Lehrerausbildung: Vernichtendes Zeugnis

Das Lehramtsstudium in Deutschland taugt nicht viel. Angehende Lehrer lernen alles Mögliche - nur nicht das, was sie in der Schule brauchen. Reformen in der Ausbildung sollen Studenten und Referendare künftig besser auf den Job im Klassenzimmer vorbereiten.

Sechste Stunde an einem Montag an der Offenen Schule Kassel-Waldau: Catrin Siedenbiedel, 30, gibt ihren Siebtklässlern eine Englisch-Klassenarbeit zurück. "Der Notenschnitt liegt bei 3,3; zwei Fünfen und nur eine Zwei sind darunter", erklärt die Referendarin den aufgeregten Schülern. Dann teilt sie die Hefte aus.

Plötzlich vergräbt eine Schülerin den Kopf in ihren Armen und fängt zu weinen an ­ sie ist eine der beiden Fünferkandidaten. Catrin Siedenbiedel versucht im leisen Zwiegespräch den genauen Grund für den Gefühlsausbruch zu erfahren. Steckt Angst vor den Eltern dahinter? Oder ist es die Enttäuschung über sich selbst?

Das Mädchen beruhigt sich schnell wieder ­ dank Catrin Siedenbiedels einfühlsamer Reaktion. Die angehende Lehrerin weiß, dass sich ihr Job nicht darin erschöpft, den Schülern möglichst viel Wissen einzutrichtern. Zusätzlich ist sie auch noch Psychologin und Erzieherin. "Das macht mehr als die Hälfte unseres Berufs aus", betont die junge Referendarin.

Die Lehrerkollegen helfen ihr, sich in diese Rolle hineinzufinden. In Waldau arbeiten die rund 80 Pädagogen in kleinen Teams eng zusammen. Erfahrene Pauker geben ihr pädagogisches Knowhow an die Jüngeren weiter. Achim Albrecht, pädagogischer Leiter der Schule: "Einzelkämpfer, wie es sie an normalen Schulen häufig gibt, kommen bei uns nicht weit."

"Keinen blassen Schimmer von den wahren Schwierigkeiten"

Fächerübergreifender Unterricht, die Erziehung der Schüler zum selbständigen Lernen und Ganztagsbetreuung ­ der Schulalltag in Kassel-Waldau hat mit dem eines herkömmlichen Gymnasiums oder einer normalen Realschule wenig gemein. Auch die enge Zusammenarbeit mit den Lehramtsstudenten der Universität Kassel ist eine Besonderheit der Schule ­ und die intensive Betreuung der Referendare. Catrin Siedenbiedel fühlt sich auf ihren Beruf gut vorbereitet: "Mehr kann Ausbildung eigentlich nicht leisten."

Das ist noch immer die Ausnahme. "In der Regel kommen Referendare katastrophal vorbereitet an die Schulen; die Universitäten versagen total", sagt etwa Enja Riegel, Leiterin der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, ebenfalls eine Reformschule. "Nach dem ersten Staatsexamen haben Lehramtskandidaten keinen blassen Schimmer von den wahren Schwierigkeiten dieses anstrengenden Berufs", so die Direktorin.

Die deutsche Lehrerausbildung bekommt von Bildungsexperten und Schulpraktikern vernichtende Zeugnisse. "Völlig zu Recht", wie Ludwig Eckinger, Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung meint. Das Fachstudium sei viel zu wissenschaftlich, viel zu praxisfern, das pädagogische Begleitstudium vielfach zu dürftig, zu beliebig und zu theoretisch, sind sich die Kritiker einig.

Magere Bezahlung für Referendare

Im Referendariat, so Eckinger, seien die praktische Ausbildung an den Schulen und der wissenschaftliche Unterricht an den Studienseminaren nur ungenügend miteinander verknüpft. Zudem klagen viele Referendare, dass sie wie vollwertige Lehrkräfte für Vertretungen ausgenutzt und schlecht bezahlt werden. Durchschnittlich erhalten sie etwa 1800 Mark netto im Monat.

Eine von der Kultusministerkonferenz eingesetzte Kommission hat denn auch schon 1999 eine lange Mängelliste zusammengetragen ­ inzwischen basteln fast alle Bundesländer an Reformen.

DER SPIEGEL
Denn gute Lehrer braucht das Land, und zwar schnell. In den überalterten Lehrerkollegien steht ein Generationswechsel an ­ in den nächsten 10 bis 15 Jahren werden die Hälfte der etwa 800 000 Pädagogen pensioniert. Doch die Zahl der Lehramtsstudenten sank bis vor kurzem, die schlechten Berufsaussichten hatten karriereorientierte Abiturienten von einem Lehrer-Studium abgehalten: 1999 hatten sich nur rund 35 000 Erstsemester eingeschrieben, 9000 weniger als noch 1994.

Schon jetzt wird in Fächern wie etwa Chemie oder Mathematik Lehrernachwuchs verzweifelt gesucht. Mit zum Teil aggressiven Methoden werben die Bundesländer einander die begehrten Fachkräfte ab; einige Kultusminister erlauben auch Akademikern mit Diplom- oder Magisterabschlüssen, in den Lehrerberuf zu wechseln. Experten befürchten nun, dass diese Seiteneinsteiger ohne pädagogisches Wissen vor allem ihrer Rolle als Erzieher nicht gerecht werden.

Ausbildung nach den Studienplänen von vorgestern

Dabei sind es vor allem erzieherische Aufgaben, die Eltern zunehmend an die Schulen abgeben. Der Siegeszug der neuen Medien, der Trend zum lebenslangen Lernen oder "Multikulti" in den Klassenzimmern ­ all das sind Folgen des gesellschaftlichen Wandels, der die Pauker von morgen vor neue Herausforderungen stellt. Ausgebildet werden sie indes noch immer nach den Studienplänen von vorgestern.

Die Universitäten ziehen in ihren Lehramtsstudiengängen hoch qualifizierte Fachwissenschaftler heran. Die haben dann zwar wie ihre Diplom- und Magisterkollegen die Theorie der Quantenmechanik kapiert oder kennen die Rezeptionsgeschichte Goethes in- und auswendig. Aber wie ein Fünftklässler mit Konzentrationsschwäche tickt, wie man überforderte Eltern beruhigt oder eine Projektwoche organisiert, das wissen sie kaum.

"Alles das, was ich für den Alltag an der Schule brauche, hat mir die Universität nicht mit auf den Weg gegeben", kritisiert denn auch Jennifer Völkel, 31, die an der Wiesbadener Helene-Lange-Schule ihr Referendariat absolviert. "So besehen, hätte ich mir das Studium eigentlich sparen können."

Ihr hohes fachwissenschaftliches Niveau möchten zwar viele angehende Pauker nicht missen. Aber ihre Professoren, so urteilen sie, hätten etwas Entscheidendes versäumt: ihnen beizubringen, was von all dem Wissen sie wie ihren zukünftigen Schülern verklickern sollen. Mathias Bittner, 29, studiert im 14. Semester Mathematik und Sport auf Lehramt an der Universität Kassel: "Gerade in Mathe sind die Praxisbezüge zum Unterricht sehr, sehr vage." In seinem zweiten Fach Sport fühlt er sich hingegen besser auf die Schule vorbereitet, da müssten Studenten auch mal selbst eine Seminarstunde halten.

Gaby Bundschuh, 38, aus Stuttgart, die seit sieben Jahren Englisch und Französisch an einem Gymnasium unterrichtet, kann sich gut an ihre Anfangsschwierigkeiten erinnern: "An der Uni haben wir Shakespeare im Original gelesen ­ und dann sollte ich plötzlich in Klasse 6 den Unterschied zwischen Simple Present und Present Progressive erklären!"

"Herunter vom hohen Ross"

Zwar sind für alle Lehramtsstudenten Veranstaltungen in Fachdidaktik Pflicht, doch auch da überwiege die Theorie, kritisiert Gerhard Sonntag, Deutschlehrer an der Offenen Schule Waldau und Fachleiter am Studienseminar in Kassel. "Meinen Referendaren fehlt schlicht und ergreifend das methodische Handwerkszeug." Für seinen Kollegen Achim Albrecht ein Unding: "Kein Arzt würde einem Patienten den Bauch aufschneiden, wenn er das nicht im Studium schon mehrfach geübt hätte."

Doch der Praxisschock ereilt die Lehrer-Anwärter nicht nur bei der Wissensvermittlung. Viele können sich nicht ausmalen, was es heißt, tagein, tagaus mit jungen Menschen zu tun zu haben, sie zu erziehen, zu motivieren, aber auch zu disziplinieren. An der Uni müssen die angehenden Pädagogen zwar Seminare in Erziehungswissenschaften und Psychologie belegen, allerdings beträgt deren Anteil am Studium, je nach Bundesland, nur 5 bis 20 Prozent. Für die meisten Studenten ist es eine lästige Nebensache, die mit möglichst wenig Aufwand abgehakt wird.

Herausfinden, ob man für den Knochenjob Lehrer taugt

"Ich habe mich damals mit der Verantwortungsethik von Hans Jonas beschäftigt ­ für meinen Alltag im Klassenzimmer bringt mir das absolut nichts", so Studienrätin Bundschuh. "Es wäre weitaus sinnvoller gewesen, mir beizubringen, wie ich als junge, topmotivierte Lehrerin damit umgehe, wenn einem die Schüler im Grundkurs Französisch geschlossen sagen, dass ihnen das Fach schnurzegal ist."

Bislang haben die Studenten wenig Gelegenheit, all die schöne Theorie, die ihnen die Uni mit auf den Weg gibt, auf ihre Praxistauglichkeit hin zu überprüfen: Je nach Bundesland müssen während des Studiums vier bis acht Praxiswochen an einer Schule reichen, um herauszufinden, ob man für den Knochenjob Lehrer taugt. Mehr als Unterrichtsbesuche und ein paar erste Gehversuche vor der Klasse sind da meistens nicht drin. Dazu kommt: "An der Uni wertet das Praktikum keiner mit einem aus", so die Erfahrung von Referendarin Jennifer Völkel.

Häufig dämmert angehenden Lehrern erst nach fünf oder mehr Jahren an der Hochschule: Dieser Job wird der Horror für mich! Auch Achim Albrecht, der pädagogische Leiter in Waldau, musste schon zwei Referendaren sagen: "Besser, ihr sucht euch einen anderen Job ­ oder ihr macht euch unglücklich."

Schluss mit dem Praxisschock ­ auf diesen Nenner lassen sich denn auch die Reformpläne der Länder bringen. In Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Hamburg sind die Neuerungen am weitesten gediehen: deutlich mehr Schulaufenthalte für die Studenten, ein verbindliches, auf den Schulalltag ausgerichtetes erziehungswissenschaftliches Begleitstudium und ein besseres Zusammenspiel der Ausbildungsorte Universität, Studienseminar und Schule. Das ist die Mixtur, die bessere Pädagogen für die Schüler von morgen hervorbringen soll.

Baden-Württembergs Kultusministerin Annette Schavan hat von Herbst 2002 an ein 13-wöchiges Praxissemester für Lehramtsstudenten vorgeschrieben. "Damit die angehenden Lehrer sich frühzeitig vergewissern können, ob sie sich überhaupt für den Beruf eignen", erklärt die Christdemokratin. Ihre Kollegin im bayerischen Kultusministerium, Monika Hohlmeier (CSU), setzt vier Schnupperwochen an den Anfang des Studiums, später kommen ein jeweils mehrwöchiges Praktikum in einer Schule und in einem Betrieb hinzu. Von den Erfahrungen in der Wirtschaft erhofft sich die Ministerin, dass die zukünftigen Lehrer moderne Arbeitsmethoden wie etwa Projektmanagement auf den Schulbetrieb übertragen.

Führt der Bachelor zur Schmalspur-Pädagogik?

Einen Sonderweg geht Nordrhein-Westfalen: Zwar will man auch in Düsseldorf die herkömmliche Lehrerausbildung verbessern. Gleichzeitig möchte Schulministerin Gabriele Behler zukünftigen Lehrern die Möglichkeit bieten, ihren Beruf auf der Basis eines Bachelor- und Master-Studiengangs zu erlernen. Dabei soll auf ein sechssemestriges und vorwiegend fachwissenschaftliches Bachelor-Studium eine viersemestrige Masterausbildung zum Lehrer folgen. Neun NRW-Unis wollen an dem Versuch teilnehmen. Schon im nächsten Jahr sollen die ersten Abiturienten einen solchen Studiengang wählen können.

"Die Studenten entscheiden so erst nach drei Jahren, nach dem Bachelor-Abschluss, ob sie in die Schule wollen oder nicht. Damit wird die Ausbildung noch stärker vom schulischen Zusammenhang abgekoppelt", kritisiert der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm. Das Ergebnis dieses Wegs seien Schmalspurpädagogen.

Ministerin Behler wehrt solche Vorwürfe ab: "Zu einem Bachelor-Studiengang, der den Weg in die Schulen offen hält, gehören sicherlich auch das Studium von Vermittlungstechniken und didaktischen Fragen sowie berufspraktische Phasen, etwa in Schulen oder Jugendzentren."

Ein artiger Schüler wird nicht unbedingt ein toller Lehrer

All dies käme sowohl einem Lehrer als auch beispielsweise einem Museumspädagogen zugute. Denn darin sieht die Sozialdemokratin den entscheidenden Vorteil des gestuften Studiums: "Die Studenten können sich die Berufswahl so länger offen halten und besser auf die Situation am Arbeitsmarkt reagieren." Dann, so argumentiert sie, könnte auch mit dem unseligen Wechsel von Lehrerüberschuss und Lehrermangel Schluss sein.

Bei jedem Ausbildungskonzept wird es in Zukunft darauf ankommen, dass Universität und Schule enger miteinander kooperieren. Helfen könnten so genannte Lehrerausbildungszentren an den Hochschulen, wie sie Universitäten in Hessen derzeit einrichten, um alle an der Lehrerausbildung beteiligten Stellen in einem Netzwerk zu koordinieren.

"Die Professoren müssen endlich von ihrem hohen wissenschaftlichen Ross herunter und in die Schulen gehen, um zu erfahren, was da überhaupt los ist", fordert Schulleiterin Enja Riegel aus Wiesbaden. Und die Lehramtsstudenten müssen für sich so früh und so lang wie möglich in Praktika herausfinden können, ob sie für den Beruf überhaupt taugen.

Denn nicht selten sitzen sie einem fatalen Trugschluss auf: Weil sie selbst gute und artige Schüler waren, glauben sie, auch einen tollen Lehrer abzugeben.

ULLA HANSELMANN

Bei UniSPIEGEL ONLINE: Alle Beiträge zur Pisa-Studie und zu weiteren Schulthemen

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