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Klassenfahrten-Boykott: Lehrerverbände lassen Schüler auflaufen

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Schüler-Protest: Wischt doch eure Tafel selber! Fotos
DPA

Keine Klassenfahrten? Kein Tafeldienst! Seit Längerem beharken sich Gymnasiallehrer und Schüler in Niedersachsen mit Boykottaktionen. Im Streit um die Mehrarbeit für Pädagogen wollten Schülervertreter vermitteln - und holten sich eine Abfuhr.

Ihr streicht unsere Klassenfahrten? Dann putzen wir die Tafeln nicht mehr. Die Schüler einer Gesamtschule in Rastede bei Oldenburg hatten für dieses Schuljahr eine ungewöhnliche Protestaktion angekündigt: Die Schwämme sollten liegen bleiben, die Klassenbücher auch, freiwillige Referate sollten ausfallen - bis es endlich wieder Ausflüge gibt.

Der seltsame Konflikt schwelt länger als ein Jahr an Niedersachsens Schulen: Gymnasiallehrer verweigern Klassenfahrten, weil das Kultusministerium ihre Arbeitszeit um eine Unterrichtsstunde aufgestockt hat. An 75 Prozent der Gymnasien seien Studienreisen und Ausflüge gestrichen oder gekürzt worden, schätzte der NDR. Mitte Januar demonstrierten Tausende Schüler in der Landeshauptstadt Hannover gegen den Klassenfahrten-Boykott.

So kann es nicht weitergehen - dachte jetzt der Landesschülerrat und schlug einen Friedensgipfel vor. Alle wichtigen Akteure sollten an einen Tisch: der Landeselternrat, das Ministerium und vor allem die Lehrerverbände. "Da werden schließlich unzählige Schüler um ihre schönsten Schulerlebnisse gebracht", sagt Helge Feußahrens, Vorsitzender des Landesschülerrats. "Die können nichts für die Situation und müssen darunter leiden."

Philologenverband sagt zu, dann ab

Es sah gut aus: Ein Termin Mitte Februar stand fest. Der Chef des niedersächsischen Philologenverbandes, die Lobby der Gymnasiallehrer, schickte eine freundliche E-Mail. Er sei zu Gesprächen bereit und halte sich den Termin frei. Auch die Ministerin, sagt Feußahrens, habe zugesagt, persönlich dabei zu sein. Gute Voraussetzungen also.

Doch die große Bildungsgewerkschaft GEW stellte sich quer. Auf die Einladung kam prompt eine E-Mail vom Landeschef Eberhard Brandt: "Als Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sind wir nun schon seit Langem mit der Kultusministerin im Gespräch und bedürfen dabei keiner Vermittlung", schrieb der. Kurz darauf sagte auch der Philologenverband ab; vielleicht sollte man den Termin unter diesem Umständen besser verschieben.

Schülervertreter Feußahrens ist sauer. Vor allem, weil die GEW Bereitschaft zu einem Friedensgipfel signalisiert habe. "Wir hatten den Gipfel mündlich längst schon mit allen vereinbart", sagt Feußahrens. Die Abfuhr hat die Schülervertreter kalt erwischt.

Unsinn, kontert die GEW. "Mir ist nicht bekannt, dass wir je eine Zusage zu einem solchen Gipfel gegeben haben", sagt Eberhard Brandt, weder er noch seine Mitarbeiter. Warum auch? "Wir brauchen keinen Schülerrat, um mit dem Ministerium zu sprechen. Da überschätzen die ihre Rolle."

Für die Schülervertretung ist es nur ein weiterer Stich: Erst müssen junge Menschen unverschuldet den Konflikt zwischen Land und Lehrern ausbaden. Dann werden sie von oben abserviert, wenn sie die Initiative ergreifen. "Was wir sagen, interessiert die GEW offenbar gar nicht", sagt Feußahrens. "Wir sind für die nur ein paar Schüler."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Stell Dir vor, es ist Schule...
fatfrank 04.02.2015
...und keiner geht hin. Bleibt standhaft, Jungs und Mädels! Diese Erfahrungen in "Demokratie" werdet Ihr Euer Leben lang nicht vergessen. Die Schule ist für Euch da, nicht Ihr für die Schule. Schon gar nicht für Lehrer! Die wären alle arbeitslos, wenn es Euch nicht gäbe. Dass die GEW Euch aufs Kreuz gelegt hat, ist natürlich blöd. Lernt daraus: Beim nächsten Mal alles nur schriftlich. Aber es war ein Pyrrhus-Sieg für die Gewerkschaft. Jeder, der klar denken kann, sieht, dass solche politischen Täuschungsmanöver auf lange Sicht nur ins Abseits führen werden. Prima Leistung! Dürfte lange dauern, bis das verspielte Vertrauen zurück gewonnen wird. Wenn überhaupt. Seid nicht intelligent (=Lösung innerhalb der Rahmenbedingungen optimieren), sondern seid kreativ (=neue Lösungen entwickeln). Und wisst: Ihr sitzt am längeren Hebel, auch wenn es erstmal seltsam klingt. Aber Macht entsteht nur durch Gefolgschaft. Lehrkräfte und Funktionäre haben also nur so lange Macht über Euch wie Ihr ihnen folgt. Das würde ich mir jetzt dreimal überlegen.
2. Liebe Schüler...
EvenD 04.02.2015
...in diesem Land könnt ihr erst und nur mitreden, wenn ihr zu irgendeiner Art Wirtschaftsunternehmen gehört. Traurig...aber wahr ;)
3. Lehrergewerkschaften
ruebenkatze 04.02.2015
vertreten die Interessen ihrer Klientel. So weit so gut. Was aber geradezu pervers ist, ist, wenn sie in der Gesellschaft auch noch als Experten für Schule oder gar Bildung herangezogen werden. Ich war früher Lehrer und habe die Gewerkschaft gerne wieder verlassen. Philologenverband, GEW, Reallehrerverbände und Co. sind fast (zugegeben, nicht ganz so schlimm) so übergriffig wie der ADAC. Man könnte sich intelligenter wehren. Keine Statistiken und Klassenakten führen zum Beispiel.
4. Erziehung zum Kuschen?
märchentante12 04.02.2015
Es ist ein Armutszeugnis für GEW und Philologenverband, dass sie meinen, in einem Konflikt zwischen Schülern und Lehrern auf die Vermittlung von Schülern verzichten zu können. Das der Schülerverband versucht zu vermitteln, zeigt jedoch, dass zumindest einige Kollegen und Kolleginnen ihren Job gut gemacht haben, indem sie die Schüler dazu angeleitet haben, engagierte, kritische Bürger zu werden. Bravo! Ich hoffe, dass Ihr Euch bald wieder darauf besinnt und die Konflikte mit dem Ministerium nicht weiter auf dem Rücken der Schüler austragt. Dass es die gewerkschaftliche Vertretung nicht für nötig hält, ihre Klientel zu respektieren ist empörend. Es zeigt eine Haltung, die dem Berufsstand und dem, was er sein soll und will nicht gerecht wird. Von solchen Leuten will ich mich nicht vertreten lassen!
5. Schwach, lieber Spiegel
soso... 04.02.2015
Ich hätte mir von einem Qualitätsmagazin wie dem Spiegel glatt erwartet, dass er Fakten recherchiert und nicht billige Politikererklärungen zitiert. Es geht den Lehrern und Lehrerinnen nicht um die eine Stunde Mehrarbeit. Es geht um die systematische Auflösung der Schulform des Gymnasiums. Diese eine Stunde Mehrarbeit hat es dem Land Niedersachsen erlaubt tausende Lehrerstellen einzusparen. Ein Großteil der ausgebildeten Referendare endet in der Arbeitslosigkeit. Aber auch dafür gibt es eine Lösung. Ein Referendariat für Gymnasiallehrer wird es in Zukunft in Niedersachsen nicht mehr geben. Das ist natürlich sehr praktisch, kann man doch Gesamtschullehrer zu geringeren Tarifen einstellen. DAGEGEN protestieren die Gymnasiallehrer. Nicht gegen die lapidare Arbeitszeiterhöhung. In Zukunft würde ich mir eine ausgewogenere Berichterstattung wünschen... auch wenn ich zugebe, dass das Verhalten der Lehrerverbände mehr als unglücklich ist.
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