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Matussek vs. Friedman: "Jetzt will ich meinen Anwalt sprechen!"

Von Raphael Geiger

Zwei Polemiker im Clinch: Die Passauer Schülerzeitung "Rückenwind" hat Michel Friedman und Matthias Matussek gefragt, was wichtiger ist - freie Rede oder religiöse Rücksicht. Ein preisgekröntes Streitgespräch aus dem Schülerzeitungswettbewerb des SPIEGEL.

Frage: Herr Matussek, Herr Friedman, stellen Sie sich vor, Sie wären Intendant der Deutschen Oper Berlin. Hätten Sie den "Idomeneo" abgesetzt?

Michel Friedman: Nein.

Matthias Matussek: Ja.

Frage: Warum, Herr Matussek?

Matussek: Weil es eindeutige Hinweise gab, dass es zu einer ernsten Situation hätte kommen können. Die tatsächliche Intendantin ...

Frage: ... die Dame heißt Kirsten Harms ...

Matussek: ... hat mir das mal sehr überzeugend dargelegt. Man bedenke die Verantwortung, die man in einer solchen Position trägt. Außerdem: Wenn ich höre, dass in Berlin im Theater Mohammed geköpft wird, mag ich mir gar nicht die Westbank vorstellen. Deshalb rate ich zur Vorsicht.

Friedman: Lieber Herr Matussek, erstens: Wenn wir jedes Mal, wenn etwas aufgeführt, gesagt, geschrieben und auf Grund dessen Gewalt angedroht wird – entschuldigen Sie den Ausdruck –, den Schwanz in die Hose zurückstecken, dann ist das ein vorweggenommener Angstzustand. Dann brauchen wir gar keine Bomben mehr, denn wir haben schon Angst vor unserer eigenen Angst. Zweitens: Religion wird per se seit der Aufklärung ins Absurde geführt. Was will man in der Religionskritik anders machen, als sie mit ins Absurde zu führen? Das heißt: Religion ist nicht tabuisiert, genauso wenig wie sie ein gedanken- und kritikfreier Raum ist. Man muss damit kritisch umgehen können. Deshalb sage ich: Kritik erst recht dann, wenn eine Drohung kommt.

Matussek: Es ging doch gerade um den konkreten Fall ...

Friedman: ... stellen Sie sich vor, ich würde die Klappe halten, weil die Nazis mich bedrohen!

Matussek: Aber, aber. Es geht doch nicht um die Nazis. Es geht um Frau Harms und den "Idomeneo". Ich hätte ihn auch deshalb sofort abgesetzt, weil die abgeschlagenen Köpfe ein blödsinniger Regieeinfall sind. (wird laut) "Idomeneo" endet mit einer Versöhnungsszene! Was soll der Käse?

Friedman: Wissen Sie was: In Zukunft werden nicht mehr die Muslime mit Gewalt drohen, sondern Matussek! (lacht)

Matussek: Sehr richtig: Kulturkommissar Matussek wird das letzte Wort sprechen! (lacht ebenfalls)

Frage: Im Ernst: Lassen wir uns nicht durch Fundamentalisten unsere freiheitlichen Werte kaputtmachen?

Matussek: Das sagt ja Friedman: Wir dürfen nicht zurückweichen. Ich will Ihnen jetzt was sehr Ernstes sagen: Religion ist das Innigste, was der Mensch hat. Mit ihr entscheidet der Mensch sein Verhältnis zur Welt, zum Leben. Religion ist ein sehr, sehr sensibler Raum – der zu schützen ist. Jeder sollte es sich zweimal überlegen, ob er das Sensitivste des Menschen beleidigt.

Friedman: Schön, aber: nur eines gläubigen Menschen. Denn, wie Sie das sagen, könnte man meinen, wir lebten noch im Mittelalter, wo alle bedingungs- und gedankenlos lebten. Das ist aber nicht mehr so. Es gibt für gläubige Menschen tatsächlich einen Respektraum. Der darf aber nicht dazu führen, dass Menschen, die nicht glauben, nicht mehr kritisch mit Religion umgehen können.

Frage: Noch mal zurück zum spezifischen Fall: Ist es, Herr Friedman, nicht das geringere Übel, eine Karikatur nicht abzudrucken – auch wenn ich dabei vielleicht unsere freiheitlichen Werte untergrabe –, wenn auf der anderen Seite das Risiko steht, dass Menschen ihr Leben verlieren?

Friedman: Man muss es sehr genau und verantwortungsbewusst abwägen. Aber: Das sind ja nun Präzedenzfälle, die nicht nur religiös bedingt sind. Wenn jemand etwas ausdrücken will, es aber nicht kann oder darf, weil es eine Gewaltreaktion der Gruppe gibt, die es betrifft, dann können wir aufhören, zu reden, was wir denken. Zwar muss es für bestimmte Bereiche auch Konsequenzen geben dürfen, aber grundsätzlich gilt: Wenn jemand etwas sagen will, muss er es sagen dürfen.

Matussek: Wie ist das, wenn ich sagen würde: Auschwitz hat es nicht gegeben.

Friedman: Dann müssen Sie das sagen dürfen, wissen aber um die gesetzlichen Konsequenzen, die das für Sie haben wird.

Matussek: Sie würden also das Strafgesetzbuch bemühen, um mir die Klappe zu verbieten ...

Friedman: ... nein, nein ...

Matussek: (wird laut) Aber sicher! Ich würde dafür in den Knast gehen. Also: Redefreiheit hat ihre Grenzen. Ich finde, es gibt Dinge, die darf man nicht sagen.

Friedman: Und ich finde, bevor jemand etwas im kleinen Kreis verbreitet, soll er es lieber in der Öffentlichkeit sagen. Die Gesellschaft muss es hören können!

Frage: Aber es gibt eben auch die Forderung nach Respekt. Was haben Sie denn gegen Respekt, Herr Friedman?

Friedman: Gar nichts, aber Respekt darf nicht zu Verdummung führen.

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