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Mythos und Wahrheit: Mädchen können nicht rechnen?

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Corbis

Mädchen im Matheunterricht (Symbolbild): Nicht automatisch schlechter

Es ist ein altes Vorurteil: Mädchen sind einfach schlechter im Rechnen. Was ist dran? Der Faktencheck.

Auf den ersten Blick sieht es aus, als hätten Mädchen tatsächlich weniger mathematisches Talent als Jungen. In der Pisa-Studie 2012 hatten 15-jährige deutsche Jungs in Mathe durchschnittlich 520 Punkte. Gleichaltrige Mädchen schafften nur 507 Punkte. Deutschland liegt damit unter dem internationalen Schnitt: Über alle OECD-Staaten hinweg erzielten Mädchen durchschnittlich nur elf Punkte weniger als Jungen.

Ein Jahr zuvor hatte die Timss-Studie, die das mathematische und naturwissenschaftliche Können von Grundschülern vergleicht, ähnliche Ergebnisse präsentiert. Demnach bekamen Jungen in der vierten Klasse im Schnitt 532 Punkte, Mädchen aber nur 523 Punkte.

Das heißt jedoch nicht, dass Jungen von Natur aus einen besseren Zugang zu Zahlen haben. Denn es gibt Länder, in denen das Ergebnis ganz anders aussieht. So übertrafen laut Timss in vier Ländern die Mädchen die Jungen, und zwar in Russland, Taiwan, Singapur und in der Türkei. In Neuseeland lagen beide Geschlechter gleichauf.

Laut der Pisa-Studie schnitten die isländischen Mädchen eindeutig besser in Mathe ab als ihre gleichaltrigen Mitschüler. In zehn Ländern war der Unterschied in der mathematischen Kompetenz von Jungen und Mädchen nicht signifikant, darunter Finnland, Schweden, Norwegen und Slowenien.

Woher kommt es also, dass deutsche Schülerinnen schwächere Leistungen in Mathe zeigen? Forscher sind sich weitgehend einig, dass sich Mädchen bei uns weniger zutrauen - und deshalb oft schlechtere Noten haben. Mädchen sagten häufiger von sich, dass sie "einfach nicht gut in Mathe" seien, heißt es in einem Bericht der OECD vom März. Sie sagten das selbst dann, wenn sie bei Pisa genauso gut abschnitten wie ihre männlichen Altersgenossen.

"In vielen Gesellschaften herrscht ein Klima, in dem es als normal erscheint, dass Mädchen Mathe nicht so gut können", sagt OECD-Sprecherin Antonie Kerwien. Das könne sich auch auf die Leistungen auswirken.

Mädchen können besser statische Strukturen analysieren

Wie genau gesellschaftliche Rollenklischees die Leistung beeinflussen, ist noch nicht abschließend geklärt. So seien Vorbilder zwar wichtig, heißt es in dem OECD-Bericht. Jedoch seien Mädchen, deren Mütter oder Väter in naturwissenschaftlichen oder mathematischen Berufen arbeiteten, oft schlechter in Mathe als Jungen aus einem ähnlichen Elternhaus. Das könne daran liegen, dass allzu hohe Erwartungen die Mädchen unter Druck setzen würden, schreiben die Forscher.

In den Neunzigerjahren fanden kanadische und amerikanische Forscher heraus, dass Studentinnen in einem Mathetest deutlich weniger Punkte erreichten, wenn sie vorher gesagt bekamen, dass Frauen in diesem Test üblicherweise schlechtere Leistungen erbringen als Männer. Ohne diese Ansage schnitten die Studentinnen ähnlich gut ab wie ihre männlichen Kommilitonen.

Gerade die Eltern tragen laut OECD oft bewusst oder unbewusst dazu bei, dass sich Jungen mehr für Mathe und Naturwissenschaften interessieren: So können sich in Chile, Ungarn und Portugal etwa die Hälfte der Eltern vorstellen, dass ihr Sohn später einen technischen oder naturwissenschaftlichen Beruf ergreifen wird. Für ihre genauso leistungsstarken Töchter können sich das höchstens 20 Prozent der Eltern ausmalen.

Ein Aspekt, der Mädchen bei uns in ihrer Begeisterung für Mathe bremst, könnte auch der Unterricht an deutschen Schulen sein. Die Kölner Professorin für Kognitive Mathematik, Inge Schwank, erforscht seit vielen Jahren, wie Kinder an mathematische Aufgaben herangehen. Sie fand heraus, dass viele Mädchen gut statische Strukturen analysieren, sich aber schlechter dynamische Prozesse vorstellen können - was wiederum Jungs oft leicht fällt.

Es gibt also offenbar Unterschiede im Gehirn, doch die bedeuten nicht, dass Mädchen automatisch schlechter in Mathe sind. Man müsste sie lediglich anders auf die Aufgaben vorbereiten, damit sie genauso gut abschneiden wie Jungs. "Der Unterricht muss neu gedacht werden, um Mädchen besser fördern zu können", sagt Schwank.

Zumindest demotivieren die gängigen Unterrichtskonzepte und Rollenbilder nicht alle Mädchen gleich fürs Leben: Im vergangenen Wintersemester war an deutschen Hochschulen knapp jeder zweite Studierende im Fachbereich Mathematik eine Frau.

Fazit: Mädchen könnten Mathe besser können, wenn sie sich mehr zutrauen würden. Festgefahrene Rollenklischees und ein Unterricht, der Schülerinnen nicht besonders gut fördert, führen jedoch dazu, dass Mädchen bei uns in Mathematik oft schlechter abschneiden als Jungen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 97 Beiträge
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1. Fleiß und Interesse
ronny.grahl 23.11.2015
Mathematik - zumindest Schulmathematik - ist sicher kein Talentfach. Sie zu beherrschen ist eine Frage, ob man sich auf sie einlässt und wieviel Zeit man bereit ist, in sie zu investieren. Mathematik ist klar strukturiert. Ein durchschnittlich intelligenter Mensch wird daran nur scheitern, wenn er eine negative Grundeinstellung ihr gegenüber hat, die ihn daran hindert sich des Rechnens anzunehmen.
2. Maedchen statisch, Jungen dynamisch
herumnöler 23.11.2015
Wusst' ich's doch: Maedchen: Haekeln, schwanger; Jungen: Fussball.
3. Was ist mit den anderen Fächern?
kroxx 23.11.2015
In so ziemlich allen anderen Fächern als den mathematisch/naturwissenschaftlichen schneiden Mädchen besser ab als Jungen. Ich habe allerdings noch nie von Bestrebungen gelesen, dass dort Unterrichtskonzepte überdacht werden sollen, so dass Jungen da besser abschneiden. Soviel zur Gleichberechtigung.
4. Mädchen können Rechnen ...
territrades 23.11.2015
Als Physikstudent kann ich berichten: Die weiblichen Studenten sind zwar in der Minderheit, stehen ihren männlichen Kollegen aber in nichts nach. Ansonsten gebe ich meinen Vorredner recht, Schulmathematik lässt sich von jedem erlernen der nicht gerade eine ausgesprochene Behinderung auf diesem Gebiet aufweist. Das Problem ist eher die breite gesellschaftliche Akzeptanz der Mathematikverweigerung. Wir haben ja auch das Telekolleg abgeschafft und strahlen stattdessen Unterhaltungssendungen aus, in denen F-Promis ihre eigene Unfähigkeit zelebrieren.
5. Faktencheck?
123456789abc 23.11.2015
Die einzigen wirklichen Fakten, die dem Artikel zugrundeliegen sind die des PISA-Test, der Rest sind Studien, bei denen die Aussagekraft - schon auf Grund der Mustergröße zweifelhaft bleibt. Wäre es dann nicht angebracht im "Faktencheck" diese Fakten mal gründlich zu analysieren. Inwiefern spielt die Struktur des Matheunterrichtes (Fokus auf Fleiss in Asien & Russland versus neue "Methoden" in D) eine Rolle, dass Mädchen in Fleissfächern besser sind, ist ja nun zusammen mit der sozialen Begründung eigentlich akzeptiert. Daraus könnte man dann wieder schließen, dass Pauschalurteile, die in einen kurzen Satz passen, fast immer zweifelhaft und jedenfalls ohne Kontext nutzlos sind.
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