SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

16. November 2012, 17:48 Uhr

Umzug in anderes Bundesland

Lehrer sollen leichter wechseln können

Staatsexamen in Bayern, Master in Berlin: Die Lehrerausbildung ist ein Potpourri aus Regeln und Modulen, die sich von Bundesland zu Bundesland unterscheiden. Jetzt kündigten die Kultusminister "uneingeschränkte Mobilität" für künftige Pädagogen an - aber einen Staatsvertrag lehnen sie ab.

Nein, nicht nur Eltern und Schüler müssen sich mit dem Bildungsföderalismus herumschlagen. Nicht nur sie müssen sich an ein neues Schulsystem und neue Lehrpläne gewöhnen, wenn sie von einem Bundesland ins andere ziehen - auch Lehrer und Lehramtsstudenten kennen das Problem. Deren Ausbildung unterscheidet sich stark, je nachdem wo sie stattfindet.

Ein junger Mann etwa erwirbt an der Humboldt-Universität in Berlin erfolgreich den "Master of Education" - in den begehrten Mangelschulfächern Mathematik und Physik. Als er eine junge Frau aus München kennenlernt und in Bayern den Vorbereitungsdienst antreten will, heißt es dort, sein Masterabschluss sei mit dem dort noch üblichen Staatsexamen nicht gleichzusetzen. Er möge doch bitte in Bayern erneut zur Prüfung antreten.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat eine Fülle solcher Klagen gesammelt und ihren Länderkollegen präsentiert: Wie es jungen Leuten schwer gemacht wird, während des Lehramtsstudiums das Bundesland oder gar nur die Hochschule zu wechseln, wie 16 unterschiedliche Landesregelungen Hürden schaffen, das Referendariat in einem anderen Bundesland zu absolvieren oder welche Probleme ein ausgebildeter Lehrer hat, von Bayern nach Bremen zu wechseln. Klaus Kinkel, Vorsitzender der Deutsche Telekom Stiftung, die sich in der Lehrerbildung engagiert, spricht von "einer Schande für den deutschen Bildungsföderalismus".

Das Kuddelmuddel in der Lehrerausbildung

Mit der gegenseitigen Anerkennung der Lehrerexamen haben sich die Bundesländer immer schon recht schwergetan. Drei Jahre stritten die Kultusminister nach der deutschen Einheit darüber, wie mit den in der DDR erworbenen Lehrerexamen im Westen umzugehen sei. Mit der fast in allen Bundesländern vollzogenen Umstellung der Lehrerausbildung hin zur neuen Bachelor- und Masterstudienstruktur ist alles noch viel komplizierter geworben.

In Bayern ist nach wie vor das 1. Staatsexamen der Regelfall. In Baden-Württemberg werden Grund- und Hauptschullehrer immer noch an eigenständigen Pädagogischen Hochschulen (PH) ausgebildet, die in Hamburg bereits nach der Reichsschulkonferenz von 1920 abgeschafft wurden. In den anderen Bundesländer wurden die PHs spätestens in den siebziger Jahren in die Universitäten integriert.

Die Kultusminister beteuern, sie hätten das Problem längst erkannt - und wollen nun für Abhilfe sorgen. Im März soll eine Richtlinie beschlossen werden, die "uneingeschränkte Mobilität" der Lehrer garantieren soll, sagt die Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz, Doris Ahnen (SPD). Grundsätzlich, so Ahnen, funktioniere auch heute schon die Mobilität. In jedem Bundesland arbeiteten Tausende Lehrer, die dort nicht ausgebildet worden seien.

"Ärgerliche Einzelfälle" oder das Schicksal vieler Junglehrer?

Hamburg stelle jedes Jahr zig Junglehrer aus Niedersachsen ein, pflichtet ihr die niedersächsische Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU) bei. Zudem gibt es eine bundesweite Stellentauschbörse. Gleichwohl räumt Ahnen bundesweit "ärgerliche Einzelfälle" ein, denen es jetzt mit der neuen Richtlinie an den Kragen gehen soll.

Schavan geht das alles nicht schnell genug. Sie will die Länder zu einem Staatsvertrag drängen, der die gegenseitige Anerkennung der Examen festschreibt. Ohne Mobilitätsgarantie will sie das bereits den Ländern zugesagte Bundesgeld für eine "Qualitätsoffensive" in der Lehrerbildung nicht freigeben. Der Bund hat den Ländern in Aussicht gestellt, bis 2023 mit 50 Millionen Euro pro Jahr Projekte an den Hochschulen zur Verbesserung der Lehrerausbildung zu finanzieren.

In der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) war die Stimmung am Freitag äußerst gereizt. Ein Staatsvertrag, der ohnehin von 16 Landesparlamenten abgesegnet werden muss, komme dafür nicht infrage, hieß es auf der Länderbank. Zudem warten die Länder noch auf die Zusage vom Bund, den Hochschulpakt für die Schaffung zusätzlicher Studienplätze erneut aufzustocken. Dabei geht es nicht um Millionen, sondern um Milliarden.

Im Hintergrund schweben auch Schavans Pläne zur Lockerung des Kooperationsverbots von Bund und Ländern bei der langfristigen Finanzierung von Wissenschaftsprojekten. Den SPD-geführten Ländern gehen ihre Vorstellungen nicht weit genug, sie wollen auch die Schulen einbeziehen. Einige Unionsländer wollen ihren Gesetzentwurf aus anderen Gründen im Bundesrat blockieren.

Karl-Heinz Reith/dpa/otr

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH