SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. April 2012, 17:09 Uhr

US-Schulen

Lehrer in Tennessee dürfen Evolution anzweifeln

Lehrer in Tennessee können künftig Evolutionslehre und Klimawandel in Frage stellen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Der Gouverneur des US-Bundesstaats ließ ein entsprechendes Gesetz passieren - trotz heftiger Proteste.

Eltern, Lehrer, Wissenschaftler und Bürgerrechtler haben umsonst protestiert: In Tennessee tritt ein neues Gesetz in Kraft, das fragwürdigen Theorien wie Kreationismus und Intelligent Design die Tür zurück in die Klassenzimmer öffnen könnte. Der republikanische Gouverneur des US-Bundesstaats, Bill Haslam, verkündete, kein Veto dagegen einzulegen. "Ich glaube nicht, dass dieses Gesetz die wissenschaftlichen Standards verändert, nach denen in unseren Schulen unterrichtet wird", teilte er am Dienstag mit.

In dem Gesetzestext steht, dass keine Schulbehörde oder Schulleitung einem Lehrer verbieten dürfe, "Schülern dabei zu helfen, die wissenschaftlichen Stärken und Schwächen von bestehenden wissenschaftlichen Theorien, die im Unterricht behandelt werden, zu verstehen, zu analysieren, zu kritisieren und objektiv zu beurteilen". Solche Theorien seien zum Beispiel die Evolution, die Erderwärmung und das Klonen von Menschen.

Senat und Repräsentantenhaus hatten mit großer Mehrheit für die Vorlage gestimmt und dafür heftige Kritik kassiert. Unter anderem die Tennessee Science Teachers Association, die National Academy of Sciences und die American Civil Liberties Union wehrten sich gegen das Gesetz. Sie fürchten, dass Schülern die Evolutionslehre und der Klimawandel künftig wieder als eine Meinung unter vielen vermittelt werden könnten, obwohl beides als wissenschaftlich erwiesen gilt. Mehrere tausend Menschen unterzeichneten eine Online-Petition, in der sie den Gouverneur aufforderten, das Gesetz zu stoppen.

"Gute Gesetzgebung sollte Klarheit bringen und keine Verwirrung"

Der Gouverneur Haslam kam dem Drängen nach einem Veto nicht nach, entschloss sich aber, das Gesetz ohne seine Unterschrift passieren zu lassen. Als Erklärung sagte er lediglich: "Gute Gesetzgebung sollte Klarheit bringen und keine Verwirrung". Das sei diesmal nicht der Fall. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP soll das Gesetz am 20. April in Kraft treten. Die "Los Angeles Times" und andere Medien berichteten, die Regelung sei bereits gültig.

Der Gouverneur bezweifelte, dass das Gesetz etwas am Lehrplan oder an der Unterrichtskultur ändern wird. Die Befürworter sagen, sie wollten Kinder und Jugendliche damit zu kritischem Denken ermuntern. Lehrer sollten sich sicher fühlen, wenn sie einem wissbegierigen Schüler den Unterschied zwischen Kreationismus und Evolution erklären wollten, sagte der republikanische Senator Bo Watson. Das Gesetz diene nicht dazu, religiöse Lehren im naturwissenschaftlichen Unterricht zu verbreiten. Schöpfungstheorien wie Kreationismus und Intelligent Design propagieren Gott oder eine andere übernatürliche Intelligenz als lenkende Kraft.

Das Gesetz rührt an einem wunden Punkt in der Geschichte des Bundesstaates: 1925 wurde ein Biologielehrer zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er die Evolutionslehre unterrichtet hatte. Noch bis 1967 war es per Gesetz verboten, an staatlichen Schulen in Tennessee Theorien zu lehren, die der göttlichen Schöpfungsgeschichte aus der Bibel widersprachen. Der Prozess gegen den Lehrer wurde unter dem Namen "Monkey Trial" berühmt. Analog dazu tauften Kritiker den aktuellen Gesetzentwurf "Monkey Bill".

Jerry Winters von der Tennessee Education Association sagte, das neue Gesetz sende gerade vor diesem historischen Hintergrund ein schlechtes Signal: "Es scheint einfach komplett in die falsche Richtung zu laufen."

son

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH