"Wie werde ich...": Jonathan Meese, Kunst-Chaot mit Geheimsprache

Hitler, Porno, Revolution: Jonathan Meese ist der Meister der krawalligen Kunst. Der Hamburger malt und modelliert knallbunt-schräges Zeug, hält abstruse Lesungen, führt Regie bei seltsamen Theaterstücken - und hat den SchulSPIEGEL-Fragebogen beantwortet. Viel Vergnügen.

DDP

Jonathan Meese ist heute Künstler, weil... die Zeit reif sei für die Revolution der Kunst. Ob Jonathan Meese wirklich Künstler ist, momentan, weiß nur die Kunst selbst. Kunst ist ein demütiges, ultimatives Glücksspiel, der Künstler ist nichts als die Roulettekugel, demütig und neutral. Jonathan Meese hat sich diesem Spiel liebevollst in totaler Propaganda hingegeben und erwartet, wie das totale Kind, die Grossrevolution der Kunst. Wenn Jonathan Meese heute Künstler ist, dann vor allem weil Kunst ihn einfing in einem großen utopischen Liebesnetz, wie Kapitano Ahab. Kunst ist wie der schwarze Monolyth aus 2001, Odyssee im Weltraum, von Stanley Kubrick, also die revolutionärste Kraft. Die Kunst, als Stoffwechsel der Sache, als Drüse, als Vulkanausbruch, also Ausgleich von Druckverhältnissen, sagt zu den Menschen: Machen, abhaken, weitermachen; Mach den Boden rattenscharf klar. Sei HaiBabyPropagandist.

Wäre er nicht Künstler geworden, ... wäre er alles andere auch geworden. Jeder Mensch kann mit Demut und Neutralität alles tun; werde dadurch das Notwendige der Sache. Mit Liebe, Respekt, Hermetik und Demut wirst Du alles sein. (Sei wie Licht, Du)

In der Schule war er... das totale Spielkind, sehr schüchtern, total pubertär, sehr verträumt, sehr naiv, sehr mittelmäßig und ständig müde, wie auch jetzt noch. Am liebsten wäre Jonathan im Erzinternat der Kunst vom "Erz" erzogen worden, also Schüler der Ordensburg "Kunst" gewesen. Alles in allem kann er sich an seine Schulzeit so gut wie Null erinnern. Er hat eigentlich jeden Nachmittag mindestens 20 mal "Dancing Queen" von ABBA und 20 mal "Strawberry Fields Forever" von den Beatles gehört. Alles sei Traum, lieb ...

Seine Mitschüler haben ihn... deshalb weitestgehend in Ruhe gelassen. Er war während der gesamten Schulzeit mit Abstand der "Kindlichste", hat zum Totalschutz zwischen 12 und 14 Jahren eine Geheimsprache entwickelt, bestehend aus drei Grimassen, zwei Gesten und zirka zwölf Wörtern.


Dass er Künstler werden will, wusste er, als... seine Mutter ihm zum 22. Geburtstag einen Zeichenblock mit Pastellkreide schenken musste.

Jonathan Meese war sich nie zu schade, ...auch durchs Tal der Lächerlichkeit zu gehen. Er ist sich nicht zu schade, alles zu geben, alles zu tun in totaler Demut und Neutralität. Die Revolution der Kunst erfordert ultimative Demut, Hingabe, Neutralität, Radikalität, Hermetik und Liebe. Der Mensch muss von sich absehen und die Sache geschehen lassen, komme was wolle. Selbstverwirklichung, Selbstgerechtigkeit, Meinungsfetischismus und Meinungsterrorismus, Andere für sich kämpfen zu lassen, die Schuld bei anderen zu suchen oder zu glauben, auf der "richtigen" Seite zu stehen, ist widerlich, ekelhaft und unmenschlich.

Würde aber nie... seine Meinung, seinen Geschmack oder seine Befindlichkeit zum Gesetz oder Maßstab für andere und anderes machen. Niemals würde er seine mickrige Menschenrealität der Kunst unterjubeln oder die Kunst als seine Therapie, ein Selbstverwirklichungsinstrument oder zu politischen Zwecken missbrauchen. Niemals mögen seine Privatperson, seine persönlichen Anliegen oder Probleme die Kunst belästigen oder sie flankieren. Die Kunst ist ihre eigene Existenzform, also ihr eigenes Leben und möge sich ausspielen, wie sie will. Jonathan Meese würde nie die "Nostalgie" anbeten, Tradition sei immer nur das Noch nicht-Ausgereizte und dadurch Unbekannte. Kunst ist das Getreiderad des Totalkreislaufs.

Der entscheidende Moment seiner Karriere war... immer da, denn "Karriere" ist unbedeutend, es geht nur um das Spiel, also "spiele", tue alles nebenbei und lass die Welt dich beschauen... sieh an dir vorbei, es gibt nur äußere Haltungen. Führe dich in Versuchung.

Abgesehen von seiner Mutter verdankt Jonathan Meese folgenden Menschen am meisten: Seiner Familie und sehr guten Freunden, vor allem allen von Contemporary Fine Arts, also seiner Familie.



Jonathan Meese wollte immer so sein wie... Echnaton oder Caligula, also ein Spielkindgott, ein Tierspielbaby, oder wie Scarlett Johansson, die Mumins oder Dr. No, Saint Just oder überhaupt das "Böse" bei James Bond oder der süßeste Babysavonarola.

Der schönste Tag seines Lebens war ... noch nicht. Der schönste Tag wird der Tag der Revolution der Kunst sein, also der Tag der Machtübergabe an die Kunst, das heißt es wird der Tag kommen, an dem die Menschen in totaler Demut und aus freien Stücken der Kunst die Macht übergeben werden, denn die Kunst ist die einzige Alternative. Kunst als Herrschaftsform, als liebevollste Diktatur der Kunst wird eine neue Zeitrechnung erzeugen, einen neuen Nullpunkt, eine neue Ausgangsbasis für Alles.

Sein größter Fehler war, ...vielleicht zu große Angst vor allem. Jonathan Meese ist oft hilflos, zu müde und neigt zu unendlichen Übersprungshandlungen. Macht aber nicht so viel aus. Abwarten. Babypropaganda.

Sich selbst findet er... "Neutral".

Dem nächsten Jonathan Meese wünscht Jonathan Meese... die Totale Revolution der Kunst. (Kunst ist das totale Spiel, sei lieb ...)



Könnte er sein Leben noch einmal leben, ... dann gern als totaler Babyrevolutionär "Echnaton der Zukunft", vielleicht Geborenes am Tag der Revolution der Kunst, also das süßeste, liebevollste, alles umarmende Diktatorentiererzbaby der Kunst, also Erzhumpty Dumpty. (Der Countdown der Revolution der Kunst läuft total, unaufhaltsam, also seiet lieb zur süßesten Revolution!)

16. Jonathan Meese reichte der Platz im Fragebogen nicht aus. Darum hat der Künstler exklusiv für SPIEGEL ONLINE ein noch tiefer gehendes Selbstporträt verfasst.

Die Fragen stellte David Scherf

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