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Wirtschaft in der Schule: Arbeitgeber-Lobby stoppt Unterrichtsbuch

Von und Nalan Sipar

Unternehmer beim Unterrichtsbesuch: Macht die Wirtschaft zu viel Lobbyarbeit an Schulen? Zur Großansicht
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Unternehmer beim Unterrichtsbesuch: Macht die Wirtschaft zu viel Lobbyarbeit an Schulen?

Mit einem 356-Seiten-Buch wollte die Bundeszentrale für politische Bildung Lehrern helfen, Wirtschaftswissen besser zu vermitteln. Doch dem Arbeitgeberverband missfiel das Werk. Er lobbyierte kräftig - mit Erfolg.

Wirtschaft? Ist kompliziert. Viele Lehrer tun sich schwer damit, ihren Schülern ökonomisches Wissen zu vermitteln. Wie kam es zur Finanzkrise? Welche Rolle spielen Lobbyisten? Warum gibt es soziale Ungleichheit?

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), eine wichtige Anlaufstelle für Pädagogen, hat daher im Februar einen 356 Seiten dicken Band herausgebracht: "Ökonomie und Gesellschaft - Zwölf Bausteine für die schulische und außerschulische Bildung".

Dumm nur, dass dieses Buch einem der wichtigsten Unternehmenslobbyisten so gar nicht gefiel. Mit viel Einsatz hat Peter Clever, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), für ein Vertriebsverbot gesorgt. Im Online-Shop der Bundeszentrale heißt es nun, das Buch sei derzeit vergriffen. Was war passiert?

Im Juni hatte Clever dem Innenministerium, dem die Bundeszentrale formal untersteht, in einem Brief sein "Befremden" auf fünf Seiten bekundet. Kern der Kritik: Das freie Unternehmertum komme in dem Lehrerbuch zu schlecht weg.

"Wo ist in dieser Veröffentlichung die konstruktive und zentrale Rolle der deutschen Unternehmen in der dualen Ausbildung über einen Halbsatz hinaus angemessen thematisiert?", bemängelt der Wirtschaftsvertreter in dem Schreiben. "Die in Ihrer Publikation transportierten ideologischen und voreingenommenen Anschuldigungen kennen wir aus interessierten Kreisen schon länger. Dass sie nun aber durch die Bundeszentrale für politische Bildung verbreitet und empfohlen werden, ist skandalös und nicht hinnehmbar." Das Buch entspreche "einseitiger Propaganda gegen die Wirtschaft". Er bitte daher darum, "den Band in dieser Form nicht weiter zu vertreiben".

"Ich bitte dringend, den Band in dieser Form nicht weiter zu vertreiben": BDA-Geschäftsführer Peter Clever Zur Großansicht
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"Ich bitte dringend, den Band in dieser Form nicht weiter zu vertreiben": BDA-Geschäftsführer Peter Clever

Nun könnte man das als übliche Empörung der Wirtschaft über ein bisschen Kapitalismuskritik abtun. Doch Clevers Intervention stößt im Innenministerium von Thomas de Maizière (CDU) auf offene Ohren. Am 14. Juli, knapp sechs Woche nach dem Brief, geht eine E-Mail aus dem Innenministerium an die Bundeszentrale für politische Bildung.

Das neue Lehrerbuch werfe "einige grundsätzliche Fragen" auf, heißt es in der E-Mail, die SPIEGEL ONLINE vorliegt: "Der Titel des Bandes verspricht eine umfassende Darstellung von Ökonomie und Gesellschaft, in dem Band selbst aber dominiert eine bestimmte Denkschule zu Wirtschaftsfragen deutlich". Man bitte daher darum, "ihn bis auf weiteres nicht zu vertreiben".

Gegenüber SPIEGEL ONLINE verteidigt ein Sprecher des Innenministeriums den Schritt. Das Schreiben des BDA sei nicht der Grund, sondern "nur der Anlass" gewesen, um den Band überprüfen zu lassen. Das Innenministerium komme damit seiner Rolle als Fachaufsicht nach.

Dennoch halten viele ein vorläufiges Vertriebsverbot für ungewöhnlich. "Ausgesprochen selten" komme so etwas vor, sagt die Bielefelder Soziologieprofessorin Bettina Zurstrassen, die den nun gestoppten Band herausgegeben und schon zuvor mehrere Publikationen für die bpb betreut hat. Auch die Deutsche Gesellschaft für Soziologie äußert sich in einer Stellungnahme empört.

In "skandalisierender Absicht" habe der Arbeitgeberverband den Autoren "Zitate zugeschrieben, die nicht von ihnen stammen, Zitate verkürzend aus dem Kontext gerissen und Zitate durch nicht markierte Auslassungen verfälschend dargestellt", kritisiert die Soziologie-Fachgesellschaft. Der Vertriebsstopp sei daher "inakzeptabel".

Inzwischen hat sich auch der wissenschaftliche Beirat der Bundeszentrale für politische Bildung mit dem Fall befasst. Das Ergebnis ist, wie man hört, eine Niederlage für das Innenministerium: Die große Mehrheit der Experten stimmte für eine Aufhebung des Vertriebsverbotes. Aus dem Innenministerium heißt es, man wolle nun "zeitnah über den weiteren Vertrieb" entscheiden.

Besonders echauffiert hatte sich Arbeitgeber-Geschäftsführer Clever in seinem Brandbrief übrigens über das Kapitel zum Thema Lobbyismus. Es werde ein "monströses Gesamtbild von intransparenter und eigennütziger Einflussnahme der Wirtschaft auf Politik und Schule gezeichnet", schrieb er darin.

Vielleicht ist ja auch der Versuch des BDA, ein Wirtschaftsbuch aus dem Verkehr zu ziehen, künftig ein gutes Beispiel für den Unterricht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 389 Beiträge
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1. Eigennutz
Ossifriese 26.10.2015
Eigentlich nicht zu fassen. Vor allem, wenn man weiß, dass die "Bundeszentrale für politische Bildung" nun nicht eben zu den fortschrittlichsten Bildungsvermittlern gehört. SPON sollte diesen Vorgang weiter beobachten, er ist ein Paradebeispiel für die ganz und gar eigennützige Einflussnahme von Unternehmerverbänden in Deutschland.
2. Vielleicht...
skeptiker53 26.10.2015
Vielleicht bietet diese Geschichte auch mal einen Anlass für SPON (und Bielefelder Soziologen) um "Wirtschaft" nicht als Feindbild, sondern als ein wichtiges Fundament unserer Gesellschaft zu verstehen. Wie würde es geschätzt werden, glauben Sie, wenn mit ähnlicher negativer Einstellung ein Schulbuch über Bildungswesen, Gewerkschaften oder Parteien publiziert wäre ?
3. Lobbyismus
DieGURU 26.10.2015
Monströs und intransparent ... ich würde sagen gut getroffen. Gut gemacht Bpb!
4.
garfield 26.10.2015
Wenn die Wirtschaft Gesetzestexte praktisch in den Block diktiert, ist das in Ordnung und natürlich gar nicht "eigennützig" - aber wehe, den Schülern wird etwas anderes als das rosarote Bild vom im Schweiße seines Angesichts lobbyierenden Unternehmervertreters geboten - und dann noch unabgesprochen und nicht von der Wirtschaft abgesegnet, dann ist die Hölle los.
5. Schlimm...
jackoconnor 26.10.2015
...wenn die Lobbyisten nicht mehr nur in der Politik ihren viel zu starken Einfluss geltend machen, sondern mittlerweile auch in der Bildung unterwegs sind. Deutschlands Bürger wären besser bedient mit weniger Lobbyisten!
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