Heimliche Schülerpost: Liebe, Sex und Selbstzweifel
"Willst Du mit mir gehen? Kreuze an!" Diese Kurzbotschaft ist ein Klassiker, doch Schüler schreiben heimlich im Unterricht noch so viel mehr: Sie flirten, sie beleidigen und versöhnen sich, sie kasteien sich und wettern gegen den Lehrer. Jetzt hat es die berührende Zettelkunst sogar ins Museum geschafft.
Manchmal helfen kleine Weisheiten, den Unterricht zu überstehen: "Mädchen sind wie Pilze. Die schönsten sind die giftigsten." Manchmal kann ein Liebesgeständnis nicht warten: "Ich weiss einfach nicht, was mit mir los ist aber ich wollte es jetzt unbedingt mal fragen (wissen) liebst du mich?" Und manchmal eine Absage: "Ich will nix von Dir!"
Zettel wie diese prägen den Schulalltag vieler junger Menschen. Einige sind genervt davon, müssen sie doch ständig den Botendienst übernehmen. Sie lesen die Zettel mit oder arbeiten schlampig: Sie werfen sie quer durch die Klasse und reichen sie nicht unter den Tischen weiter, heimlich von Hand zu Hand zu Hand. Einige Lehrer fangen diese Botschaften ab. Das ist gemein. Manch einer liest sogar daraus vor. Das ist furchtbar - wenn etwas drin steht wie: "Ich finde Martin süß", oder, der Klassiker, "Willst Du mit mir gehen? Kreuze an: Ja, nein, vielleicht." Oder einfach nur: "Du Arsch." Trotz dieser Gefahr schreiben die Schüler weiter, gerade das Verbotene macht ja oft den Reiz aus.
Diese Zettel dokumentieren die andere Seite des Schulalltags, jenseits von Klassenarbeiten, Stundenplan und Hausaufgaben. Deswegen widmet das Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main in Kooperation mit dem Schulmuseum Nürnberg ihnen auch eine eigene Ausstellung: "Willst Du mit mir gehen? Botschaften unter der Schulbank." Vom 31. Oktober bis zum 17. Februar zeigt das Museum rund 150 Schülerbriefchen von den sechziger Jahren bis 2007.
2500 Zettel in fünf Jahrzehnten gesammelt
Der Nürnberger Mathematiklehrer Günter Hessenauer sammelte rund 50 Jahre die Briefe ein, die seine Schüler zuvor meist weggeschmissen oder unter der Schulbank vergessen hatten. 2500 Zettel hat er so zusammenbekommen und an die Schulgeschichtliche Sammlung der Universität Erlangen-Nürnberg übergeben. Größtenteils stammen die Zettel von Schülern der Jahrgangsstufen fünf bis acht einer Nürnberger Realschule.
Für Wissenschaftler sind sie ein Schatz - bieten die Briefe doch eine andere Perspektive unter anderem auf Schulgeschichte, soziale Netzwerke und Jugendsprache. Gleichzeitig bricht die Ausstellung natürlich ein Tabu - denn für fremde Menschen waren die Zettel nie bestimmt.
Der Kurator der Ausstellung, Mathias Rösch, sichtete die 2500 Zettel des Mathelehrers. Sein Fazit: Etwa die Hälfte der Zettel handelt von Liebe und Beziehung. Ansonsten schreiben die Schüler oft über ihre Idole, über Politik und über sich selbst - manchmal wenig schmeichelhaft: "Ich bin häßlich!! Ich, nur ich!", steht auf einem zerknitterten Zettel.
Und heute? Nutzen Schüler überhaupt noch Zettel und Papier, wo sie doch alle Handys und Smartphones mit zur Schule nehmen? Ja, sagt die 15-jährige Yolande. "Wenn die Freundin direkt daneben sitzt, ist es ja unnötig, das Handy rauszuholen." Außerdem wiegt ein Telefon, das einem der Lehrer wegnimmt, natürlich viel schwerer als ein kassierter Zettel.
Manchmal lesen sich die Briefe, als hätten die Schüler nichts zu sagen. "Langweilig!! Was?", schreibt einer. "Mir nicht. Von allen Seiten bekomme ich Zettl", antwortet ein anderer. Und doch versichert der Kurator Rösch: Es geht nicht nur um Gaudi und Zeitvertreib. "Dafür sind die Zettel viel zu ernst", sagt er. Schüler gestehen sich nicht nur so ihre Liebe, streiten und beleidigen sich, nein, sie versöhnen sich auch. So etwa: "Entschuldige für den Arsch."
fln/dpa
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