Es ist 11.40 Uhr, die Tür zum Zeichenraum des Kunst-Leistungskurses öffnet sich. Herein treten die selbst ernannten "Klugscheißer" Shary und Ralph. Leichte Irritation: Sie blicken nur in die Gesichter von Elftklässlerinnen. Kein Wunder - die Ursulinenschule ist ein Mädchengymnasium.
Ralph: Wer von euch denkt, dass er kreativ ist?
Verdutztes Gemurmel unter den Schülerinnen. Dann einige zögerliche Meldungen.
Ralph: Das ist schon mal ein guter Einstieg. Ich habe nämlich gelernt, dass Kreativität eine selbsterfüllende Prophezeiung ist: Wenn man denkt, man sei kreativ, dann ist man es auch. Und mit dieser Motivation beginnen wir! Wie sieht denn eure Kunststunde normalerweise aus?
Tabea: Na ja, im Moment zum Beispiel zeichnen wir Porträts.
Ralph: Ist ja witzig. Unsere Stunden begannen immer so, dass wir uns Chips und Getränke besorgt haben, uns mit Stift und Papier hingesetzt und gegessen haben. Wie auch immer, hier ist eure erste Übung: Malt euer Gegenüber, ohne den Stift abzusetzen!
Natalie: Wie beim "Das ist das Haus vom Nikolaus"-Malen.
Stifte- und Papiergeraschel. Eine Schülerin bleibt übrig.
Ralph: Du kriegst Shary zum Abzeichnen.
Geschäftiges Kritzeln auf dem Papier.
Ralph: Wenn es kacke aussieht, macht das nichts. Hauptsache, ihr geht mit Motivation an die Arbeit und macht sie, so gut ihr könnt.
Alle zeichnen und radieren eifrig. Shary hat ihre Augen überall.
Shary: Hey, ich hab gesehen, dass du den Stift abgesetzt hast!
Julia: Der Hals ist zu dünn, aber ich denke, das ist schon sehr stylisch geworden.
Anna: Ich sehe aus, als ob ich meine Weisheitszähne rausoperiert bekommen hätte!
Shary: Ich würde es kaufen, ernsthaft. Drückt so richtig deine Persönlichkeit aus.
Natalie: Noch zwei willkürliche Farbspritzer irgendwo und es wäre wahrscheinlich moderne Kunst.
Ralph: Was mich interessieren würde: Wie oft radiert ihr Sachen weg?
Laura: Oft, sehr oft. Manchmal schmeißen wir ganze Arbeiten weg.
Ralph: Dazu kann ich nur sagen: Wegradieren oder Fehler zu machen, ist überhaupt nicht schlimm. Für eine gute Sendung von "Wissen macht Ah!" müssen wir erst mal Hunderte schlechte aufnehmen.
Zustimmendes Nicken von Shary.
Ralph: Auch bei Texten schreibst du erst sieben schlechte Sätze, bis ein genialer herauskommt. Genauso ist es beim Zeichnen. Also schmeißt nichts weg. Versucht, aus euren Fehlern zu lernen.
Nach und nach werden die Schülerinnen mit ihren Bildern fertig. Mit kleinerem oder größerem Erfolg.
Ralph: Das schaut doch schon mal gut aus. Wenden wir uns der nächsten Aufgabe zu: Ihr malt euer Gegenüber - ohne dabei aufs Blatt zu sehen!
Abermals geschäftiges Kritzeln. Ein Aufschrei von Ralph.
Ralph: Ich bin fertig!
Allseitiges Gelächter.
Julia: Ich sehe aus wie ein Schrumpfkopf aus "Harry Potter"!
Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten. Aber was sagt Ralph zu den Bildern seiner Schützlinge?
Ralph: Ich werde eure Bilder nicht bewerten. Als ich auf der Kunsthochschule war, hatten wir keine Noten, es gab nur "bestanden" und "nicht bestanden". Ich hab mal nachgefragt, warum: Ein Student bekam für seine Abschlussarbeit, einen Film, eine drei - was ja nicht wirklich supertoll ist. Später wurde sein Werk allerdings für den Oscar nominiert. Was lernen wir daraus? Kunst kann nicht bewertet werden.
Shary: Ich würde sagen, deswegen habt ihr eure Aufgabe alle gut gemacht.
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