Yasmin Ortega Quiñonez

Nicht ohne mein Handy: Jugendliche hegen und pflegen ihr Smartphone, es ist ihr wichtigstes Statussymbol, sie haben es immer dabei. Zehntklässler verraten, ob sie noch ohne könnten. Und ihr Lehrer berichtet, wie die Telefone den Schulalltag verändern.

Das Smartphone, der ständige Begleiter: Fast jeder will immer überall erreichbar sein und im Internet surfen können. Auch in die Schultasche packen Schüler heute ihr Smartphone genauso selbstverständlich wie Pausenbrot und Federmappe. Das hat den Schulalltag verändert.

Welcher Schüler schaut nicht sofort aufs Handy, wenn es vibriert? Können Jugendliche heute überhaupt noch ohne? Und wie gehen Lehrer damit um, wenn sie mit einem Ding um Aufmerksamkeit konkurrieren müssen, das sie nicht mal richtig verstehen?

Drei Schüler eines Hamburger Gymnasiums und ein Lehrer geben Antworten. Sie erzählen, warum sie sich ohne Smartphone manchmal ausgeschlossen fühlen, wann sie auf ihr Handy verzichten könnten und in welchen Situationen es ihnen besonders wichtig ist. Und der Musiklehrer Andreas Hamborg verrät, was er sich wünscht: Ein Seminar, das ihm endlich den Nutzen dieser Dinger erklärt. "Das wäre wirklich erhellend."

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Marijana, 15 - "Das Spicken geht sehr gut mit einem Smartphone"

"Es kommt öfter vor, dass meine Eltern genervt von meinem Handy sind und sagen: 'Jetzt leg es doch mal weg! Ich will mit dir reden.' Am Esstisch ist daher handyfreie Zone. Während des Unterrichts ist mein Handy eigentlich in meiner Tasche. Aber dann und wann schaue ich drauf und gucke, ob mir irgendwer geschrieben hat und antworte kurz. Das lenkt mich aber nicht vom Unterricht ab.

Das Spicken geht sehr gut mit einem Smartphone. Man kann Sachen abfotografieren und während der Arbeit draufgucken. So hat man wirklich alles auf einen Blick. Sehr praktisch. Oder man kann schnell etwas googlen.

Ich könnte mir aber auf jeden Fall vorstellen, mein Handy für ein oder zwei Tage abzugeben. Im Urlaub nehme ich es kaum in die Hand, nur im Hotel, wenn es da W-Lan gibt. Es fehlt mir dann auch nicht. Im Alltag sieht es anders aus: Dann benutze ich das Handy den ganzen Tag, nach der Schule bis ich ins Bett gehe gucke ich alle paar Minuten drauf.

Ich kenne einige, die kein Smartphone haben. Meine beste Freundin hat ein ganz altes Handy; es hat nur 20 Euro gekostet, kann eine Million Mal runterfallen und bleibt trotzdem heil. Mit so einem Knochen ist sie total zufrieden.

Meine monatlichen Handykosten zahlen meine Eltern, Internetflat, Telefonate und SMS. Ich weiß nicht, wie hoch die Kosten sind, aber viel ist es nicht, da ich kaum telefoniere und wegen WhatsApp selten SMS schreibe."

Benedict, 15 - "Nur 30 Sekunden... Aber es dauert immer länger"

"Ich werde ein bisschen unruhig, wenn das Handy summt und ich nicht gleich gucken kann. Ich halte es nicht aus, die Nachricht nicht zu lesen und einfach weiter meine Hausaufgaben zu machen.

Manchmal hält mich das Handy von wichtigen Aufgaben ab. Es ist eben sehr einfach, sich so abzulenken. Deswegen muss ich auch aufpassen, dass ich nicht zu oft damit rumhantiere. Im Unterricht etwa: Ich denke immer, dass es nur 30 Sekunden dauert, auf das Handy zu gucken und zurückzuschreiben. Doch es dauert immer länger. Eigentlich ist es richtig, es auszumachen und erst nach dem Unterricht wieder anzumachen.

Seitdem mir mein Smartphone kaputt gegangen ist, habe ich nur so einen Knochen. Damit kann ich wirklich nur SMS schreiben und telefonieren. Einige Zeit hatte ich sogar gar kein Handy. Das hat mich sehr gestört, und mir ist klar geworden, wofür ich das Handy eigentlich brauche. Es ist halt doof, wenn ich verabredet bin, komme zehn Minuten später und die Freunde sind nicht da. Kommen sie noch? Sind sie schon weg? Wo finde ich sie?

Mit meinem Knochen komme ich zur Zeit ganz gut klar, werde mir aber wohl bald wieder ein Smartphone kaufen. Es ist eben doch komfortabler. Facebook würde ich mehr vermissen als ein Smartphone. Über Facebook kommunizieren wir ziemlich viel, Partys würde ich beispielsweise gar nicht mitbekommen. Aber bei Facebook irgendwelche Statusmeldungen von irgendwelchen Leuten angucken - das muss ja eigentlich nicht permanent sein. Aber wenn ich die Möglichkeit habe, tue ich es trotzdem. Paradox, ich weiß."

Jacob, 15 - "Ich fühlte mich ein wenig ausgeschlossen"

"Zum Telefonieren benutzen wir das Handy kaum noch. Wir regeln alles über Facebook und WhatsApp. SMS verschicken wir zwar manchmal, aber die kostenlosen Apps für SMS sind natürlich beliebter. Bis vor kurzem habe ich mein Handy täglich vielleicht nur eine halbe Stunde genutzt, weil ich damit nicht viel machen konnte. Für Facebook und WhatsApp habe ich meinen iPod verwendet, allerdings nur zu Hause, weil ich darauf kein mobiles Internet habe. Es hat mich sehr gestört, dass ich kein internetfähiges Handy hatte. Ich habe nicht alles gleich mitbekommen und fühlte mich dann ein wenig ausgeschlossen. Unsere Klasse hat eine WhatsApp-Gruppe. Da sind alle aktiv und schreiben beispielsweise, welche Hausaufgaben wir haben.

Seit kurzem habe ich endlich ein Smartphone, ich habe dafür gespart, nur zu Weihnachten haben mir meine Eltern ein wenig dazu gegeben. Die Internetflat muss ich auch selber zahlen. Denn meine Eltern wollen eigentlich nicht, dass ich mir ein Smartphone mit Internetflat kaufe.

Zugegeben, so ein Smartphone kann einen sehr vom Unterricht ablenken. Einige Leute zocken während des Unterrichts auf ihrem Smartphone und passen nicht auf. Und der Lehrer registriert es nicht mal, weil sie es unter den Tischen halten."

Lehrer Andreas Hamborg: "Wir sind Kontrollhunde"

"Ich hatte mal einen Sechstklässler, der Fotos gemacht hat, wenn ich mich über etwas aufgeregt habe. Die Fotos hat er tatsächlich ins Internet gestellt. Damit so etwas nicht passiert, müsste man eigentlich sämtliche Taschen untersuchen oder die Handys auf den Tisch legen lassen. Auch während des normalen Unterrichts und nicht nur während Klausuren. Das ist aber schwer umzusetzen.

In der Schule sind Handys verboten. Das ist das einzige, was wir machen können. Wenn ein Schüler erwischt wird, sammeln wir es ein. Dann muss er es beim Direktor abholen. Das ist natürlich für das Sekretariat und den Schulleiter sehr nervig, wenn dort immer 15 Handys liegen. Auf Klassenfahrten haben wir abends Handyverbot, weil sonst ohne Ende gequatscht wird. Im Grunde sind wir nur Kontrollhunde, die die Handys einsammeln.

Bei unseren Musikproben lesen die Schüler immer wieder in ihren Handys und bekommen dann nicht mit, wo sie im Musikstück einsetzen müssen. Wir machen etwas Schönes zusammen, aber jeder hat so ein Smartphone, das immer wichtiger ist als der eigentliche Moment. Es geht nicht mehr um den Nächsten, mit dem ich mich unterhalten will.

Ich war mal mit Schülern auf einer Ski-Freizeit, da lassen sie ihre Handys irgendwo liegen, in einem Ski-Schuh zum Beispiel. Man denkt sich: '500 Euro liegen einfach rum.' Sie müssen ihre Handys immer um sich haben, egal, ob es abhanden kommen könnte. Als ob sie denken: 'Ich brauche den Porsche oder den BMW - selbst wenn ich damit nur zum Briefkasten fahre.' Es ist offensichtlich schick, ein neues Gerät zu haben. Es ist ein Statussymbol.

Vielleicht ist mein Blickwinkel eingeschränkt, wozu ein Smartphone nützlich ist. Ich bin Jahrzehnte ohne solche Sachen zurechtgekommen. Für mich ist die direkte Kommunikation viel mehr wert, als über so ein Ding zu reden.

Da ich echt kein Profi bin, kann ich nicht sagen, ob die Schüler viel mit Smartphones spicken. Ich habe sie noch nicht erwischt, weiß aber natürlich, dass Schüler immer spicken. Ich weiß allerdings nicht, was technisch möglich ist. Uns muss eigentlich gezeigt werden, welche Möglichkeiten wir haben, mit Smartphones an Informationen heran zu kommen. Das wäre wirklich erhellend."

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