Rotorenlärm durchbricht die Stille, Matthias Schwarz, 20, drückt ein paar Knöpfe, der Hubschrauber hebt ab. Er bekommt Anweisungen über Funk und fliegt geschickt zu einem Bergwachtretter, der mit einem Verletzten im Bergesack rund 15 Meter unter ihm auf das Seil wartet. Doch das Manöver schlägt fehl, Matthias Schwarz bricht ab.
Er drückt wieder einen Knopf, der Rotorenlärm wird leiser, der Wind legt sich, Matthias Schwarz schaut aus dem Fenster - er hängt immer noch in der Luft. "Das ist das Schöne an meinem Job", sagt er. "Während andere sich anstrengen und trainieren müssen, kann ich mich immer wieder entspannt zurücklehnen."
Matthias Schwarz hat keine Lizenz als Hubschrauberpilot. Und die Bergwachtübung findet auch nicht in verschneiten Bergen statt, sondern in einer Halle, 60 Meter lang, 25 Meter breit, 20 Meter hoch. Verkehrte Welt? Mitnichten. Matthias Schwarz ist Zivildienstleistender im "Zentrum für Sicherheit und Ausbildung" (ZSA) der Bergwacht Bayern in Bad Tölz.
"Es ist wie Computer spielen"
Das Zentrum öffnete im Jahr 2008 und ist mit seinen Trainingsmöglichkeiten einzigartig in Deutschland. Deswegen bildet nicht nur die Bergwacht ihre rund 3000 Retter mindestens einmal im Jahr dort aus, sondern auch öffentliche Institutionen wie zum Beispiel Bundeswehr, Polizei und Feuerwehr.
Eine von Matthias Scharz Hauptaufgaben in dem Zentrum: den Hubschraubersimulator bedienen. Der hängt an einer Kranbrücke und ist in allen Richtungen frei beweglich. Die Hubschrauberzelle für den Simulator unterscheidet sich rein äußerlich nicht von den Modellen, die tatsächlich in der Luftrettung eingesetzt werden.
Doch ein Blick ins Cockpit offenbart den Unterschied: Die Originalinstrumente wichen speziellen Bedienelementen, ein Monitor überträgt die Bilder einer Kamera, die unter dem Hubschrauber angebracht ist. "Mit dem richtigen Hubschrauberfliegen hat es wenig zu tun, dazu fehlt das realistische Gefühl an der Steuerung", erklärt der Zivildienstleistende. "Es ist eher wie Computer spielen. Aber das macht ja auch Spaß."
Unterschiedliche Handzeichen führten zu Missverständnissen
Matthias Schwarz weist gemeinsam mit dem Lehrgangsmanager die Teilnehmer in die Übung ein. Jahrelang hatten die einzelnen Luftrettungspartner der bayerischen Bergwacht, wie Bundeswehr, Polizei, ADAC oder auch die Deutsche Rettungsflugwacht, unterschiedliche Handzeichen und Einsatzverfahren. Zwischen den Rettern am Boden und in der Luft kam es immer wieder zu Missverständnissen. Inzwischen wurden einheitliche Standards eingeführt und damit diese auch bei jedem ehrenamtlichen Bergwachtmitglied in Bayern sitzen, kommt für die Lehrgänge jeweils ein professioneller "winch operator" der fünf Luftrettungspartner.
Dieser sitzt an der offenen Tür des Hubschraubers, koordiniert die Bergung und bedient das Windenseil. "Ich fliege dann einfach nach Plan und folge den Anweisungen. Wenn er sagt, ich solle noch drei Meter weiter nach rechts fliegen, mache ich das", sagt Matthias Schwarz. Anders als die richtigen Piloten kann er aber über die Kamera an der Unterseite des Hubschraubers alles beobachten. "So sehe ich auch Fehler, die die Einsatzkräfte bei der Übung machen und bringe das in der Abschlussbesprechung ein."
Zu Beginn seines Zivildienstes wurde er zwei Wochen im Hubschraubersimulator eingearbeitet, danach musste er die Steuerung selbst übernehmen. Aus Sicherheitsgründen ist sie allerdings mit einer Anlage am Boden gekoppelt, die während der Trainingszeiten von einer zweiten Person bedient wird.
Ein Rotkehlchen legte Hubschrauber lahm
Abends fliegt der Zivi den Hubschrauber per Fernbedienung an die Decke - eigentlich. "Einmal blieb der Hubschrauber auf halber Höhe im Raum stehen und nichts bewegte sich mehr", erzählt der Zivildienstleistende und lacht. Er schimpfte und fluchte, aber es half nichts. Mit einer Hebebühne fuhr Schwarz hoch und kletterte wieder in den Hubschrauber hinein.
Ähnliches passierte als vor einiger Zeit Sponsoren und Verantwortlichen der Hubschrauber-Simulator vorgeführt wurde - selbstverständlich live im Hubschrauber. Zuvor hat leider ein Rotkehlchen Spuren auf dem Barcode der Steuerung hinterlassen, die Anlage stellte sich aus Sicherheitsgründen ab. Der Hubschrauber blieb an der Hallendecke stehen und die Insassen stiegen irgendwann auf die Hebebühne um.
Matthias Schwarz geht in seiner Freizeit gern Klettern, Mountainbiken und auch Skifahren. Er machte auch schon manche Rettungseinsätze in echt mit, denn er ist Mitglied der Bergwacht-Bereitschaft in seinem Heimatort Lenggries, das nur rund zehn Kilometer von Bad Tölz entfernt liegt. Es lag für ihn also nahe, seinen Zivildienst im Ausbildungszentrum zu machen.
Bald wird er allerdings nicht mehr so oft im Hubschrauber sitzen, denn seine Zeit als Zivi ist fast um. Ob er auf einen echten Hubschrauber umsteigen will? "Lust dazu hätte ich schon", sagt er. Doch er habe eine Rot-Grün-Sehschwäche. Ein Ausschlusskriterium für die Fluglizenz.
Er möchte aber auch in Zukunft das Gefühl nicht missen, anderen Menschen zu helfen. Die nächsten Monate verbringt er als bezahlter Retter bei der Skiwacht in den heimischen Skigebieten. Parallel dazu bereitet er sich auf den Medizinertest im Frühsommer vor.
Und einen Tag in der Woche wird er auch nach Dienstende im Zentrum für Sicherheit und Ausbildung vorbeischauen und aushelfen. Sie können ihn dort gebrauchen. Denn er gehört bekanntlich zu einer aussterbenden Spezies: den Zivildienstleistenden.
aki
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