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Junge YouTuber: Unser Leben ist das Netz

Sie gehen noch zur Schulen und haben schon Millionen Fans. Sie senden dort, wo junge Menschen heute fernsehen - im Internet. Was macht die plötzliche Popularität mit ihnen?

YouTube-Stars: Jung, erfolgreich und ziemlich gewöhnlich Fotos
BibisBeautyPalace

Die Hände hat Mohamed Satiane, genannt Momo, in den Taschen seiner schwarzen Lederjacke vergraben. Sein Grinsen scheint etwas müde an diesem sonnigen Vormittag. Vielleicht, weil der Rummel um seine Person auch den 18-Jährigen selbst überrascht hat. Denn eine Innenstadt legt man ja nicht alle Tage lahm.

Es passierte kürzlich, als er an einem Samstag in der Dortmunder City shoppen wollte. Hunderte Jugendliche hatten ihn umlagert - seine Fans. Sie bedrängten ihn, wollten ein Foto. Momo hatte die Tour wenige Stunden zuvor auf seiner Facebook-Seite "Momonews" angekündigt - wo er fast eine halbe Million junge Menschen erreicht. Die Polizei musste ihn schließlich in einem Streifenwagen wegbringen.

Dortmund ich Danke euch für die Tausenden von Menschen heute ! Die besten Fans !!! Und tut Mir leid das es abgebrochen...

Posted by Momonews on Samstag, 7. März 2015
Wenn er nicht gerade Massenaufläufe verursacht, lebt Momo ein eher normales Leben - nur dass er die interessierte Öffentlichkeit in kleinen Filmen bei Facebook und bei YouTube daran beteiligt. Meist werden die Videos eingeleitet mit Fragen wie "Kennt ihr das...":

Kennt ihr das ? -.- ihr seid mit einem Mädchen am flirten, und dann muss die Beste Freundin alles kaputt machen? #Hassmoment!!Für mehr Videos von mir --> Momonews

Posted by Momonews on Mittwoch, 4. Februar 2015
Große Abräumer auf YouTube sind in Deutschland beispielsweise das Comedytrio von Y-Titti mit 3,1 Millionen Abonnenten oder LeFloid, der Nachrichten kommentiert und damit gut 2,4 Millionen Abonnenten erreicht.

Viel Popularität, viel Spott

Den Internetsoziologen Stephan Humer von der Universität der Künste in Berlin überrascht diese Popularität junger YouTube-Stars nicht. "Wenn Sie heute einen 15-Jährigen fragen, ob er Filme im Netz oder im Fernsehen guckt, wird der immer Ersteres sagen." Und diese Entwicklung stehe gerade erst am Anfang. "Da kommt noch richtig was nach", prophezeit der Forscher.

Jede Minute wird auf YouTube Videomaterial in einer Länge von rund 300 Stunden hochgeladen, das sind in einer Stunde Videos in einer Länge von 750 Tagen. Die Videoplattform beziffert ihre Nutzerzahl auf mehr als eine Milliarde weltweit. YouTube soll in Europa allein für gut 17 Prozent des Internet-Traffics verantwortlich sein.

"Man kann eine riesengroße Zielgruppe erreichen", erklärt Internetsoziologe Humer. Jungen YouTubern winken Popularität und Anerkennungen, aber auch Spott und Häme in den Kommentaren unter ihren Videos. "Und damit muss man umgehen können", sagt Humer.

Singende Zwillinge mit 1,2 Millionen Fans

Die singenden Zwillinge Heiko und Roman Lochmann, alias "DieLochis", haben inzwischen mehr als 1,2 Millionen Abonnenten bei YouTube. Was vor dreieinhalb Jahren aus Langeweile anfing, schlägt inzwischen immer höhere Wellen: Für die beiden 15-Jährigen aus dem südhessischen Riedstadt ist der YouTube-Kanal neben der Schule fast zum Fulltime-Job geworden.

Anfangs texteten sie noch Songs aus den Charts um, inzwischen schreiben sie eigene Lieder. Darin geht es um Erfahrungen, die sie als Jugendliche machen: "Ich bin blank" heißt ein Titel. Oder sie singen, worüber auch sonst, über ihr Leben im Netz: "Durchgehend online".

Warum sind "DieLochis" so erfolgreich sind? "Viele sagen, das wäre eine Marktlücke", sagt Heiko. "Und im Endeffekt sind wir ja selbst die Zielgruppe." Vor allem die 11- bis 16-Jährigen schauten ihre Videos an, sagt er.

Momo und die Lochmann-Zwillinge haben beide noch anderthalb Jahre Schule vor sich. Und dann? "Wir bleiben dann erst mal selbstständig", sagt Heiko. "Es ist megacool, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen."

Auch Momo will "in Richtung Medien gehen". Schauspieler - das wäre was, sagt er. "Vielleicht hilft mir ja meine Facebook-Seite dabei." Nach dem Zwischenfall in Dortmund sind seine Klickzahlen jedenfalls gestiegen.

Milena Reimann/dpa/bkr

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insgesamt 28 Beiträge
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1.
optism 03.04.2015
Und letztlich geht es nur darum, Gewinne zu erwirtschaften. Diese Leute leben einen Traum, der ohne Probleme diverse zehntausend Euro im Monat bringen kann. Tolle Schminkvideos mit affiliate-Werbungslinks in der Beschreibung oder ganz zufällige Erwähnung diverser Longboard-Marken, um nur eine winzige Auswahl der Methoden zu nennen, sind leicht als offenes Marketing zu erkennen. Nur markiert werden sie nicht, und unser Nachwuchs fällt darauf rein.
2.
Zaunsfeld 03.04.2015
Was mit ihnen passieren wird, ist klar. Mit ihnen wird das passieren, was auch mit allen Teenie- und Kinderstars der Vergangenheit im Musik- und Filmbereich passiert ist. Diejenigen, die gut beraten werden, werden auf dem Teppich bleiben und diejenigen, die nicht gut beraten werden (das dürfte im jungen Medium des Internets wohl die Mehrzahl sein), werden geistig irgendwie abheben. Eine sehr geringe Zahl der YouTube-Stars wird es sicher schaffen, die Popularität fürs spätere Erwachsenenleben nutzen zu können. Schauspieler werden aber die wenigstens werden. Bei einem Großteil wird die Popularität irgendwann wieder verfliegen. Sie werden älter, ihre Fans werden älter und suchen sich andere Lebensmittelpunkte, es rücken andere "Stars" nach usw. Die meisten derjenigen, deren Popularität dann irgendwann wieder vorbei ist, werden ihr Leben dann danach ganz normal wieder auf die Reihe kriegen. Aber es wird auch viele geben, die mit der dann verschwundenen Popularität nicht zurechtkommen werden. Das werden diejenigen sein, die ihre Schulbildung aufgrund des aktuellen Hypes vernachlässigen, die keinen richtigen Beruf gelernt haben werden und die dann einfach beruflich, finanziell und sozial abstürzen. Wie gesagt: Wird genauso sein, wie bei den Kinder- und Teenie-Stars der vergangenen Jahrzehnte.
3.
großwolke 03.04.2015
Trifft das nicht auf den Großteil der sogenannten "Stars" zu? Wie viele Schauspieler und sonstige Celebrities wären eigentlich Durchschnittstypen, wenn nicht der Zufall ihre Karriere irgendwie anspringen hätte lassen? Auf die Weltbevölkerung gerechnet sind auch sog. "berühmte Youtuber" nicht so sehr viel mehr als erfolgreiche Schauspieler, und von beiden gibts mehr als genug erfolglose, von denen man nie irgendwas mitbekommt. Im Grunde läuft die Welt also weiter wie immer, nur neuerdings eben auch auf youtube. Kein Grund zur Sorge. Im Übrigen würde ich nicht behaupten, dass die Macher solcher Videos nichts wissen. Sie wissen immerhin, wie man brauchbare Videos macht, und dieses Wissen beschränkt sich vermutlich nicht auf das Hochhalten von Handycams und das Klicken von Uploadknöpfen. In unserer medial durchwirkten Zeit klingt das für mich nach einem Skill, der auch dann noch nützlich ist, wenn der eigene Name keine sechsstelligen Zuschauerzahlen mehr vor den Bildschirm zieht.
4. Wie traurig
karlsiegfried 03.04.2015
'Unser Leben ist das Netz.' Mein Leben ist Gesundheit, ein gesundes soziales Umfeld, ein Sonnenauf oder -untergang und anderes mehr. Sei es diesen armseligen Persönchen gegönnt. Es werden auch noch bittere Tränen kommen. Versprochen. Und nicht im Netz, die werden im stillen Kämmerchen geweint.
5. Wenn jemand damit Erfolg hat ... okay.
nadennmallos 03.04.2015
Meines Erachtens bleibt es jedem selbst überlassen, wie er sein Leben gestaltet. Und wenn eine Gesellschaft so etwas honoriert: Völlig in Ordnung. Heute sind die Möglichkeiten berühmt oder bekannt zu werden eben einfacher als noch vor 50 Jahren. Und die Welt wird deswegen nicht untergehen! Ob es der Menschheit gut tut, ... keinen Ahnung, es wird sich zeigen. Aufhalten lassen sich solche Trends nicht.
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