Von Christian Füller
Das Pamphlet erfordert Durchhaltevermögen. Wer sich durch "Mein Kampf" durchkämpfen will, sollte Wissenschaftler sein - und viel Stuss ertragen können. Churchill nannte das Buch einen Koran des Krieges: "Schwülstig, langatmig, formlos, aber schwanger mit seiner Botschaft."
Dass Mitverfasser harte Arbeit vollbringen mussten, um die Gedanken Hitlers zu ordnen und in einen Zusammenhang zu bringen, ist unter Forschern unumstritten. Das Rohmanuskript hatte Hitler 1924 in seiner Zelle in Landsberg geschrieben.
"Heute würden Jugendliche Hitlers Buch wahrscheinlich nach wenigen Seiten weglegen und sich fragen: 'Was ist denn das für ein Heini?'", sagt Thomas Krüger, Leiter der Bundeszentrale für politische Bildung. Und dennoch will Krüger eine kommentierte Teilausgabe der Kampfschrift ab 2016 in ganz Deutschland veröffentlichen.
Das Buch sei zwar schwer verdaulicher Stoff, "aber wenn 'Mein Kampf' frei wird, dann ist es sinnvoll, die Lehrer mit einer didaktisch aufbereiteten Arbeitshilfe in die Lage zu versetzen, mit dieser Kampfschrift kritisch umzugehen". Vergangene Woche hatte der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) eine "Mein Kampf"-Schulausgabe nur für Bayern angekündigt.
Der ehemalige SPD-Politiker Krüger sagte nun, dass die Fachleute seines Hauses mit den Kollegen der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildung eine Kooperation abgemacht hätten. "Wir werden die Bayerische Landeszentrale, so gewünscht, mit unserer Expertise unterstützen und diese Ausgabe dann bundesweit zugänglich machen." Damit ist klar: "Mein Kampf" erscheint demnächst für Schüler in ganz Deutschland - und nicht nur in Bayern.
Beststeller-Stuss im Bibelformat
Ende April hatte Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) eine kritische Edition des Gesamtwerks und eine Schülerausgabe durch das Münchener Institut für Zeitgeschichte angekündigt. Hintergrund für die bayerische Initiative war das Auslaufen der Urheberrechte an "Mein Kampf" im Jahr 2015.
Bayern hatte den Nachlass des "Mein Kampf"-Herausgebers Franz-Eher-Verlag in München nach Kriegsende eingezogen - und war damit zum Verwalter der Urheberrechte an der Schmähschrift geworden. Nun befürchten viele, ab 1. Januar 2016 könnten auch obskure Herausgeber das lange verbotene Textkonglomerat auf den Markt werfen. Der britische Verleger Peter McGee hatte bereits mehrfach erfolglos versucht, Auszüge aus dem Buch an deutschen Kiosken zu verkaufen.
Der Streit um die Breitenwirkung des Hitler-Buches, das 1925 um einen zweiten Teil ergänzt wurde, ist so alt wie "Mein Kampf" selbst. Die Hitler-Partei NSDAP versuchte, es zum Bestseller zu machen. 1928 erschien das Werk als Volksausgabe in einer Art Bibelformat, später sogar in Blindenschrift. Ab 1936 erhielt jedes Brautpaar in Deutschland das Buch.
Bedeutung ist geringer, als man glaubt
Ob es wirklich viel gelesen wurde, bezweifelten sogar Hitlers Lektoren und Helfer. Ähnlich sind Experten geteilter Meinung, ob "Mein Kampf" heute eine echte Gefahr sei. Der Hitler-Biograf Ian Kershaw plädierte schon vor Jahren für eine kritische Ausgabe - obwohl er nicht glaubt, dass "Hitlers schädliche Abhandlung eine Bedrohung für die moderne deutsche Gesellschaft darstellt." Auch die Passauer Politikprofessorin Barbara Zehnpfenning sprach von einer überholten Zurückhaltung.
Dennoch werden wohl bald zwei neue staatlich geförderte Editionen zu finden sein. Eine historisch-kritische Gesamtausgabe mit vielen Fußnoten und Verweisen, herausgegeben durch das Institut für Zeitgeschichte. An ihr soll unter anderen der "Mein Kampf"-Experte Othmar Plöckinger ("Geschichte eines Buchs: Adolf Hitlers 'Mein Kampf'") mitarbeiten.
Zudem wird eine Schulausgabe erstellt, bei der das Zeitgeschichts-Institut nun aber nicht - wie von Markus Söder verkündet - beteiligt ist, sondern die Bayerische Landeszentrale. Kultusminister Ludwig Spaenle sagte, "dass die bestqualifizierten Experten für ein solches Vorhaben identfiziert werden". Ein Sprecher des Ministeriums sagte auf Anfrage: "Wenn andere Bundesländer das dann übernehmen wollen - gerne." Federführend werde dieses Projekt aber erst mal von der Bayerischen Landeszentrale betreut. "Wir schreiben diese in eigener Regie unter Einbindung von Experten."
Dass "Mein Kampf" zukünftig für alle Schüler in der Bundesrepublik zugänglich gemacht wird, dafür will der Chef der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, sorgen: Sollten die Bayern nicht kooperieren wollen, dann wird die Bundeszentrale das Werk selbst in Auftrag geben, kündigte er an.
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