Umzug in anderes Bundesland: Lehrer sollen leichter wechseln können

Staatsexamen in Bayern, Master in Berlin: Die Lehrerausbildung ist ein Potpourri aus Regeln und Modulen, die sich von Bundesland zu Bundesland unterscheiden. Jetzt kündigten die Kultusminister "uneingeschränkte Mobilität" für künftige Pädagogen an - aber einen Staatsvertrag lehnen sie ab.

Lehrer in Marbach (Archivbild): Welcher Lehrer braucht welche Ausbildung? Zur Großansicht
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Lehrer in Marbach (Archivbild): Welcher Lehrer braucht welche Ausbildung?

Nein, nicht nur Eltern und Schüler müssen sich mit dem Bildungsföderalismus herumschlagen. Nicht nur sie müssen sich an ein neues Schulsystem und neue Lehrpläne gewöhnen, wenn sie von einem Bundesland ins andere ziehen - auch Lehrer und Lehramtsstudenten kennen das Problem. Deren Ausbildung unterscheidet sich stark, je nachdem wo sie stattfindet.

Ein junger Mann etwa erwirbt an der Humboldt-Universität in Berlin erfolgreich den "Master of Education" - in den begehrten Mangelschulfächern Mathematik und Physik. Als er eine junge Frau aus München kennenlernt und in Bayern den Vorbereitungsdienst antreten will, heißt es dort, sein Masterabschluss sei mit dem dort noch üblichen Staatsexamen nicht gleichzusetzen. Er möge doch bitte in Bayern erneut zur Prüfung antreten.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat eine Fülle solcher Klagen gesammelt und ihren Länderkollegen präsentiert: Wie es jungen Leuten schwer gemacht wird, während des Lehramtsstudiums das Bundesland oder gar nur die Hochschule zu wechseln, wie 16 unterschiedliche Landesregelungen Hürden schaffen, das Referendariat in einem anderen Bundesland zu absolvieren oder welche Probleme ein ausgebildeter Lehrer hat, von Bayern nach Bremen zu wechseln. Klaus Kinkel, Vorsitzender der Deutsche Telekom Stiftung, die sich in der Lehrerbildung engagiert, spricht von "einer Schande für den deutschen Bildungsföderalismus".

Das Kuddelmuddel in der Lehrerausbildung

Mit der gegenseitigen Anerkennung der Lehrerexamen haben sich die Bundesländer immer schon recht schwergetan. Drei Jahre stritten die Kultusminister nach der deutschen Einheit darüber, wie mit den in der DDR erworbenen Lehrerexamen im Westen umzugehen sei. Mit der fast in allen Bundesländern vollzogenen Umstellung der Lehrerausbildung hin zur neuen Bachelor- und Masterstudienstruktur ist alles noch viel komplizierter geworben.

In Bayern ist nach wie vor das 1. Staatsexamen der Regelfall. In Baden-Württemberg werden Grund- und Hauptschullehrer immer noch an eigenständigen Pädagogischen Hochschulen (PH) ausgebildet, die in Hamburg bereits nach der Reichsschulkonferenz von 1920 abgeschafft wurden. In den anderen Bundesländer wurden die PHs spätestens in den siebziger Jahren in die Universitäten integriert.

Die Kultusminister beteuern, sie hätten das Problem längst erkannt - und wollen nun für Abhilfe sorgen. Im März soll eine Richtlinie beschlossen werden, die "uneingeschränkte Mobilität" der Lehrer garantieren soll, sagt die Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz, Doris Ahnen (SPD). Grundsätzlich, so Ahnen, funktioniere auch heute schon die Mobilität. In jedem Bundesland arbeiteten Tausende Lehrer, die dort nicht ausgebildet worden seien.

"Ärgerliche Einzelfälle" oder das Schicksal vieler Junglehrer?

Hamburg stelle jedes Jahr zig Junglehrer aus Niedersachsen ein, pflichtet ihr die niedersächsische Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU) bei. Zudem gibt es eine bundesweite Stellentauschbörse. Gleichwohl räumt Ahnen bundesweit "ärgerliche Einzelfälle" ein, denen es jetzt mit der neuen Richtlinie an den Kragen gehen soll.

Schavan geht das alles nicht schnell genug. Sie will die Länder zu einem Staatsvertrag drängen, der die gegenseitige Anerkennung der Examen festschreibt. Ohne Mobilitätsgarantie will sie das bereits den Ländern zugesagte Bundesgeld für eine "Qualitätsoffensive" in der Lehrerbildung nicht freigeben. Der Bund hat den Ländern in Aussicht gestellt, bis 2023 mit 50 Millionen Euro pro Jahr Projekte an den Hochschulen zur Verbesserung der Lehrerausbildung zu finanzieren.

In der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) war die Stimmung am Freitag äußerst gereizt. Ein Staatsvertrag, der ohnehin von 16 Landesparlamenten abgesegnet werden muss, komme dafür nicht infrage, hieß es auf der Länderbank. Zudem warten die Länder noch auf die Zusage vom Bund, den Hochschulpakt für die Schaffung zusätzlicher Studienplätze erneut aufzustocken. Dabei geht es nicht um Millionen, sondern um Milliarden.

Im Hintergrund schweben auch Schavans Pläne zur Lockerung des Kooperationsverbots von Bund und Ländern bei der langfristigen Finanzierung von Wissenschaftsprojekten. Den SPD-geführten Ländern gehen ihre Vorstellungen nicht weit genug, sie wollen auch die Schulen einbeziehen. Einige Unionsländer wollen ihren Gesetzentwurf aus anderen Gründen im Bundesrat blockieren.

Karl-Heinz Reith/dpa/otr

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Europa
eigene_meinung 16.11.2012
Wie will man denn eine Vereinheitlichung oder wenigstens eine gegenseitige Anerkennung der Studienabschlüsse in Europa erreichen, wenn man dazu nicht einmal innerhalb der Bundesrepublik Deutschland in der Lage ist.
2. feiner Unterschied
dickebank 17.11.2012
Zitat von eigene_meinungWie will man denn eine Vereinheitlichung oder wenigstens eine gegenseitige Anerkennung der Studienabschlüsse in Europa erreichen, wenn man dazu nicht einmal innerhalb der Bundesrepublik Deutschland in der Lage ist.
Die Abschlüsse werden ja anerkannt, nur das erste Staatsexamen ist kein Abschluss. Die Schaltstelle ist ja die Einstellung in den Vorbereitungsdienst. Wenn hier ausgeschrieben würde "Erstes Staatsexamen" oder "M.Ed." oder vergleichbare Abschlüsse, dann wäre es egal. Der nächste Schritt ist dann die Übernahme in eine Eingangsstelle. Es gibt in jedem Bundesland zig "Lehrämter", bundesweit steigt die Zahl dann exponential. Und an dieser Stelle müsste tatsächlich einmal aufgeräumt werden.
3. Föderalismus forever
neinsoetwas 17.11.2012
Bitte, bitte, bloß nichts ändern!!! Dieses System ermöglicht tausenden Nachwuchspolitikern eine Karriere. In 10 Jahren können (auch ohne vorzeitige Neuwahlen) in Deutschland über 40 neue Bildungsminister und die gleiche Zahl an Staatssekretären introniert werden (mit den entsprechenden Pensionsansprüchen). Und all diese Provinzfürsten haben dann eine Duftmarke hinterlassen, dass es schon zum Himmel stinkt. Der Steuerzahler freut sich über den Bildungsmurks in Deutschland - wir sind ja Bildungs-Weltspitze. Wer Kinder hat, kann nicht Umziehen, Lehrer haben keine Freizügigkeit. Und die 'Bildungsfürsten' erteilen sich gegenseitig 'Kooperationsverbote' - armes Deutschland, reiche Eliten - wie im 19. Jahrhundert.
4. Vorsicht
dickebank 17.11.2012
Zitat von neinsoetwasBitte, bitte, bloß nichts ändern!!! Dieses System ermöglicht tausenden Nachwuchspolitikern eine Karriere. In 10 Jahren können (auch ohne vorzeitige Neuwahlen) in Deutschland über 40 neue Bildungsminister und die gleiche Zahl an Staatssekretären introniert werden (mit den entsprechenden Pensionsansprüchen). Und all diese Provinzfürsten haben dann eine Duftmarke hinterlassen, dass es schon zum Himmel stinkt. Der Steuerzahler freut sich über den Bildungsmurks in Deutschland - wir sind ja Bildungs-Weltspitze. Wer Kinder hat, kann nicht Umziehen, Lehrer haben keine Freizügigkeit. Und die 'Bildungsfürsten' erteilen sich gegenseitig 'Kooperationsverbote' - armes Deutschland, reiche Eliten - wie im 19. Jahrhundert.
Veränderungen gehen ins Geld! Gibt es nur noch 2 oder 3 Lehrämter (Primarstufe, SekI und SekI+II) da wird es für die Länder teuer. Alle lehrer haben einen Hochschulabschluss (Masterstudiengang) und ein "Zweites Staatsexamen". Das ist nach BBesG die Voraussetzung zur Übernahme in den "Höheren Dienst"; Eingangsbesoldung A13 oder für Angestellte Anfangsgehalt E13/Stufe II. Abwarten, wann der erste Master-Absolvent mit Lehramt für die SeKI gegen die Eingruppierung klagt.
5. .
TS_Alien 17.11.2012
Zitat von dickebankVeränderungen gehen ins Geld! Gibt es nur noch 2 oder 3 Lehrämter (Primarstufe, SekI und SekI+II) da wird es für die Länder teuer. Alle lehrer haben einen Hochschulabschluss (Masterstudiengang) und ein "Zweites Staatsexamen". Das ist nach BBesG die Voraussetzung zur Übernahme in den "Höheren Dienst"; Eingangsbesoldung A13 oder für Angestellte Anfangsgehalt E13/Stufe II. Abwarten, wann der erste Master-Absolvent mit Lehramt für die SeKI gegen die Eingruppierung klagt.
Eine solche Klage ist erfolglos. Denn eine Voraussetzung für eine Eingruppierung bedeutet nicht, dass jeder, der diese Voraussetzung erfüllt, entsprechend eingruppiert wird. Sonst könnte ich ja auch eine W2-Besoldung durchsetzen. Die Voraussetzungen erfülle ich alle.
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