US-Schulen: Lehrer in Tennessee dürfen Evolution anzweifeln

Lehrer in Tennessee können künftig Evolutionslehre und Klimawandel in Frage stellen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Der Gouverneur des US-Bundesstaats ließ ein entsprechendes Gesetz passieren - trotz heftiger Proteste.

Kreationisten glauben nicht, dass Orang-Utan und Mensch gemeinsame Vorfahren haben Zur Großansicht
DPA

Kreationisten glauben nicht, dass Orang-Utan und Mensch gemeinsame Vorfahren haben

Eltern, Lehrer, Wissenschaftler und Bürgerrechtler haben umsonst protestiert: In Tennessee tritt ein neues Gesetz in Kraft, das fragwürdigen Theorien wie Kreationismus und Intelligent Design die Tür zurück in die Klassenzimmer öffnen könnte. Der republikanische Gouverneur des US-Bundesstaats, Bill Haslam, verkündete, kein Veto dagegen einzulegen. "Ich glaube nicht, dass dieses Gesetz die wissenschaftlichen Standards verändert, nach denen in unseren Schulen unterrichtet wird", teilte er am Dienstag mit.

In dem Gesetzestext steht, dass keine Schulbehörde oder Schulleitung einem Lehrer verbieten dürfe, "Schülern dabei zu helfen, die wissenschaftlichen Stärken und Schwächen von bestehenden wissenschaftlichen Theorien, die im Unterricht behandelt werden, zu verstehen, zu analysieren, zu kritisieren und objektiv zu beurteilen". Solche Theorien seien zum Beispiel die Evolution, die Erderwärmung und das Klonen von Menschen.

Senat und Repräsentantenhaus hatten mit großer Mehrheit für die Vorlage gestimmt und dafür heftige Kritik kassiert. Unter anderem die Tennessee Science Teachers Association, die National Academy of Sciences und die American Civil Liberties Union wehrten sich gegen das Gesetz. Sie fürchten, dass Schülern die Evolutionslehre und der Klimawandel künftig wieder als eine Meinung unter vielen vermittelt werden könnten, obwohl beides als wissenschaftlich erwiesen gilt. Mehrere tausend Menschen unterzeichneten eine Online-Petition, in der sie den Gouverneur aufforderten, das Gesetz zu stoppen.

"Gute Gesetzgebung sollte Klarheit bringen und keine Verwirrung"

Der Gouverneur Haslam kam dem Drängen nach einem Veto nicht nach, entschloss sich aber, das Gesetz ohne seine Unterschrift passieren zu lassen. Als Erklärung sagte er lediglich: "Gute Gesetzgebung sollte Klarheit bringen und keine Verwirrung". Das sei diesmal nicht der Fall. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP soll das Gesetz am 20. April in Kraft treten. Die "Los Angeles Times" und andere Medien berichteten, die Regelung sei bereits gültig.

Der Gouverneur bezweifelte, dass das Gesetz etwas am Lehrplan oder an der Unterrichtskultur ändern wird. Die Befürworter sagen, sie wollten Kinder und Jugendliche damit zu kritischem Denken ermuntern. Lehrer sollten sich sicher fühlen, wenn sie einem wissbegierigen Schüler den Unterschied zwischen Kreationismus und Evolution erklären wollten, sagte der republikanische Senator Bo Watson. Das Gesetz diene nicht dazu, religiöse Lehren im naturwissenschaftlichen Unterricht zu verbreiten. Schöpfungstheorien wie Kreationismus und Intelligent Design propagieren Gott oder eine andere übernatürliche Intelligenz als lenkende Kraft.

Das Gesetz rührt an einem wunden Punkt in der Geschichte des Bundesstaates: 1925 wurde ein Biologielehrer zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er die Evolutionslehre unterrichtet hatte. Noch bis 1967 war es per Gesetz verboten, an staatlichen Schulen in Tennessee Theorien zu lehren, die der göttlichen Schöpfungsgeschichte aus der Bibel widersprachen. Der Prozess gegen den Lehrer wurde unter dem Namen "Monkey Trial" berühmt. Analog dazu tauften Kritiker den aktuellen Gesetzentwurf "Monkey Bill".

Jerry Winters von der Tennessee Education Association sagte, das neue Gesetz sende gerade vor diesem historischen Hintergrund ein schlechtes Signal: "Es scheint einfach komplett in die falsche Richtung zu laufen."

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1. .....
Shayman 11.04.2012
Zitat von sysopDPALehrer in Tennessee können künftig Evolutionslehre und Klimawandel in Frage stellen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Der Gouverneur des US-Bundesstaats ließ ein entsprechendes Gesetz passieren - trotz heftiger Proteste. US-Schulen: Lehrer in Tennessee dürfen Evolution*anzweifeln - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL (http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,826890,00.html)
Ich finde das ist bein gelungenes Foto einer durchschnittlichen US-Klasse in Tennessee.
2. OK, Meinungsfreiheit geht vor
sukowsky, 11.04.2012
Zitat von sysopDPALehrer in Tennessee können künftig Evolutionslehre und Klimawandel in Frage stellen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Der Gouverneur des US-Bundesstaats ließ ein entsprechendes Gesetz passieren - trotz heftiger Proteste. US-Schulen: Lehrer in Tennessee dürfen Evolution*anzweifeln - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL (http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,826890,00.html)
Amerika Amerika so modern und doch auch Mittelalter. OK, Meinungsfreiheit geht vor.
3. Also eigentlich...
joachim enders 11.04.2012
...ist die Ansage des Gesetzestextes ja aller Ehren wert, wenn Lehrer "Schülern dabei (...) helfen, die wissenschaftlichen Stärken und Schwächen von bestehenden wissenschaftlichen Theorien, die im Unterricht behandelt werden, zu verstehen, zu analysieren, zu kritisieren und objektiv zu beurteilen". Von einem wissenschaftstheoretischen Standpunkt aus muss das eigentlich eines der zentralen Ziele der naturwissenschaftlichen Bildung sein. Das heißt auch: Ja, ich darf (eigentlich: muss!) Evolution anzweifeln und Klimaerwärmung. Ich muss dann aber auch wissenschaftlich weiter argumentieren und eingestehen (oder zulassen), dass keine andere wissenschaftliche Theorie besser in der Lage ist, von einem objektiven (so steht's ja im Gesetz!) Standpunkt aus die biologischen Befunde und langfristigen Wetterdaten zu erklären. Mit "der liebe Gott wollte das halt so" ist es da nicht getan. Insbesondere für Kinder und Jugendliche in den unteren und mittleren Klassen ist ein derartig differenziertes Herangehen aber nur schwer begreiflich zu machen. Hierin offenbart sich die Subtilität der Gesetzesinitiative: Kinder werden im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Gedanken gezielt verunsichert, vor allem in Bezug auf die vermeintlich kontroversen Themen. Um zu vermeiden, dass nicht die hehre Wissenschaftstheorie im Unterricht problematisiert wird, sondern dass eine bestimmte konservativ-religiös-fundamentalistische Agenda hinter dem Gesetz steckt, könnte man die Argumentation ironisch überhöhen und im Unterricht auch gezielt Theorien problematisieren, die von der fundamentalistischen Seite als gegeben hingenommen oder akzeptiert werden ("Der Kreislauf des Wassers", "Es gibt nur vier Elemente", "2+2=5", "Die Welt wurde vom Flying Spaghetti Monster erschaffen", "Steuersenkungen und Subventionen für die Reichen schaffen Arbeitsplätze", "Schwere Steine fallen auf der Erde nach unten"...)
4.
A.E.I.O.U. 11.04.2012
Zitat von sysopDPALehrer in Tennessee können künftig Evolutionslehre und Klimawandel in Frage stellen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Der Gouverneur des US-Bundesstaats ließ ein entsprechendes Gesetz passieren - trotz heftiger Proteste. US-Schulen: Lehrer in Tennessee dürfen Evolution*anzweifeln - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL (http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,826890,00.html)
So ist das halt mit der Meinungsfreiheit... Solange es eben gesetzlich NICHT verboten ist, an den Klimawandel und die Evolutionslehre NICHT zu glauben, sollte man diesen Spinnern ihren Glauben lassen. Wenn diese in der Lage sein sollten, die öffentliche Meinung in ihrem Wahlkreis auf ihre Seite zu ziehen, tja das ist halt Demokratie „von ihrer schlechten Seite“...
5. ...
ernstl1704 11.04.2012
Der Spiegel Artikel hilft der Wissenschaft ja nun garnicht weiter. Wie hier schon gesagt wurde, was ist an Zweifel falsch. Zweifel ist die Grundlage der Wissenschaft: Ich weiß dass ich nichts weiß. Desweiteren ist in der Wissenschafts nichts erwiesen, es gibt keine Wahrheiten. Genau das ist ja der Trugschluss der Kreationisten z.b.. Es gibt in der Wissenschaft Theorien und Modelle die die Welt erklären so gut wie wir das im Moment können. Kommt Morgen einer der es besser kann, dann ist das das neue Modell. Die Kreationisten die glauben sie hätten die absolute Wahrheit gepachtet und damit müssen sie sie auch nicht erklären, es steht halt einfach in der Bibel (was ja auch schon nicht stimmt aber gut sehen wir darüber hinweg). Im übrigen kann man das auch Schülern der Mittelstufe schon entsprechend begreifbar machen. Man sollte bitte mit Begriffen gerade in dem Bereich sauber umgehen.
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Atheismus und Religion
Evolution und göttliche Schöpfung
AFP
Als Charles Darwin 1859 mit seinem Buch "Die Entstehung der Arten" ("On the Origin of Species") die Evolutionslehre begründete, revolutionierte er nicht nur die Naturforschung. Er versetzte auch den theistischen Religionen einen schweren Schlag: Trete die natürliche Auslese an die Stelle der göttlichen Schöpfung, so die Befürchtung von Kirchenvertretern, könnte sie Gott überflüssig machen.
Kreationismus
Der Kreationismus postuliert, dass das Universum, die Erde und das Leben tatsächlich so entstanden sind wie im Alten Testament beschrieben. Allerdings existieren im Kreationismus verschiedene Strömungen. Weniger radikale Vertreter glauben, dass das Buch Mose nur eine ungefähre Darstellung der Geschehnisse enthalte und nicht wörtlich zu nehmen sei - oder dass die im Alten Testament genannten sechs Tage in Wahrheit viel längere Abschnitte seien, die den in der Wissenschaft geläufigen geologischen Zeitaltern entsprechen. Die Anhänger des Junge-Erde-Kreationismus" " hingegen glauben, dass Gott die Erde und das Leben tatsächlich in sechsmal 24 Stunden erschaffen habe - und zwar vor höchstens 10.000 Jahren.
Intelligent Design
Fundamentalismus im Tarnkleid: Vertreter des Intelligent Design , einer pseudowissenschaftlichen Variante des Kreationismus, sprechen nicht von Gott, sondern von einer übernatürlichen Intelligenz hinter allen Dingen. Der Kreationismus wurde von seinen Anhängern in den USA vor allem aus juristischen Gründen in Intelligent Design umbenannt, da US-Gerichte mehrfach religiöse Lehren an staatlichen Schulen untersagt hatten. Unter dem neuen Etikett preisen Anhänger ihren Glauben als gleichwertige Theorie neben der Evolutionslehre. Dabei machen sie sich zunutze, dass der Begriff "Theorie" in der Umgangssprache eher die Bedeutung einer bloßen Vermutung hat. In der Wissenschaft aber verlangt eine Theorie nach Forschung, Beweisen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Das Hauptargument der Intelligent-Design-Anhänger gegen die Evolutionstheorie lautet, dass die heute existierenden Lebewesen zu komplex seien, als dass sie durch natürliche Auslese hätten entstehen können. Auch die sogenannte Kambrische Explosion vor rund 540 Millionen Jahren sei nur mit dem Eingriff eines höheren Wesens zu erklären. Damals kam es zu einem dramatischen Anstieg der Artenvielfalt innerhalb von nur 40 bis 50 Millionen Jahren.
Weltweite Verbreitung der Religion
Der Glaube an die göttliche Schöpfung ist weit verbreitet - wenn auch nicht so weit, wie manche Kreationisten gern behaupten. Im August 2006 haben US-Forscher im Fachblatt "Science" Umfragen der vergangenen 20 Jahre in den USA, Japan und 32 europäischen Staaten untersucht. Das Ergebnis: In Island, Dänemark, Schweden, Frankreich und Japan glauben jeweils weniger als 20 Prozent der Bevölkerung an eine göttliche Schöpfung. Deutschland lag auf Platz zehn mit einer Evolutionsakzeptanz von etwas über 70 Prozent. 22 Prozent glaubten an eine göttliche Schöpfung, der Rest war unsicher. Die USA landeten auf dem vorletzten Platz - vor der Türkei. Nur 40 Prozent glauben in den USA an die Evolutionstheorie, 39 Prozent an die biblische Schöpfung - mit einer Tendenz zugunsten der Religion.

Wie problematisch solche Umfragen aber sind, zeigen schon die vielen unterschiedlichen Erhebungen in den USA: Je nachdem, wie die Fragen gestellt wurden, rangierte der Anteil der Schöpfungsgläubigen grob zwischen 45 und 55 Prozent. Rund 30 bis 40 Prozent glaubten, dass eine Evolution zwar stattfinde, aber von Gott beeinflusst werde. Nur rund zehn Prozent der US-Bürger geben in den regelmäßigen Umfragen an, dass Gott überhaupt keine Rolle bei der Entwicklung des Lebens und der Menschen spielt.

Auch in Deutschland brachte eine Emnid-Erhebung von 2005 ein weniger erfreuliches Ergebnis als die "Science"-Studie: Jeder zweite Befragte gab an, eine höhere Macht habe die Erde und das Leben erschaffen. Einen klaren Unterschied gab es zwischen den alten und neuen Bundesländern: Im Osten glauben demnach 35 Prozent, im Westen 54 Prozent an eine schöpferische Macht außerhalb der Naturgesetze. Bei einer Umfrage an der Uni Dortmund stellte sich 2007 heraus, dass sogar jeder achte Lehramtsstudienanfänger an der Evolution zweifelt.
Atheismus
Als Atheismus versteht man die Ablehnung Gottes, einer göttlichen Weltordnung oder auch nur des geltenden Gottesbegriffs. Atheismus ist jedoch nicht unbedingt gleichzusetzen mit Unglauben und zu unterscheiden vom Agnostizismus , der die Frage der Existenz Gottes offen lässt.
Einer der weltweit führenden Neuen Atheisten ist Richard Dawkins .

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Darwins Evolutionslehre: Wie die Natur das Leben lenkt

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