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Streik an Schulen: Ich bin Lehrer, und so viel verdiene ich

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Lehrer im Arbeitskampf: "Im Vergleich bin ich Gutverdiener" Fotos
GEW-Berlin

Tom Erdmann bezeichnet sich als Gutverdiener - trotzdem streikt er für mehr Gehalt. Warum? Hier verraten angestellte Lehrer, was sie verdienen.

Tom Erdmann ist 32 Jahre alt, unverheiratet, kinderlos. Er arbeitet als Lehrer an einer Gemeinschaftsschule in Berlin-Neukölln, als Angestellter. In dieser Woche arbeitet er weniger; bundesweit streiken angestellte Lehrer, Erdmann macht mit. Da er sich aber auch in der Lehrergewerkschaft GEW engagiert, hat er gerade mehr zu tun als sonst.

Bis zu 48 Stunden arbeitet Erdmann normalerweise in der Woche, 2700 Euro verdient er im Monat, netto. "Im Vergleich mit meinem Freundeskreis bin ich Gutverdiener", sagt er. Doch er kämpft für mehr.

Rund 800.000 Lehrer gibt es in Deutschland, 200.000 sind keine Beamten, sondern Angestellte. Verbeamtet bedeutet: einen Job auf Lebenszeit, weniger Abgaben, Zuschüsse bei Heirat, Nachwuchs und zur privaten Krankenversicherung. Angestellt bedeutet: weniger Sicherheit, weniger Geld.

Deshalb erscheinen seit Dienstag Tausende Lehrer nicht zum Unterricht, und in der kommenden Woche geht es weiter. Die Kritik der Gewerkschaften: Die Gehaltsgruppen der Angestellten entsprechen nicht denen der verbeamteten Lehrer.

Hinzu kommt: Bislang legt jedes Land selbst fest, in welche Gruppe es seine angestellten Lehrer einsortiert. Will ein Bundesland - wie Berlin - Nachwuchs anlocken, wird mehr gezahlt als anderswo, bei gleicher Arbeit. Doch: Wie groß sind die Gehaltsunterschiede wirklich? Ein paar Beispiele.

Keine Verbeamtung - wegen Übergewicht

Farina Semler, 38, ist Lehrerin an einem Gymnasium in Herrenberg, in der Nähe von Stuttgart. Seit siebeneinhalb Jahren unterrichtet sie dort Mathematik und Religion. 50 Stunden und mehr arbeitet Semler pro Woche. Fast alle Lehrer in Baden-Württemberg werden verbeamtet, nur zehn Prozent arbeiten als Angestellte. Semler wollte gern Beamtin werden, doch es klappte nicht. Weil sie zu viel wiegt.

Wer verbeamtet werden will, muss sich einer harten Untersuchung beim Amtsarzt unterziehen: Chronische Krankheiten, Psychotherapien, zu viele Lebensjahre oder zu viele Kilos gelten als Gesundheitsrisiken. Wer dick ist, wird laut Statistik schneller krank - und deshalb nicht verbeamtet. Dass die Bundesländer allerdings die erlaubte Body-Mass-Index-Obergrenze unterschiedlich ansetzen, sorgt regelmäßig für Empörung.

"Am Anfang habe ich mich jedes Mal am Monatsende wahnsinnig geärgert", sagt Semler. 2300 Euro netto verdient sie, das sind mehrere hundert Euro weniger als ihre verbeamteten Kollegen. "Und die bekommen auch höhere Gehaltssteigerungen als ich", sagt sie. Am kommenden Freitag fährt Semler nach Stuttgart und tut, was ihre verbeamteten Kollegen nicht dürfen: Sie streikt.

In Nordrhein-Westfalen arbeiten fast 200.000 Lehrer, jeder fünfte ist angestellt. Die GEW in Essen hat errechnet: Ein Lehrer, 5. bis 10. Klasse, Mitte 40, unverheiratet und kinderlos, verdient als Angestellter knapp 3800 brutto, sein verbeamteter Kollege rund 3700 Euro brutto - also weniger. Doch: Netto sieht es anders aus. Hier kommt der angestellte Lehrer auf knapp 2200 Euro, dem Beamten bleiben 2640 Euro.

"Jammern auf hohem Niveau"

In Berlin lebt Tom Erdmann in einer Wohnung, für die er monatlich 820 Euro zahlt, plus Strom. Er hat eine private Altersvorsorge und gibt inklusive Essen, Fitnessstudio und anderen Fixkosten monatlich knapp 2000 Euro aus. Bleiben 700 Euro zum Sparen oder zum Spaß. Der angestellte Lehrer wird in seinem gesamten Berufsleben weniger verdienen als verbeamtete Kollegen, und er wird keine großen Gehaltssprünge mehr machen.

Die Anzahl der angestellten Lehrer variiert von Land zu Land stark. Während in Bayern so gut wie alle verbeamtet sind, wurden in den neuen Bundesländern nach der Wende zunächst alle Lehrer angestellt. Die meisten westdeutschen Bundesländer folgten dem Beispiel und stellten beim Nachwuchs von Verbeamtung auf angestellte Lehrer um, vor allem Bremen, Rheinland-Pfalz und NRW. Es geht allerdings auch umgekehrt: Wegen Lehrermangels hat etwa Mecklenburg-Vorpommern 2013 begonnen, Lehrern wieder den Beamtenstatus zu verleihen - als Anreiz.

Für eine Lehrerin aus Mecklenburg-Vorpommern ist das Beamtentum hingegen gar kein Lockmittel, sie möchte angestellt bleiben - um ihrer Freiheit willen. Sie will sich nicht vor dem Amtsarzt rechtfertigen, vor Zeitungsinterviews um Erlaubnis bitten oder darauf hoffen müssen, ob ein Schulwechsel gestattet wird. "Ich verdiene netto um die 2500 Euro, und das reicht mir", sagt die 32-Jährige. Sie weiß zwar, dass verbeamtete Kollegen ungefähr 500 Euro mehr verdienen.

Doch streiken will sie deswegen nicht, denn: "Das Streiken meiner angestellten Kollegen ist für mich Jammern auf hohem Niveau."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 462 Beiträge
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1. Jammern
carlo02 06.03.2015
auf hohem Niveau.
2. Generell wäre es...
wildthin9 06.03.2015
zu begrüßen, wenn der Beamtenstatus bei Lehrern insgesamt abgeschafft wird.
3. ich bin sprachlos....
schwencky 06.03.2015
€ 2.700,- netto und man geht streiken...wem will man das denn noch erklären? Der Mann sagt selbst, dass er in seinem Bekanntenkreis Gutverdiener ist, aber will natürlich mehr. Orientiert wird sich natürlich nicht an der breiten Angestelltenschaft, sondern an der Überbezahlung von verbeamteten Lehrern. Vielleicht regnet es ja bei Zeiten Hirn und man kommt zu dem Ergebnis, dass vielleicht nicht alle angestellten Berufsgruppen unterbezahlt sind, sondern Beamte einfach über Gebühr verdienen. Das wäre ja mal eine Erkenntnis.
4. Und die Rente
kangootom 06.03.2015
Ein verbeamteter Lehrer verdient mehr als ein angestellter und geht zusätzlich mit vollem Gehalt in Rente. Die Lehrer erhalten von mir vollstes Verständnis für den Kampf um eine gerechte Entlohnung.
5.
bruno bär 06.03.2015
Für junge Lehrer mag die Arbeitsbelastung tatsächlich relativ hoch sein, da sie noch engagiert sind und die Klassenarbeiten und den Unterricht tatsächlich noch vorbereiten müssen. Aber nach einigen Jahren hat man den Unterricht vorbereitet, hat zu jedem Thema eine Auswahl an Aufgaben für Klassenarbeiten.
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