Youporn-Jahrzehnt: "Ich hol mir statt Pornos lieber 'ne Freundin"

Von Johannes Gernert

Seit es Pornoplattformen gibt, haben die meisten Minderjährigen schon mal Blowjobs oder Bondage geguckt - Youporn ist in den Nullerjahren zur Dr.-Sommer-Rubrik 2.0 geworden. Viele Teenager machen mit solchen Seiten ihre ersten sexuellen Erfahrungen. Schlimm?

Einmal hat dieser Typ aus Mutlus Klasse, der die ganze Zeit über Sex redet, ein paar Internetadressen an die Tafel geschrieben. Sie bestanden vor allem aus Buchstaben. In einer kamen viele x vor. Der Typ hat gesagt, auf den Seiten gebe es krasse Ballerspiele. Am Nachmittag riefen einige Mitschüler aufgeregt bei Mutlu an. Das seien gar keine Ballerspiele gewesen, sondern Pornos, so richtige - wie kriegen wir die Adressen bloß wieder aus dem Browser?

Mutlu, der Technikprofi, 13 Jahre alt, aber groß, breit und gelassen wie ein Bär, hat es ihnen erklärt. Er selbst hatte die Seiten gar nicht aufgerufen. "Ich interessiere mich nicht so für Ballerspiele", sagt Mutlu, der ein Gymnasium im Berliner Stadtteil Wedding besucht.

Er interessiert sich bisher auch nicht für Pornos, sagt er. Aber er hört einige Klassenkameraden ständig darüber reden. Manche, die türkische Eltern haben wie er, sitzen mit der Hand am Startknopf des Rechners und surfen mitten im Familienwohnzimmer Youporn-Clips an, während ihre Mutter nebenan in der Küche das Essen zubereitet. Wenn jemand kommt, drücken sie den Computer schnell aus. Mutlu kennt einen, der hat sich dabei ein bisschen verdrückt. Seine Schwester kam rein, der Rechner ging aus, dann startete er neu. Auf dem Monitor lief die Pornoszene von eben.

Pornografie gehört zum Alltag von Jugendlichen, seit sie nicht mehr aufwendig auf VHS-Kassetten aus Videotheken besorgt werden muss, sondern über DSL-Leitungen sekundenschnell in Teenagerzimmer übertragen wird. Spätestens seit die "Bild"-Zeitung das Sexclip-Sammelsurium Youporn deutschlandweit bekanntgemacht hat, weiß fast jedes Kind, wie es an Blowjobs, Bondage-Videos und Bukkake-Clips kommt. Schon 18? Ja, klar! Auf Pausenhöfen kursieren Tiersex-Szenen auf den Handys.

DSL und Bluetooth sei Dank - oder eben nicht

Nahezu jeder behauptet, mindestens einen zu kennen, der eine kennt, die schon mal beim Sex, beim Strippen oder in Unterwäsche aufgenommen worden ist und es später sehr bitter bereut hat, als alle Klassenkameraden es dann auch gesehen hatten. Fast 80 Prozent der 14- bis 17-Jährigen haben laut Dr.-Sommer-Studie der "Bravo" schon einmal einen Porno geguckt. Pornografische Clips sind seit den Nullerjahren so leicht zu kriegen und zu verteilen wie noch nie. DSL und Bluetooth sei Dank - oder eben nicht.

Das Magazin "Stern" stellte 2007 recht entsetzt fest, das nun alle "Voll porno" seien. Viele Teenager würden Pornos sehen, Porno-Rap von Frauenarzt hören, sich nicht mehr küssen, stattdessen Sex um die Wette haben und an Liebe keinen Gedanken verschwenden. Der betagte Sexpapst Oswalt Kolle fürchtet gar eine "Masturbationsgesellschaft" voller beziehungsunfähiger Cyber-Onanisten.

"Porno ist Aufklärung pur", sagt dagegen ein junger Mann um die 20 in dem Film "Geiler Scheiss" ziemlich fröhlich in die Kamera. Das Medienprojekt Wuppertal hat die Dokumentation gedreht. Junge Leute reden darin über ihr Verhältnis zu expliziten Sexclips. Ihn habe die Pornografie entspannter gemacht, sagt der Interviewte im Polohemd. Sie habe ihm die Angst vor dem ersten Mal genommen, ihm praktisches Wissen vermittelt, ihn aber auch ein wenig abgestumpft. "Unsere Generation ist mit der Pornografie aufgeklärt worden", stellt ein anderer fest.

Sie summt Muschi-Zeilen wie Abzählreime

Video
Medienprojekt Wuppertal

"Geiler Scheiß"
Trailer zum Film des Medienprojekts Wuppertal

Das bedeutet noch lange nicht, dass alle Schüler ständig Pornos schauen. Mutlu beispielsweise tut es nicht - obwohl das in seinem Umfeld recht normal ist. Regelmäßig gucken laut Bravo-Studie nur acht Prozent der Jungs. Eric sagt, er habe wieder aufgehört. Eric ist jetzt 18, will gerade sein Abitur nachmachen und spielt gelegentlich Billard in einem Ostberliner Jugendzentrum. Dort steht er auch an diesem Nachmittag, kramt sein Handy aus der weiten Baggy Pant und sucht nach einem Song, dessen Text er gerade vorgerappt hat: "Hose runter, du warst böse, mit der Rute auf die Möse."

Seine Stiefschwester hat auch viele solcher Lieder auf dem Mobiltelefon. Die ist 15. Manchmal summt sie "Reich die Muschi rum" vor sich hin, aus einem Stück der Rapper Frauenarzt und King Orgasmus One. Sie singt es wie einen Abzählreim, als wäre es gar nicht das Frauenverachtendste, was man sich so ausdenken kann. Für viele sind die Porno-Texte eine witzige Begleitmelodie. Damit kann man Eltern provozieren. Und bei den Neun-, Zehn- oder Elfjährigen geht es bei den Tiersexclips auf den Handys gar nicht so sehr um Sex.

Es geht eher um das, was der erfahrene Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt als Erprobungshandeln bezeichnet. Man lotet Grenzen aus. Nach dem Motto: Schau mal, was ich da Tolles aus dem Netz gefischt habe. Von "virtuellen Mutproben" sprechen Jugendschützer.

Sorge um die Penislänge

Später, wenn das sexuelle Interesse aufkommt, orientieren sich manche durchaus an den Porno-Clips. In Sexualberatungsstellen berichten Berater von pro familia oder Caritas, das Jungs sich verstärkt Sorgen um ihre Penislänge machen. Die Mädchen in sozialen Randbezirken ließen sich häufiger als Sexobjekte herumschubsen, sagen viele Sozialarbeiter, die sich dort auskennen.

Bei Erics Kumpels liefen vor zwei, drei Jahren regelmäßig Pornos in den nebelverhangenen Zimmern, in denen die Bong blubberte und Kampfspiel-Sounds aus den Boxen kreischten und knatterten. Manchmal hat er auf der Eckcouch vor sich hingedöst, und auf dem Boden neben ihm hatte ein Pärchen Sex. Wenn ihn sein Vater zu Hause gefragt hat, was sie gemacht hätten, hat er ehrlich geantwortet: "Pornos geguckt". Der Vater fand das okay.

Es gibt erste Studien, die sich damit befassen, wie Pornokonsum Jugendliche beeinflusst. Die Forscher stellen keine spektakulären Effekte fest. Das Umfeld ist entscheidend. Wo sich Eltern grundsätzlich nicht kümmern, kann sich auch eine seltsame Sexualität entwickeln, können die Pornobilder stärkeren Einfluss haben als in behüteten Familien. Gerade wenn in dem Milieu ohnehin ein fragwürdiges Frauenbild vorherrscht.

Wie mit der Tomatensauce in Spaghetti-Western

Es sei eine Frage der Medienkompetenz, sagt Gunter Schmidt: Kann einer zwischen Fakt und Fiktion trennen? Genauso wie man erkennen müsse, dass das Blut im Spaghetti-Western nur Ketchup ist, müsse man den Phantasiesex der Pornowelt als solchen identifizieren lernen. Schmidt ist zuversichtlich, dass die meisten das tun.

In diesem Jahr werden in Deutschland einige fundierte Studien veröffentlicht. Die Stuttgarter Medienforscherin Petra Grimm hat viele Jugendliche intensiv zur Pornografie befragt, und auch ein Team um die Hamburger Sexualwissenschaftlerin Silja Matthiesen führt gerade ausführliche Gespräche.

Es kann gut sein, dass es bei einigen ähnlich läuft wie bei Eric. Anfangs fand er das aufregend. Er glaubt immer noch, dass man sich ein paar Sachen abschauen kann, Stellungen. Aber irgendwann sei ihm der Pornosex langweilig geworden, erzählt er. "Live ist natürlich besser", sagt Eric. "Ich hol mir keine Filme mehr, ich hol mir lieber 'ne Freundin."

Von Johannes Gernert erscheint am 18. Februar das Buch "Generation Porno" im Fackelträger Verlag

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 68 Beiträge
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1. .
frubi 02.02.2010
Zitat von sysopSeit es Pornoplattformen gibt, haben die meisten Minderjährigen schon mal Blowjobs oder Bondage geguckt - Youporn ist in den Nullerjahren zur Dr.-Sommer-Rubrik 2.0 geworden. Viele Teenager machen mit solchen Seiten ihre ersten sexuellen Erfahrungen. Schlimm? http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,672097,00.html
Schlimm wäre es nur dann, wenn die Kiddies mit dem Zeug alleine gelassen werden. Wenn ihnen keiner erklärt, wieso die Erwachsenen sich in dem Film gegenseitig in den Mund ..... Und es braucht keiner behaupten, dass der eigene Spross um so etwas herum kommt. Es gibt immer diesen einen Verrückten aus der Schulklasse oder im Verein der solch ein Material besorgen kann. Wir hatten damals bei uns in der Klasse jeweils einen Experten für Porno`s (der wurde allerdings öffentlich ausgelacht während der im Stillen durch den Verkauf von CD`s das reichste Kind war) und einen Experten für Filme/Spiele. Natürlich hilft das Internet bei der Verbreitung dieser Medien/Pornos aber auch in früheren Zeiten konnte man durch die VHS des größeren Bruders an dieses Material ran kommen. Deswegen ist aber nicht eine ganze Generation versaut.
2. .
UdoL 02.02.2010
Vom Prinzip her scheint sich mir gar nicht so viel verändert zu haben. Ein paar Gestörte bleiben bei dem Zeug; für die meisten verliert es irgendwann seinen Reiz. Das war auch ohne Internet schon so.
3. Heiße Luft
Osis 02.02.2010
Zitat von UdoLVom Prinzip her scheint sich mir gar nicht so viel verändert zu haben. Ein paar Gestörte bleiben bei dem Zeug; für die meisten verliert es irgendwann seinen Reiz. Das war auch ohne Internet schon so.
Jop. Viel schlimmer sind Leute, die das gandenlos tabuisieren. Wir haben unseren "ersten" Porno auf VHS im Keller geguckt...war das aufregend, so für 15 Minuten. Danach haben wir den neu vertont mit Karaoke. Es kommt halt immer auf die Umgebung an. Wichtiger wäre doch das auf Prävention (Krankheit/Schwangerschaft) aller Art geachtet wird.
4. VHS, Inet, ...
kamillentee 02.02.2010
...egal woher. Das gab es auch früher schon. Ich warte noch darauf, das die steigenden Zahlen von Vergewaltigungen auf den Konsum von Pornos via Inet zurückzuführen sein sollen. ;-) (vice versa "Killerspiele" und "Amokläufe")
5. Gut
snickerman 02.02.2010
dass es nicht mehr ganz so schreierisch aufgemacht wird wie noch vor kurzem dank "STERN" und dem "Arche"-Pastor Siggelkow, der mit seinem Buch "Generation Porno" Erlebnisse aus den Problemgruppen einfach reißerisch verallgemeinert hat- und dann wurde nur noch gegenseitig abgeschrieben... Inzwischen (wie auch im Artikel kurz erwähnt) haben Fachleute längst Entwarnung gegeben, Jugendliche führen keineswegs so ab wie befürchtet und könnten die Clips und Filme viel besser einordnen als die Berufsaufreger behaupteten. Das wird natürlich die Politik wie immer nicht interessieren, wenn die mit dem Alkoholverbot für unter 18-jährige durch sind und Schnaps und Bier nur noch in abgeschlossenen Räumen aufbewahrt werden dürfen, wird der nächste große Kreuzzug gegen die "Pornoschwemme" geführt werden, die ja "bekanntermaßen" alle Minderjährigen zu willenlosen Sex-Zombies macht, die nur noch an Gang-Bang denken anstatt an die Schule. Hört sich jetzt gnadenlos überzogen an, aber seit den Kampagnen gegens Rauchen und jetzt gegens Trinken trau ich dem Verschnitt da oben alles zu. Und tatsächlich IST die Weitergabe von Pornos an Minderjährige ja auch verboten und läuft dann schon unter Labels wie "Förderung der Sexualität Minderjähriger"- Klingt eher witzig, ist aber strafbewehrt, wer seine Pornohefte/Filme in der Wohnung offen rumliegen lässt, bekommt mächtig Ärger, bei Absicht kann da auch das Gefängnis winken. So wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis der Zugang zu Material für Erwachsenen überall mit Altersverifikationen versehen wird. Dann gibt es die nicht übertragbare, kennwortgeschützte und trackbare "PPC" (Personal Porno Card), ohne die man in diese Angebote nicht mehr reinkommt und über die sofort ermittelt werden kann, wann was angesurft wurde. Oh, ich bringe Schäu... De Maiziere auf Ideen...
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  • www.sexualaufklaerung.de
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  • www.profamilia.de
  • Die Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e. V. liefert Adressen von Beratungsstellen.
  • www.isp-dortmund.de
  • Die Internet-Seite des Instituts für Sexualpädagogik in Dortmund liefert Informationen zu Weiterbildungen, Seminaren und Workshops.
  • www.sextra.de
  • Die Pro-Familia-Seite bietet eine Online-Beratung für Jugendliche und deren Eltern.
  • www.kinderundjugendtelefon.org
  • "Nummer gegen Kummer", größtes, kostenfreies Beratungsangebot für Kinder, Jugendliche und Eltern.


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