Lehrerin im Krankenhaus: "Ich gebe dich nicht auf, du bist noch nicht tot"
Elisabeth Voigt sieht ihre Schüler meist nur kurz und viele nie wieder: Einige verlassen das Krankenhaus gesund, andere sterben. Als Kliniklehrerin möchte sie den Patienten etwas Normalität schenken - auch wenn die seelische Belastung enorm ist.
Für die Lehrerin Elisabeth Voigt ist fast jeder Tag ein erster Schultag. Es ist früh am Morgen, eine Schwester gibt ihr eine Liste mit den Namen jener Schüler, die zurzeit im Krankenhaus liegen. Sie hat keinen zuvor gesehen.
Um kurz vor zehn klopft sie an eine Tür auf der Kinderstation. Hier liegen ein Hauptschüler neben einem Grundschüler und einem Gymnasiasten, welche Fächer sie gleich unterrichten wird, weiß sie nicht.
Elisabeth Voigt ist mit 58 Jahren dort angekommen, wo sie immer sein wollte. "Ich wollte Ärztin werden, aber ich konnte das Blut nicht sehen", sagt sie. "Jetzt kann ich Kranken helfen, muss aber nicht aus den Latschen kippen." Sie arbeitet seit fünf Jahren in Hamburg als Kliniklehrerin und hat seitdem jede Woche drei verschiedene Arbeitsplätze: Psychiatrie, Krankenhaus und das Zuhause der Patienten.
In Deutschland besuchten im 19. Jahrhundert die ersten Lehrer ihre Schüler im Krankenhaus, in Hamburg wurde vor rund 40 Jahren die "Arbeitsgruppe Haus- und Krankenhausunterricht" gegründet. Seitdem haben die Lehrer über 40.000 Jungen und Mädchen zu Hause oder in der Klinik unterrichtet.
"Guten Tag, ich bin die Lehrerin. Was wollt ihr lernen?"
Elisabeth Voigt macht nicht Unterricht für Klassen, sondern für jeden einzelnen Schüler. Auf einem Wagen schiebt sie Bücher und Zettel für alle Fächer in das Zimmer der drei Jungs. Bis zur zehnten Klasse unterrichtet sie alles, danach eigentlich nur noch Deutsch und Englisch. "Ich frage meist, was sie gern machen", sagt die Lehrerin. "Dann bekommen sie das Gegenteil. Ich gehe dahin, wo es wehtut, und erkläre es ihnen freundlich."
"Magnus*, lies du den Satz mal vor", sagt sie zum Grundschüler, dreht sich um und fragt den Gymnasiasten, der sich gerade über einen englischen Lückentext beugt: "Does is make sense to you?" Dabei schielt sie zum Hauptschüler und sagt: "Oh, du schläfst schon wieder. Ich komme gleich zu dir."
Um 10.19 Uhr kommt jemand rein und holt den Müll.
Um 10.25 Uhr schaut eine Schwester nach Magnus' Tropf.
Um 10.32 Uhr bringt eine Schwester Magnus ein neues Antibiotikum.
Um 10.40 Uhr sagt eine Schwester: "Könnt ihr mal bitte ganz ruhig sein?", und misst den Puls.
Magnus findet den Unterricht gut. "Ein bisschen Beschäftigung ist nicht schlecht", sagt er. Irgendwann lässt Voigt die Jungs mit ihren Aufgaben allein und schiebt ihren Wagen zum nächsten Zimmer. "Guten Tag, ich bin die Lehrerin. Was wollt ihr lernen?"
Elisabeth Voigt rief heimlich in der Schule an
An einem anderen Tag, um 14.15 Uhr, geht sie zu Nele, ihrer Hausschülerin. Deren Mutter steht schon in der Tür, nimmt ihr die Jacke ab und gibt ihr Wollsocken. Im Esszimmer stehen selbstgebackene Plätzchen und Kaffee. Elisabeth Voigt kennt Nele, 19, seit drei Jahren. Hamburgs Kliniklehrer führen jährlich etwa 20 Schüler zum Haupt- und Realschulabschluss und etwa fünf Schüler zum Abitur, Nele ist eine davon.
Sie hatte eine Gehirnentzündung und lag fast drei Monate in der Klinik. Danach musste sie alles neu lernen, lesen, duschen, schreiben. Manchmal, erzählt Voigt, könne Nele kaum entziffern, was sie geschrieben hat, weil sie sich an ihre Handschrift noch nicht gewöhnt hat.
Auch wenn es ihr besser geht, muss sie noch bis zu dreimal pro Woche zum Arzt. Deswegen kommen zwei Lehrer zu ihr, Elisabeth Voigt unterrichtet Englisch, eine Kollegin Mathe, und holen den verpassten Stoff auf.
Voigt hat nie fest in einer regulären Schule gearbeitet. Nach ihrem Geografie- und Englisch-Studium auf Lehramt verdiente sie ihr Geld als Tagesmutter, Redakteurin und Englischlehrerin. Zuletzt arbeitete sie in der Volkshochschule und baute ein Programm für Krebspatienten auf. Mit 53 wurde sie dort nicht mehr gebraucht und las von der Stellenanzeige für Kliniklehrer.
"Früher arbeiteten im Krankenhausunterricht oft die 'Aussortierten'", sagt Voigt. Heute eher die besonders Qualifizierten: Von den derzeit 60 Haus- und Krankenhauslehrern in Hamburg haben sich viele als Beratungslehrer, Tanz- oder Musiktherapeuten qualifiziert. Auch gelernte Krankenschwestern, die später Lehramt studiert haben, unterrichten.
Damals, an der Volkshochschule, lernte Voigt zwar bereits, mit Schwerkranken umzugehen, trotzdem litt sie sehr, als zwei ihrer Schüler gestorben sind. Eine Schülerin sagte zu ihr: "Ich komme nicht in die Pubertät, ich habe ja den Tumor." Elisabeth Voigt unterrichtete sie trotzdem bis kurz vor ihren Tod. "Ich wollte ihr zeigen: Ich gebe dich nicht auf, du bist noch nicht tot." Einen Tag nachdem sie gestorben ist, besuchte sie die Familie wieder und buk mit der kleinen Schwester Plätzchen.
- 1. Teil: "Ich gebe dich nicht auf, du bist noch nicht tot"
- 2. Teil: Wie Lehrerin Voigt den seelischen Stress aushält
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