Wissenschaft an US-Schulen: Tennessee will Kreationismusverbot lockern
Lehrer sollen ihren Schülern "Stärken und Schwächen" der Evolutionslehre vermitteln dürfen, sagt ein neues Gesetz im US-Bundesstaat Tennessee. Naturwissenschaftler sind entsetzt. Sie fürchten, dass bibeltreue Christen ihre kreationistische Weltsicht in Schulen verbreiten könnten.
Ist die Evolutionstheorie wissenschaftlich begründet? Tragen die Menschen zum Klimawandel bei? Lehrern, die solche Fragen mit Nein beantworten, soll ein neues Gesetz im US-Bundesstaat Tennessee den Rücken stärken. Der Senat verabschiedete den entsprechenden Entwurf Anfang der Woche - und erzürnte damit Naturwissenschaftler in Schulen und Universitäten. Sie warnen, dass das Gesetz fragwürdigen Argumenten von Kreationisten und Bibeltreuen den Weg zurück in die Klassenzimmer ebnet.
Inhalt des Gesetzentwurfs, der noch von Gouverneur Bill Haslam unterzeichnet werden muss: Keine Schulbehörde oder Schulleitung dürfe einem Lehrer verbieten, "Schülern dabei zu helfen, die wissenschaftlichen Stärken und Schwächen von bestehenden wissenschaftlichen Theorien, die im Unterricht behandelt werden, zu verstehen, zu analysieren, zu kritisieren und objektiv zu beurteilen". Solche Theorien sind laut angestrebtem Gesetzestext die wissenschaftlichen Erklärungen für die Evolution und die Erderwärmung sowie das Klonen von Menschen und der chemische Ursprung des Lebens.
Wissenschaftler erbost, dass Schülern damit vor allem die Evolutionslehre künftig wieder als eine Meinung unter vielen vermittelt werden könnte. Heftige Kritik kam unter anderem von der Tennessee Science Teachers Association, der National Academy of Sciences und der National Association of Biology Teachers.
Kreationismus im Bio-Unterricht: verboten seit 1987
Für die Evolution gebe es überwältigende Beweise, schrieben mehrere angesehene Wissenschaftler der National Academy of Sciences vor der Abstimmung in einem offenen Brief. "Es ist pädagogisch unverantwortlich, die Evolution zu verneinen." Schöpfungstheorien wie Kreationismus und Intelligent Design, die Gott oder eine andere übernatürliche Intelligenz als lenkende Kraft propagieren, seien haltlos.
Die Senatoren hatten den Gesetzentwurf am Montagabend mit 24 zu 8 Stimmen angenommen, berichtete die Zeitung "The Tennessean" auf ihrer Internetseite. Abgeordnete der Republikaner haben im Senat eine deutliche Mehrheit. Das Repräsentantenhaus von Tennessee hatte bereits im vergangenen Jahr für einen ähnlichen Entwurf gestimmt. Gouverneur Haslam kündigte an, er wolle sich vor der Unterzeichnung des Gesetzes mit der Erziehungsbehörde des Bundesstaats darüber beraten.
Die Befürworter wiesen den Vorwurf zurück, dass Wissenschaft an den Schulen mit Religion vermengt werde. Das Gesetz sei notwendig, damit Lehrer alle Fragen ihrer Schüler offen beantworten könnten, sagte der republikanische Senator Bo Watson. Es solle Schüler zu kritischem Denken ermuntern. In dem Papier heißt es außerdem, dass das Gesetz nicht dazu dienen solle, religiöse Lehren im naturwissenschaftlichen Unterricht zu verbreiten. Das wäre auch verboten, denn 1987 hatte der Oberste Gerichtshof entschieden, dass Kreationismus als religiöse Ansicht nicht in den naturwissenschaftlichen Unterricht an US-Schulen gehört.
Rick Santorum steht den Kreationisten bei
Die Kritiker verwiesen auf einen Streit um die Schöpfungslehre im Schulunterricht, der bereits Mitte der zwanziger Jahre in Tennessee geführt wurde. Damals war ein Biologielehrer zu einer Geldstrafe verurteilt worden, weil er die Evolutionslehre an einer Schule des Bundesstaates unterrichtet hatte.
Dass fundamentalistische Christen in den USA bis heute die Evolution anzweifeln, ist nicht neu, die Schlacht darum läuft seit drei Jahrzehnten. Die Fundamentalisten wollen erreichen, dass der Jugend die Prinzipien der Evolution in Schulen nicht mehr beigebracht werden - und wenn, dann nur als alternatives Modell zum Kreationismus. Unlängst sprach sich auch Rick Santorum, Anwärter auf die republikanische Präsidentschaftskandidatur, dafür aus.
Dass in dem vorgesehenen Gesetzestext in Tennessee auch der Klimawandel als diskussionswürdig bezeichnet wird, empört Wissenschaftler besonders. "Es gibt praktisch keine wissenschaftliche Debatte unter der überwältigenden Mehrheit der Forscher über die Kernfakten von Erderwärmung und Evolution", schrieb der Geschäftsführer des weltgrößten Wissenschaftlerverbands American Association for the Advancement of Science, Alan Leshner, bereits im April 2011 in einem Protestbrief gegen die Pläne der Politiker in Tennessee. Schülern zu sagen, es gebe eine relevante Debatte über Evolution und Erderwärmung, werde sie "nicht erleuchten, sondern verwirren", so Leshner.
son
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- Donnerstag, 22.03.2012 – 19:07 Uhr
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Das Hauptargument der Intelligent-Design-Anhänger gegen die Evolutionstheorie lautet, dass die heute existierenden Lebewesen zu komplex seien, als dass sie durch natürliche Auslese hätten entstehen können. Auch die sogenannte Kambrische Explosion vor rund 540 Millionen Jahren sei nur mit dem Eingriff eines höheren Wesens zu erklären. Damals kam es zu einem dramatischen Anstieg der Artenvielfalt innerhalb von nur 40 bis 50 Millionen Jahren.
Wie problematisch solche Umfragen aber sind, zeigen schon die vielen unterschiedlichen Erhebungen in den USA: Je nachdem, wie die Fragen gestellt wurden, rangierte der Anteil der Schöpfungsgläubigen grob zwischen 45 und 55 Prozent. Rund 30 bis 40 Prozent glaubten, dass eine Evolution zwar stattfinde, aber von Gott beeinflusst werde. Nur rund zehn Prozent der US-Bürger geben in den regelmäßigen Umfragen an, dass Gott überhaupt keine Rolle bei der Entwicklung des Lebens und der Menschen spielt.
Auch in Deutschland brachte eine Emnid-Erhebung von 2005 ein weniger erfreuliches Ergebnis als die "Science"-Studie: Jeder zweite Befragte gab an, eine höhere Macht habe die Erde und das Leben erschaffen. Einen klaren Unterschied gab es zwischen den alten und neuen Bundesländern: Im Osten glauben demnach 35 Prozent, im Westen 54 Prozent an eine schöpferische Macht außerhalb der Naturgesetze. Bei einer Umfrage an der Uni Dortmund stellte sich 2007 heraus, dass sogar jeder achte Lehramtsstudienanfänger an der Evolution zweifelt.
Einer der weltweit führenden Neuen Atheisten ist Richard Dawkins .
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