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Lehrer-Bloggerin contra Rechtsextreme: "Ich hab nur einen Wurzeldeutschen"

Ausländerfeinde und Sarrazinisten wollen die Pädagogin Fräulein Krise für sich vereinnahmen. Dagegen wehrt sich die bloggende Problemschul-Lehrerin: Im Interview erklärt sie die Unterschiede zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund - und warum die nicht wirklich wichtig sind.

Blog von Frl. Krise: "Intervention an der pädagogischen Borderline" Zur Großansicht

Blog von Frl. Krise: "Intervention an der pädagogischen Borderline"

SPIEGEL ONLINE: Fräulein Krise, sie bloggen unter Pseudonym über den Alltag an einer Problemschule. Ihr Pseudonym wurde nun missbraucht, um zustimmende Kommentare auf rechte Blogs zu stellen. Haben Sie in Ihrem Blog mit der Kritik an Ihren ausländischen Schülern überzogen?

Frl. Krise: Ausländische Schüler? Meine Schüler sind fast alles Deutsche, hier geboren, hier aufgewachsen, genau wie viele ihrer Eltern. Klar, sie haben einen türkisch- oder arabischstämmigen Hintergrund. Aber trotzdem sind sie Deutsche. Es geht in meinem Blog überhaupt nicht um Kritik an meinen Schülern. Ich erzähle von Jugendlichen in einer bestimmten Lebenssituation, von ihren Bemühungen, ihren Erfolgen, ihrem Scheitern und von ihrem Erwachsenwerden.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat Ihren Blogger-Namen missbraucht und warum?

Frl. Krise: Auf rechten Web-Seiten wird ja gern behauptet, dass der "Muselmann" Europa übernimmt. Unter diesen Einträgen stehen dann viele zustimmende Hasskommentare. Einer der Kommentatoren hat mein Frl. Krise-Pseudonym missbraucht und Hass-Kommentare geschrieben. Tenor: 'Ich kann die Kritik bestätigen, weil ich muslimische Jugendliche unterrichte.'

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie das bemerkt?

Frl. Krise: In meinem Blog gab es plötzlich sehr viele rechte Kommentare, in denen stand, ich würde ja in meinem Blog eine ganz andere Meinung vertreten als in meinen Kommentaren - von denen ich bis dahin gar nicht wusste. Meine Stammleser haben mich auch darauf hingewiesen und ich habe dann Kommentare, die auf anderen Seiten unter meinem Namen verfasst wurden, von den Betreibern löschen lassen. Danach war Ruhe.

Stopp mal! - Frl. Krise wischt braune Brühe auf
DDP
Frl. Krise schreibt offen über die tollen und die weniger tollen Seiten ihres Alltags mit teils schwierigen Schülern - ungeachtet ihrer Herkunft.

Als Ausländerfeinde ihren Namen benutzten, um zu hetzen, sah sie sich in ihrem Blog zu folgender Richtigstellung über Emres, Hilals, Leons und Charlottes genötigt. mehr...
SPIEGEL ONLINE: Das ist das Problem mit Pseudonymen, sie sind leicht zu kapern. Haben Sie schon erwägt, Ihr Geheimnis zu lüften?

Frl. Krise: Auf keinen Fall erwäge ich, mich zu outen. Unter einem Pseudonym kann ich freier schreiben, ich muss mich vor niemandem rechtfertigen.

SPIEGEL ONLINE: Warum schreiben Sie weiter, auch wenn so etwas passiert?

Frl. Krise: Ich blogge gerne. Es gibt in meinem Alltag so viele Geschichten, ich möchte die nicht vergessen und ich möchte auch, dass andere sie lesen. Außerdem reden so viele über die sogenannten Problemschulen, die keine Ahnung haben. Ich habe Ahnung, denn ich unterrichte da.

SPIEGEL ONLINE: Auf ihrem Blog haben Sie jetzt einen Text geschrieben, in dem Sie sich noch einmal gesondert zu ihrem gekaperten Pseudonym erklären. Warum der Beitrag gegen Nazis?

Frl. Krise: Das geht nicht nur gegen Nazis. Es gibt auch muslimische Leser, die behaupten ich hätte Muslime auf dem Kieker. Andere unterstellen mir, ich hacke generell und ausschließlich auf Ausländern herum. Darum geht es aber gar nicht! Jugendliche in der Pubertät haben nun mal fast alle ihre Schwierigkeiten - egal ob deutsch-oder türkischstämmig.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie denn jetzt pro oder contra Islam, Sarrazin-Anhängerin oder eine falsch Verstandene?

Frl. Krise: Ich bin Lehrerin. Ich sehe meine Schüler nicht als Ausländer, nicht als Moslems oder Christen, nicht mal als Kinder. Sie sind viel mehr Individuen, Persönlichkeiten, Menschen und darin einzigartig. Ich unterrichte sie gerne, auch wenn es oft sehr anstrengend ist. Aber das ist Unterrichten immer. Und Sarrazin? Was der sagt, interessiert mich nicht. Sein Buch handelt ja nur von Statistiken und nicht von Menschen. Meine Schüler sind aber keine Statistiken sondern Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie gern mehr deutschstämmige Kinder in der Klasse?

Frl. Krise: Ja, aber nicht, weil ich die lieber mag, sondern weil ich weiß, dass Integration nur so funktionieren kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben sehr schonungslos über ihre Kinder, und die haben meist keine typisch deutschen Namen.

Frl. Krise: In meiner Klasse ist nur ein wurzeldeutsches Kind und folglich steht in meinem Blog eben öfter, dass Fuat oder Leila ihre Hausaufgaben vergessen, als Jenny oder Felix. Ich unterrichte überwiegend leistungsschwache Kinder, die teilweise aus bildungsfernen Elternhäusern stammen. Da ist im Unterricht nicht immer alles nur positiv und einfach.

SPIEGEL ONLINE: Sie nennen Jenny oder Felix wurzeldeutsch, was unterscheidet wurzeldeutsche Problemschüler von denen mit Migrationshintergrund?

Frl. Krise: Problemkinder ohne Migrationshintergrund sind oft verwahrloster, kommen häufig aus kaputten Elternhäusern, sie haben im Winter oft zu dünne Klamotten an und es gibt keinen, der ihnen ein Pausenbrot schmiert. Die aus den türkisch- oder arabischstämmigen Familien legen sehr viel Wert auf ihr Äußeres, auch die Jungs. Sie werden im Großen und Ganzen besser versorgt. Natürlich ändert sich das, auch da zerfallen immer mehr Familien, aber generell haben die Kinder mehr Rückhalt. Um die Schulprobleme kümmert sich aber leider bei beiden Gruppen kaum jemand.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Beiträge lesen sich mal lustig, mal ironisch, mal enttäuscht - und oft klingen Sie ganz schön frustriert.

Frl. Krise: Klar, ein ordentlicher Lehrer ist auch mal etwas frustriert, wenn er sieht, wie seine Schüler ihre Zukunft aufs Spiel setzen. Wenn sie sich überhaupt nicht um ihre Noten kümmern. Das ist doch in Schwedt kurz vor Polen genauso wie in Bremen oder München.

SPIEGEL ONLINE: Warum unterrichten sie bei allen Schwierigkeiten immer noch gerne an dieser Schule?

Frl. Krise: Ich lehre nicht nur, ich lebe auch ein Stück weit mit meinen Schülern. Ich gebe ihnen Hilfen auf ihrem Lebensweg. Einer meiner Jungs hat eine Freundin, er sagte mir, er möchte erst in rund zehn Jahren mit ihr ein Kind haben und fragte mich, wie ich das finde. Super find ich das, keinesfalls früher, und dann erzählte ich ihm von meinem ersten Kind, das ich mit 29 bekommen habe. Für viele Schüler bin ich die Schnittstelle zur Gesellschaft. Ich rede über mein Leben, sie reden über das ihre, und wir lernen voneinander.

SPIEGEL ONLINE: Was erzählen die Schüler?

Frl. Krise: Ich diskutiere mit den Mädchen zum Beispiel darüber, wie sie es finden, dass ihre Brüder Dinge dürfen, die sie nicht dürfen, und das bringt sie zum Nachdenken. Das funktioniert aber auch in der entgegengesetzten Richtung. Ich lerne viel über ihre Sicht der Dinge und werde oft mit meinen eigenen Vorurteilen konfrontiert. Ich habe gelernt, viel differenzierter hinzusehen, auch bei den Eltern. Manche sind sehr traditionell, andere ganz modern.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn jemand einen dummen Kommentar dazu schreibt?

Frl. Krise: Ich schalte alle Kommentare frei, außer sie sind rassistisch und beleidigend. In meinem Blog bin ich schließlich die Chefin.

Das Interview führte Mathias Hamann

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 233 Beiträge
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1. neuer -ismus - bitte definieren
Partizanka 16.06.2011
Was, bitte schön, ist ein Sarrazinist ? Oder der Sarrazinismus ?
2. Rechts vs. rechtsextrem
fernossi 16.06.2011
Lieber Spon, schon wieder muss man von "rechten Blogs" und "rechten Webseiten" lesen... Meinen Sie damit CDU-Webseiten oder vielleicht jene der FDP? Sicher nicht. Aber wenn es sich um Webseiten rechtsextremer Natur handelt, waere es nur allzu korrekt, diese auch als solche zu bezeichnen, oder?
3. ,
küss_di_hand 16.06.2011
Warum jammern denn die Lehrer an Problemschulen denn nur andauernd. Scheinbar bedeutet eine Schule mit vielen Kindern mit Migrahigru eher eine Herausforderung und Spaß denn große Anstrengung. Frau "Krise" scheint es jedenfalls so zu sehen. Nur sollte sie Statistikunterricht nehmen. Also warum immer mehr Geld fordern. Es mangelt scheinbar nur am Engagement der Lehrer wenn Probleme auftauchen.
4. !
Wer ich wirklich bin, 16.06.2011
Zitat von sysopAusländerfeinde und Sarrazinisten wollen die Pädagogin Fräulein Krise für sich vereinnahmen. Dagegen wehrt sich die bloggende Problemschul-Lehrerin: Im Interview erklärt sie*die Unterschiede zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund - und warum die nicht wirklich wichtig sind. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,766989,00.html
Da gibts ja keinen wirklichen Unterschied. Natürlich versuchen sich diese Leute ein z.B. judophiles Deckmäntelchen umzuhängen, aber derlei Dinge sind in der Branche üblich und dienen nur dem Schutz vor der "rechten Ecke".
5. Gute Idee
JohnD 16.06.2011
Frl. Krise sieht ihre Schüler als "deutsch" an. Im Prinzip eine gute Idee. Aber man muss auch eine Vorstellung vom "Deutschsein" haben. Das fehlt einfach. Solange wir uns nicht über unsere eigene Kultur bewusst werden, kann sich auch niemand integrieren.
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Zur Person
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Frl. Krise ist Lehrerin an einer Schule in einer deutschen Großstadt. Sie unterrichtet Deutsch, Bio, Kunst und was noch so anfällt. Und sie schreibt unter Pseudonym in ihrem Blog recht frank und frei über ihren beruflichen Alltag mit teils schwierigen Schülern. Daneben geht sie gerne Kaffeetrinken, mag Kunst und Literatur und wünscht sich, mal ein Jahr lang als Lehrerin mit einem Zirkus herum zu reisen.
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