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Minderjährige Fußballprofis: Jungstar, Jubel, Jugendschutz

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Kann der Schalker Nachwuchsstar Julian Draxler im Pokalhit gegen Bayern München spielen? Die Frage stellt sich nicht aus medizinischen Gründen - sondern aus juristischen: Jugendliche dürfen am späten Abend eigentlich gar nicht arbeiten. Die Bezirksregierung Münster hat eine Entscheidung gefällt.

Schalke-Talent Draxler: Bloß kein Elfmeterschießen Zur Großansicht
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Schalke-Talent Draxler: Bloß kein Elfmeterschießen

Es wird einer der Höhepunkte der Fußballsaison: Am Mittwochabend treffen im Pokalhalbfinale das zum Siegen verdammte Bayern München auf das Team von Schalke 04. Die Knappen haben kaum weniger Druck, ist der Pokal doch die letzte Chance, in der nächsten Saison in einem internationalen Wettbewerb dabeizusein und so dringend benötigtes Geld einzunehmen.

Um viel mehr kann es in einem Pokalspiel nicht gehen, es ist ein großes Spiel, das erst möglich gemacht wurde durch einen 17-Jährigen: Julian Draxler schoss für Schalke im Viertelfinale gegen Nürnberg in der 119. Minute das 3:2.

Es war ein Traumtor, ein Alleingang mit sehenswertem Abschluss aus rund 22 Metern. Doch dieses Tor hatte ein Nachspiel, das ebenfalls in die Verlängerung ging: Es konnte nicht durch Jungtalente oder Weitschüsse entschieden werden, sondern durch Juristen, die Paragrafen deuten.

Die Anfrage des Lehrers Zimmermann löste hektische Betriebsamkeit aus

Denn Draxlers Tor fiel um kurz vor 23 Uhr. Er ist 17, das Fußballspielen ist für ihn kein Freizeitspaß, sondern Arbeit. Also falle er unter das Jugendarbeitsschutzgesetz, fand der Bochumer Berufsschullehrer Hans Zimmermann: "Wenn der bei Abendspielen zum Einsatz kommt, verstößt das aus meiner Sicht gegen das Nachtarbeitsverbot."

Das Verbot ist recht eindeutig: "Jugendliche dürfen nur in der Zeit von 6 bis 20 Uhr beschäftigt werden", heißt es im Jugendarbeitsschutzgesetz, Paragraf 14. Ausnahmen gibt es: für das Gaststätten- und Schaustellergewerbe, für die Arbeit "in mehrschichtigen Betrieben", für die Landwirtschaft sowie Bäckereien und Konditoreien. Nicht genannt: der Profisport.

Zimmermann schrieb an die für Gelsenkirchen zuständige Bezirksregierung in Münster, er wollte wissen, warum er seine Schüler ständig aufklären muss über den gesetzlichen Schluss und sie abends Minderjährige bewundern, für die der Schutz offenbar keine Rolle spielt.

Man kann ihm Pedanterie vorwerfen, man kann das ganze eine ziemlich unsportliche Posse nennen - doch Zimmermann löste mit seiner Anfrage hektische Betriebsamkeit aus. Denn obwohl Draxler nicht der erste Jugendliche mit Profi-Status ist, hatten die Verantwortlichen bei den Bundesligisten, der Deutschen Fußball-Liga und dem DFB bisher keine Ahnung, auf welcher gesetzlichen Grundlage minderjährige Profis unter Flutlicht auflaufen.

Rechtsexperten sind sich uneins, ob die Entscheidung richtig ist

"Wir haben den Fall deshalb sehr genau geprüft, weil das Signalwirkung für die gesamte Bundesliga haben kann", sagt Ulla Lütkehermölle von der Bezirksregierung Münster. Eine Entscheidung wurde immer wieder vertagt, mal war man sich noch nicht sicher, mal mussten die Schalker Juristen aus terminlichen Gründen absagen.

Nach einem ausführlichen Gespräch zwischen den Schalkern und der Arbeitsschutzabteilung der Bezirksregierung steht jetzt fest: "Julian Draxler unterliegt bei Schalke 04 einer regulären Beschäftigung, deshalb ist das Jugendarbeitsschutzgesetz anzuwenden - darüber waren wir uns einig", sagt Ulla Lütkehermölle.

Dem Verein sei die Problematik bis zu diesem Gespräch nicht bewusst gewesen, Schalke habe aber zugesichert, das Gesetz in Zukunft zu beachten.

Das heißt allerdings nicht, dass Draxler künftig in Abendspielen nicht mehr eingesetzt werden kann: Bezirksregierung und Club kamen zu dem Schluss, dass für U-18-Kicker eine Ausnahmeregelung im Gesetz gilt. In Absatz sieben heißt es: "Jugendliche dürfen bei Musikaufführungen, Theatervorstellungen und anderen Aufführungen, bei Aufnahmen im Rundfunk (Hörfunk und Fernsehen), auf Ton- und Bildträger sowie bei Film- und Fotoaufnahmen bis 23 Uhr gestaltend mitwirken." Und genau um eine solche "andere Aufführung" handele es sich bei einem Fußballspiel, sagt Ulla Lütkehermölle: "Der Jugendliche ist da ja gestaltend tätig."

Rechtsexperten sind sich uneins, ob diese Entscheidung richtig ist. "Ich bin kritisch: Ich sehe nicht, dass der professionelle Sport in den Erwägungen des Gesetzgebers eine Rolle spielte", sagt Peter Heink, der in Stuttgart als Anwalt arbeitet und zur Anwendung des Arbeitszeitrechts im Profisport promoviert hat. "Da können sich die Parteien einigen, wie sie wollen." Er sei nicht der Meinung, "dass das richtig ist".

"Es macht Sinn, das Gesetz zu aktualisieren"

"Für mich entscheidend ist, dass der Fußballprofi eine ganz andere Belastung hat, als ein Jugendlicher, der hin und wieder abends an einer Theater- oder Musikaufführung mitwirkt", so Heink. Über diese Belastung müsse gesprochen werden.

Dass in der Ausnahmeregelung Profisport nicht konkret genannt ist, dass der Gesetzgeber Jungprofis wie Draxler nicht im Sinn hatte, sieht Monika Schlachter nicht als Problem an. "Das ist kein zwingendes Gegenargument. Die Generalklausel 'andere Aufführungen' ist dazu da, hinzukommende Anwendungsfelder mit aufzunehmen", so die Professorin für Arbeitsrecht und Autorin des Erfurter Kommentars zum Jugendarbeitsschutzgesetz. Der Fall zeige aber, dass es Sinn mache, "das Gesetz zu aktualisieren".

Den Schalker Juristen wurde die Entscheidung nun auch schriftlich vorgelegt, sie können dazu noch Stellung nehmen. Ob sie das tun, wollte bei Schalke niemand sagen, der Fall scheint den Verantwortlichen lästig zu sein. "Die Sache ist es mir nicht wert, weitere Telefonate zu führen", sagte Sprecher Rolf Dittrich, reichte aber später noch nach, man sei über das konstruktive Gespräch mit der Bezirksregierung dankbar, "das uns in der Auffassung bestätigt hat, dass der Einsatz des Spielers Julian Draxler keinen Verstoß gegen das Gesetz darstellt".

Bleibt abzuwarten, ob Draxler auch im Spiel gegen Bayern München der große Auftritt gelingt. Sicher ist: Er wird auflaufen können, auch nach 20 Uhr, der Ausnahmeregelung sei Dank. Sollte es aber wieder zur Verlängerung kommen, täte Draxler schon aus ganz persönlichem Interesse gut daran, das Spiel erneut zu entscheiden. Denn nach 23 Uhr darf er nicht arbeiten, auch mit Ausnahme ist dann Schluss. Für ein Elfmeterschießen stünde er nicht zur Verfügung - aber da sind wohl sowieso eher die älteren Kollegen gefragt.

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der_Tobi, 01.03.2011
Zitat: "Man kann ihm Pedanterie vorwerfen, man kann das ganze eine ziemlich unsportliche Posse nennen - doch Zimmermann löste mit seiner Anfrage hektische Betriebsamkeit aus." Bei allem was Recht ist, aber hier gehts um sowas grundsätzliches wie das Verbot von Nachtarbeit für Jugendliche, und dieser Herr Zimmermann ist immerhin von Berufs wegen für Erziehung von Jugendlichen zuständig. Da von "Pedanterie" zu sprechen, halte ich für total unangebracht. Ich begrüße es, dass in diesem speziellen Fall eine Ausnahme zugelassen wurde, ich begrüße es aber auch, dass diese Regel ernst genommen wird.
2. Wettbewerbsverzerrung durch Jugendschutz?
lynx999 01.03.2011
Hallo Zusammen, man stelle sich vor: Es ist 23:00 Uhr. Schalke - Bayern ist in den letzten Sekunden des Spiels. Schalke hat bereits das Wechselkontigent ausgeschöpft. Um den Jugendschutz zu wahren nimmt Schalke Julian Draxler vom Feld. Natürlich ohne einen Ersatzmann zu stellen. Damit wird aber auch der unsicherste Elfmeterschütze vom Feld genommen. Somit hätte Schalke die theoretisch bessere Chance beim elften Schützen im Elfmeterschießen nicht auf Julian Draxler zurück greifen zu müssen, sondern wieder den besten ersten Schützen einsetzen zu können. Verzerrt der Jugendschutz damit den Pokalwettbewerb ;-)
3. Gesetz
sentinel1986 01.03.2011
Zitat von sysopKann der Schalker Nachwuchsstar Julian Draxler im Pokalhit gegen Bayern München spielen? Die Frage stellt sich nicht aus medizinischen Gründen - sondern aus juristischen: Jugendliche dürfen am späten Abend eigentlich gar*nicht arbeiten. Die Bezirksregierung Münster hat eine Entscheidung gefällt. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,748243,00.html
Keiner steht über dem Gesetz, und das ist gut so, weder alkoholisierte Geistliche, noch plagierende Doktoranden oder gar minderjährige Arbeitnehmer, die im Fußballtrikot ihr Geld verdienen.
4. rechtsauslegung
grinta, 01.03.2011
da sieht man mal, was unsere gesetze wert sind: bei einem adligen wird die staatsanwaltschaft bei urheberrechtsverletzung nicht tätig und bei einem fussballverein, der jugendliche spieler illegal nachts beschäftigt wird die interpretation von gesetzen ins unermessliche gedehnt: "Der Jugendliche ist da ja gestaltend tätig." so ein unfug. aber es zeigt einmal mehr, wer die mächtigen im lande sind.
5. Julian Draxler
testthewest 01.03.2011
Zitat von sysopKann der Schalker Nachwuchsstar Julian Draxler im Pokalhit gegen Bayern München spielen? Die Frage stellt sich nicht aus medizinischen Gründen - sondern aus juristischen: Jugendliche dürfen am späten Abend eigentlich gar*nicht arbeiten. Die Bezirksregierung Münster hat eine Entscheidung gefällt. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,748243,00.html
Bei sonstigen entscheidungen ist dem Staat doch das Kindeswohl auch wichtig, weshalb kommt bei dem Präzedenzfall dies in keiner Form zum Ausdruck? Der Junge will auch spielen, nicht nur trainieren. Er hat ne Riesenchance auf eine goldene Zukunft. Und dann kommt so ein Idiot und meint nerven zu müssen. Julian Draxler ist nicht bei McD hinterm Schalter, er wird bald in 2 Jahren mehr verdienen, als der Herr Oberlehrer im ganzen Leben. Da ist der Neid natürlich groß...
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