"Mein Kampf" im Unterricht: Bundeszentrale plant Deutschland-Ausgabe

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Die Bundeszentrale für politische Bildung will sich an einer Schulausgabe von Adolf Hitlers "Mein Kampf" beteiligen - und sie bundesweit zugänglich machen. Experten sind uneinig, ob eine historisch-didaktische Arbeitshilfe für das 700-Seiten-Machwerk überhaupt nötig ist: Die Wirkung werde grandios überschätzt.

Hitlers "Mein Kampf": Kommentierte Ausgabe für ganz Deutschland? Fotos
AFP

Das Pamphlet erfordert Durchhaltevermögen. Wer sich durch "Mein Kampf" durchkämpfen will, sollte Wissenschaftler sein - und viel Stuss ertragen können. Churchill nannte das Buch einen Koran des Krieges: "Schwülstig, langatmig, formlos, aber schwanger mit seiner Botschaft."

Dass Mitverfasser harte Arbeit vollbringen mussten, um die Gedanken Hitlers zu ordnen und in einen Zusammenhang zu bringen, ist unter Forschern unumstritten. Das Rohmanuskript hatte Hitler 1924 in seiner Zelle in Landsberg geschrieben.

"Heute würden Jugendliche Hitlers Buch wahrscheinlich nach wenigen Seiten weglegen und sich fragen: 'Was ist denn das für ein Heini?'", sagt Thomas Krüger, Leiter der Bundeszentrale für politische Bildung. Und dennoch will Krüger eine kommentierte Teilausgabe der Kampfschrift ab 2016 in ganz Deutschland veröffentlichen.

Das Buch sei zwar schwer verdaulicher Stoff, "aber wenn 'Mein Kampf' frei wird, dann ist es sinnvoll, die Lehrer mit einer didaktisch aufbereiteten Arbeitshilfe in die Lage zu versetzen, mit dieser Kampfschrift kritisch umzugehen". Vergangene Woche hatte der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) eine "Mein Kampf"-Schulausgabe nur für Bayern angekündigt.

Der ehemalige SPD-Politiker Krüger sagte nun, dass die Fachleute seines Hauses mit den Kollegen der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildung eine Kooperation abgemacht hätten. "Wir werden die Bayerische Landeszentrale, so gewünscht, mit unserer Expertise unterstützen und diese Ausgabe dann bundesweit zugänglich machen." Damit ist klar: "Mein Kampf" erscheint demnächst für Schüler in ganz Deutschland - und nicht nur in Bayern.

Beststeller-Stuss im Bibelformat

Ende April hatte Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) eine kritische Edition des Gesamtwerks und eine Schülerausgabe durch das Münchener Institut für Zeitgeschichte angekündigt. Hintergrund für die bayerische Initiative war das Auslaufen der Urheberrechte an "Mein Kampf" im Jahr 2015.

Bayern hatte den Nachlass des "Mein Kampf"-Herausgebers Franz-Eher-Verlag in München nach Kriegsende eingezogen - und war damit zum Verwalter der Urheberrechte an der Schmähschrift geworden. Nun befürchten viele, ab 1. Januar 2016 könnten auch obskure Herausgeber das lange verbotene Textkonglomerat auf den Markt werfen. Der britische Verleger Peter McGee hatte bereits mehrfach erfolglos versucht, Auszüge aus dem Buch an deutschen Kiosken zu verkaufen.

Der Streit um die Breitenwirkung des Hitler-Buches, das 1925 um einen zweiten Teil ergänzt wurde, ist so alt wie "Mein Kampf" selbst. Die Hitler-Partei NSDAP versuchte, es zum Bestseller zu machen. 1928 erschien das Werk als Volksausgabe in einer Art Bibelformat, später sogar in Blindenschrift. Ab 1936 erhielt jedes Brautpaar in Deutschland das Buch.

Bedeutung ist geringer, als man glaubt

Ob es wirklich viel gelesen wurde, bezweifelten sogar Hitlers Lektoren und Helfer. Ähnlich sind Experten geteilter Meinung, ob "Mein Kampf" heute eine echte Gefahr sei. Der Hitler-Biograf Ian Kershaw plädierte schon vor Jahren für eine kritische Ausgabe - obwohl er nicht glaubt, dass "Hitlers schädliche Abhandlung eine Bedrohung für die moderne deutsche Gesellschaft darstellt." Auch die Passauer Politikprofessorin Barbara Zehnpfenning sprach von einer überholten Zurückhaltung.

Dennoch werden wohl bald zwei neue staatlich geförderte Editionen zu finden sein. Eine historisch-kritische Gesamtausgabe mit vielen Fußnoten und Verweisen, herausgegeben durch das Institut für Zeitgeschichte. An ihr soll unter anderen der "Mein Kampf"-Experte Othmar Plöckinger ("Geschichte eines Buchs: Adolf Hitlers 'Mein Kampf'") mitarbeiten.

Zudem wird eine Schulausgabe erstellt, bei der das Zeitgeschichts-Institut nun aber nicht - wie von Markus Söder verkündet - beteiligt ist, sondern die Bayerische Landeszentrale. Kultusminister Ludwig Spaenle sagte, "dass die bestqualifizierten Experten für ein solches Vorhaben identfiziert werden". Ein Sprecher des Ministeriums sagte auf Anfrage: "Wenn andere Bundesländer das dann übernehmen wollen - gerne." Federführend werde dieses Projekt aber erst mal von der Bayerischen Landeszentrale betreut. "Wir schreiben diese in eigener Regie unter Einbindung von Experten."

Dass "Mein Kampf" zukünftig für alle Schüler in der Bundesrepublik zugänglich gemacht wird, dafür will der Chef der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, sorgen: Sollten die Bayern nicht kooperieren wollen, dann wird die Bundeszentrale das Werk selbst in Auftrag geben, kündigte er an.

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1.
box-horn 08.05.2012
Zitat von sysopDie Bundeszentrale für politische Bildung will sich an einer Schulausgabe von Adolf Hitlers "Mein Kampf" beteiligen - und sie bundesweit zugänglich machen. Experten sind gespalten, ob eine historisch-didaktische Arbeitshilfe für das700-Seiten-Machwerk überhaupt nötig ist: Die Wirkung werde grandios überschätzt. Mein Kampf: Schulbuchausgabe von Hitler-Buch nicht nur für Bayern - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,831718,00.html)
"historisch-didaktische Arbeitshilfe" - das klingt bestenfalls nach mundgerecht vorgekauter Interpretation in der Geschmacksrichtung "pädagogisch wertvoll". Ich glaube nicht, daß das so etwas wirklich sinnvoll ist, denn zum Verständnis gehört weit mehr als der allfällige Hinweis auf die "Folgen", die der Schüler im Geschichtsunterricht lernen sollte. Und nachdem bereits der Text als solcher sperrig daherkommt, wird dieses Buch sicher keine Breitenwirkung entfalten, die es nicht auch ohne eine derartige Ausgabe könnte, denn wer das Buch haben will, wird auch jetzt in Antiquariaten und im Internet fündig.
2. Na endlich
Jabba56 08.05.2012
Zitat von sysopDie Bundeszentrale für politische Bildung will sich an einer Schulausgabe von Adolf Hitlers "Mein Kampf" beteiligen - und sie bundesweit zugänglich machen. Experten sind gespalten, ob eine historisch-didaktische Arbeitshilfe für das700-Seiten-Machwerk überhaupt nötig ist: Die Wirkung werde grandios überschätzt. Mein Kampf: Schulbuchausgabe von Hitler-Buch nicht nur für Bayern - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,831718,00.html)
Wurde ja auch Zeit. Man kann nicht über Musik diskutieren, ohne sie je gehört zu haben. Erinnert mich an die Kampagne in der DDR, als alle einmütig Solshenizyns 'Archipel Gulag' verurteilen sollten. Nur, niemand hatte es gelesen (allenfalls eine verschwindende Minderheit mit Westbeziehungen und dem Mut, 'Feindliteratur' zu schmuggeln).
3.
ads-kid 08.05.2012
Find ich gut, aber es sollte möglichst wenig Hilfestellung gegeben werden, sodass die Schüler selbst merken was für ein gequirlter Mist das ist
4. Die Bundeszentrale für politische Bildung...
Layer_8 08.05.2012
Zitat von sysopDie Bundeszentrale für politische Bildung will sich an einer Schulausgabe von Adolf Hitlers "Mein Kampf" beteiligen - und sie bundesweit zugänglich machen. Experten sind gespalten, ob eine historisch-didaktische Arbeitshilfe für das700-Seiten-Machwerk überhaupt nötig ist: Die Wirkung werde grandios überschätzt. Mein Kampf: Schulbuchausgabe von Hitler-Buch nicht nur für Bayern - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,831718,00.html)
...hat wohl noch nichts von "Internet" gehört
5. Ein ganz klares JA zur Veröffentlichung
TylerD. 08.05.2012
Zitat von sysopDie Bundeszentrale für politische Bildung will sich an einer Schulausgabe von Adolf Hitlers "Mein Kampf" beteiligen - und sie bundesweit zugänglich machen. Experten sind gespalten, ob eine historisch-didaktische Arbeitshilfe für das700-Seiten-Machwerk überhaupt nötig ist: Die Wirkung werde grandios überschätzt. Mein Kampf: Schulbuchausgabe von Hitler-Buch nicht nur für Bayern - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,831718,00.html)
Ich würde so etwas zumindest als gutes Statement begrüßen. Wer dieses Buch heute aus Gründen der Verherrlichung oder zur Verbreitung des Gedankenguts haben will, der hat es sich schon lange aus dem Internet gezogen oder es aus dem Ausland geholt. Der Momentane Umgang mit diesem Buch ist jedenfalls so effektiv wie die Schnapsflasche in der braunen Papiertüte. Kein anderes Thema wurde in der Schule so oft durchgekaut wie der Nationalsozialismus, eine offene Auseinandersetzung und eine Verfügbarkeit würde signalisieren: "Was wir euch erzählt haben stimmt, lest es selbst nach und macht euch eigenen Gedanken." Mich hätte es jedenfalls früher wirklich interessiert, ob die "Wir haben alle nichts gewusst"-Haltung der Wahrheit entspechen könnte oder ob man die grausigen Ansichten und Vorhaben daraus, nicht wirklich einfach hätte nachlesen können. Dank der staatlichen Zensur war das längere Zeit schwierig. Nach meinem Besuch im ehemaligen KZ Dachau konnte ich z.B. kaum glauben, dass man von dieser Grausamkeit auch im Vorfeld nix gewusst haben will. Die einen sagen man hätte das alles nachlesen können, die anderen behaupten das Gegenteil. Also hab ichs mir irgendwann aus dem Internet gezogen und hätte über den Inhalt nur noch kotzen können. Ich halte es also für wichtig, dass man sich zu solchen Themen eigene Gedanken macht, Quellen liest und nicht nur das glaubt, was einem gelehrt wird. In diesem Fall mag das Gelehrte zwar vollkommen richtig sein, die Grundhaltung alles einfach anzunehmen halte ich aber für falsch.
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