16. Januar 2013, 11:25 Uhr

Entamteter Lehrer

"Der Beamtenstatus ist ein Klotz am Bein"

Niemand hatte den Lehrer Arne Ulbricht gefragt, ob er verbeamtet sein wollte. Er wollte nicht. Der Wuppertaler Pädagoge hält den krisenfesten, von vielen begehrten Status für ungerecht - und bat um seine Entamtung. Im Interview erläutert er seine Gründe.

SPIEGEL ONLINE: Andere Lehrer ziehen für den Beamtenstatus vor Gericht. Sie waren ein Jahr lang verbeamtet auf Probe und hätten im Februar Ihre Ernennungsurkunde auf Lebenszeit bekommen. Doch Sie haben die Behörden gebeten, als angestellter Lehrer weiterbeschäftigt zu werden. Warum?

Ulbricht: Ich dachte, ich würde mich an die Verbeamtung gewöhnen, doch das ist nicht passiert. Ich möchte kein Teil von etwas sein, das ich nicht gut finde. Wenn mir der Umweltschutz am Herzen liegt, rase ich ja auch nicht mit 200 Sachen über die Autobahn. Trotzdem war es mir unangenehm, um die Entamtung zu bitten. Meine Schule hatte die Stelle extra für mich geschaffen.

SPIEGEL ONLINE: Bis Ende Januar arbeiten Sie noch als Beamter an einem Berufskolleg im nordrhein-westfälischen Mettmann. Danach unterrichten Sie dort als Angestellter weiter. Die Bezirksregierung in Düsseldorf war völlig perplex, als Sie die Entamtung beantragten. So ein Schritt ist - vorsichtig gesagt - ungewöhnlich.

Ulbricht: Ich kenne Kollegen, die nicht verbeamtet werden, weil sie zu dick sind und der Staat fürchtet, ihre Frühpensionierung finanzieren zu müssen. Doch sie fühlen sich wohl mit ihrem Gewicht und gehen damit entspannt um. Und sie sind total engagierte, gute Lehrer. Aber sie verdienen als Angestellte deutlich weniger. Wenn der Staat Menschen mit Übergewicht und Vorerkrankung derart diskriminiert, verzichte ich gern auf meinen Beamtenstatus, der mich zu besonderer Treue verpflichtet.

SPIEGEL ONLINE: Aus Solidarität nehmen Sie für Ihre 55-Prozent-Stelle 250 Euro weniger Netto im Monat in Kauf?

Ulbricht: Ich bin in der bequemen Lage, dass meine Familie sich das leisten kann. Meine Frau arbeitet in einem Pharmakonzern in leitender Funktion. Sie stimmt mir zwar nicht immer zu, aber sie steht hinter mir. Ich halte es auch für falsch, dass in Zeiten steigender Altersarmut Beamte nicht in die Rentenkasse einzahlen, aber später selbst eine hohe Pension beziehen. Man sollte außerdem niemanden "auf Lebenszeit" verbeamten. Ich bin auf Lebenszeit Vater - und sonst nichts.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit den anderen Vorzügen: günstig privat krankenversichert, lebenslange Arbeitsplatzgarantie, keine Sozialabgaben?

Ulbricht: Der Beamtenstatus ist ein Klotz am Bein, wenn man woanders neu anfangen möchte. Wer das Bundesland wechseln will, muss sich erst freistellen lassen, als Angestellter kann man sich auf offene Stellen an einer Schule direkt bewerben. Und kaum jemand gibt die sichere und lukrative Verbeamtung auf, um in einem anderen Job neu durchzustarten. Der Beamtenstatus bedeutet deswegen für Lehrer meist beruflichen Stillstand - ganz zu schweigen vom Streikverbot, das ich auch nicht richtig finde.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Ihre Kollegen die Entamtung aufgenommen?

Ulbricht: Ich werde im Kollegium sowieso wahrgenommen als der mit dem etwas anderen Lebenslauf, weil ich jahrelang als Vertretungslehrer von Schule zu Schule gezogen bin. Meine Kollegen haben Verständnis gezeigt, insgeheim finden sie mich vielleicht naiv, aber wir arbeiten trotzdem weiter gut zusammen. Ein Kollege hat mich sogar begeistert beglückwünscht.

SPIEGEL ONLINE: Sie kommen aus einer Beamtenfamilie, Ihr Vater ist Amtsrichter. Waren Ihre Eltern entsetzt?

Ulbricht: Ich habe mich nicht getraut, es ihnen zu erzählen, und stattdessen eine Mail geschrieben. Aber dann haben sie es doch recht locker aufgenommen und gesagt: "Arne, du bist alt genug, und wir verstehen das eh nicht." Meine Frau war nicht begeistert. Ich hatte in den vergangenen Jahren viele befristete und unsichere Stellen, war in den Sommerferien oft arbeitslos. Sie findet, dass ich die Vorzüge einer Verbeamtung einfach annehmen sollte. Aber ich bin so nicht glücklich.

SPIEGEL ONLINE: Berlin und Sachsen verbeamten keine Junglehrer neu. Viele Pädagogen empfinden das als großen Nachteil und unterrichten lieber woanders.

Ulbricht: Dabei täte man den Lehrern einen Gefallen, wenn man die Verbeamtung bundesweit abschaffen würde. Lehrer gelten immer noch als faul. Ihr Ruf würde sich schlagartig verbessern, wenn sie nicht mehr verbeamtet wären. Außerdem wäre es gesamtgesellschaftlich gerechter. Lehrer sollten nach Engagement bezahlt werden. Jemand, der Leistungskurse leitet, nebenbei einen Schüleraustausch organisiert und haufenweise Klausuren korrigiert, sollte mehr verdienen als seine Kollegen, die im Schulbetrieb weniger Aufgaben übernehmen.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben Ihre Erfahrungen als Lehrer in Ihrem neuen Buch "Lehrer - Traumberuf oder Horrorjob?". Was davon trifft für Sie zu?

Ulbricht: Beides, es ist ein ewiges Auf und Ab. Nach den Traumstunden gehe ich berauscht aus dem Unterricht, nach den Horrorstunden bin ich völlig fertig. Ich hatte im vergangenen Jahr einige Male keine Lust mehr aufs Unterrichten, weil ich es nicht geschafft habe, eine Klasse in den Griff zu kriegen.

SPIEGEL ONLINE: Schlechte Tage hat man doch in jedem Job.

Ulbricht: Der Lehrerberuf ist anders. Andere Jobs kann man relativ gefühllos machen, man arbeitet sein Pensum ab, geht abends ins Kino und gut ist's. Als Lehrer schaltet man nie ab, ist ständig emotional dran am Geschehen. Ich habe mal eine Schülerin angebrüllt, das hat mich tagelang nicht losgelassen.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie Ihre Schüler öfter angeschrien haben, weil Sie überfordert waren. Eine Ehrlichkeit, die Ihnen als Schwäche ausgelegt werden könnte.

Ulbricht: Ich wollte anhand meiner eigenen Geschichte zeigen, wie man plötzlich in eine Situation kommt, die einem über den Kopf wächst. Ich bin kein Lehrer, der stets alles im Griff hat, und es wäre lächerlich, etwas anderes zu behaupten.

Das Interview führte Heike Sonnberger


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