Aus Radis berichtet Sonja Hartwig
Bis vor einem Jahr war Heidi Grune, 58, ihre eigene Chefin: Sie war Schulleiterin und Sekretärin zugleich. Mittlerweile hilft ihr aber jemand zweimal die Woche bei der Büroarbeit. So hat Grune einen Job weniger, doch es bleibt genug zu tun: Jetzt ist sie noch Lehrerin für Sport, Mathe, Englisch - und Leiterin eines "kleinen Familienbetriebs", wie sie sagt. Sie spricht von der Grundschule in Radis, einem kleinen Ort in Sachsen-Anhalt, knapp fünfzig Schüler, rund 1200 Einwohner.
In der ersten Klasse sitzen an einem Freitagmorgen kurz vor den Sommerferien sieben Siebenjährige, ein Mädchen ist krank. "Meine sieben Zwerge", sagt Heidi Grune, "wir sind wie eine große Familie."
Noch vor einem Jahr war sie weit weniger gut gelaunt: Damals glaubte sie nicht mehr so richtig daran, dass es weitergeht mit ihrer Schule. Denn acht Anmeldungen für die erste Klasse sind einfach zu wenig, so sehen es die Vorschriften des Kultusministeriums vor: Mindestens zehn Kinder müssen in der ersten Klasse anfangen.
Keine neue erste Klasse? Damit drohte das Schulsterben Radis zu erreichen, ein Ort zwischen Bitterfeld und Wittenberg. Seit der Wende ist die Bevölkerung in Sachsen-Anhalt geschrumpft; die Leute kriegen weniger Kinder, Familien ziehen fort. Ein Problem, das auch andere östliche Bundesländer kennen. Für die, die da bleiben und doch Kinder bekommen, heißt das oft: weite Schulwege. Allein in den letzten zehn Jahren mussten in Sachsen-Anhalt 160 Grundschulen schließen.
Wenn die Bevölkerung künftig auch im Westen schrumpft, lohnt sich der Blick gen Osten: Was lässt sich aus Erfahrungen wie in Sachsen-Anhalt lernen?
Ein Bundesland fürchtet auszubluten
In Radis protestierten die Eltern, weil sie ihre Kinder nicht auf zwei Schulen in die Nachbarorte schicken wollten. Die Ortsbürgermeisterin fuhr mit ihnen im Juni in die Landeshauptstadt Magdeburg. Nach einem Gespräch im Kultusministerium rief sie Heidi Grune an: Es sehe gut aus. "Die Kinder werden eingeschult", sagte sie am Telefon. Grune fiel ein Stein vom Herzen. Das Ministerium genehmigte die Miniklasse. Aber nur als Ausnahmeregelung, nicht als Dauerlösung.
Es ist die Antwort eines Bundeslandes, das fürchtet auszubluten - und das sich deshalb entschieden hat für eine Rückkehr zur Dorfschule. Wovon Eltern und Lehrer in anderen Bundesländer träumen, ist hier Realität: Kleinstklassen mit sieben, acht Kindern.
Die Ausnahmeregelung erlaubt erste Klassen mit weniger als zehn Kindern. Allerdings nur, wenn absehbar ist, dass in den nächsten Jahren wieder mehr nachkommen und die Schule damit eine Zukunft hat. Zum neuen Schuljahr wurde die Ausnahmeregelung in fünfzehn Fällen erteilt, im letzten waren es 21. Fällt eine Grundschule unter 40 Kinder, muss sie abgewickelt werden. In Sachsen-Anhalt steht derzeit jede Siebte der 509 Grundschulen in öffentlicher Trägerschaft auf der Kippe, weil sie weniger als 60 Schüler hat.
Heidi Grune, seit 38 Jahren im Schuldienst, seit 20 Jahren Schulleiterin, steht am Eingang des weißen Zweckbaus, in dem früher mal die Speiseräume waren. Gegenüber, da wo jetzt in der Pause die Kinder über den kahlen Platz laufen, stand einmal ein großes Gebäude mit Unterrichtsräumen: die Grundschule und die Sekundarschule hatten dort ihre Klassen. Noch Anfang der neunziger Jahre gab es so viele Schüler, dass die Speisesäle umgebaut werden mussten.
Die Schulleiterin kennt von jedem Schüler Schwächen und Stärken
Dann aber verschwanden die Jobs und die Leute zogen fort. Die Grundschule zog in die umgebauten Speiseräume, die Sekundarschule nebenan musste schließen, das Gebäude wurde abgerissen. Eine Kette der Verluste, in der es irgendwann auch weniger Kinder gab. Nun hat die Grundschule nur noch vier Klassen, vier Lehrer und 48 Schüler. In der dritten Klasse sind es 16, doppelt so viele wie in der ersten.
Um neun Uhr beginnt die Mathe-Stunde bei Schulleiterin Grune für jeden mit einer Kopfrechenaufgabe. Wer sie als erster löst, darf sich auf seinen Stuhl setzen. Danach gehen die Schüler zusammen an ihre Lerntheke und suchen sich eine Aufgabe. Sie unterhalten sich im Flüsterton. Heidi Grune eilt von Tisch zu Tisch, schaut jedem über die Schulter und verteilt "Das war Super"-Stempel in die "Forscherpässe" der Kinder.
Früher, in ihren jungen Jahren, stand Grune, noch vor einer Klasse mit dreißig Schülern. Jetzt gerät sie ins Schwärmen über die Miniklasse - ein Traum für die Lehre und das Lernen sei das. Sie als Schulleiterin kenne die Stärken und Schwächen jedes Schülers. Und Sorgenkinder würden nicht ihrem Schicksal überlassen. "Wenn in so einer Klasse jemand untergeht", sagt sie nach der Stunde, "dann schläft der Lehrer."
Trotz Ausnahmeregelung: Die Angst bleibt
Der Nachteil: Erkrankt einer der vier Lehrer, hat Grune keinen in Reserve, der einspringen kann. Meist legen sie dann die Klassen zusammen. Erst vor einiger Zeit hatte sie Erstklässler und Zweitklässler gemeinsam vor sich sitzen. Die einen lernten, dass 3+3+3+3=12 ist, die anderen, dass vier mal drei zwölf ist. Als sie bei den Jüngsten einige Tage später eine Additionsaufgabe stellte, sagte einer aus der Klasse: "Das ist doch das gleiche wie drei mal fünf. So haben Sie es denen in der Zweiten erklärt."
Lernatmosphäre, Lernbetreuung, Lernfortschritt - die Miniklassen klingen nach bildungspolitischem Luxus auf dem dünn besiedelten Land. Die Situation ist aber aus der Not geboren und könnte für einige wieder in der Krise enden.
Niemand weiß sicher, ob auf einen schwachen Jahrgang endlich ein stärkerer folgt. Auch Heidi Grune plagt die Sorge noch immer. Viele Eltern, die ihre Kinder zum Unterricht bringen, kennt sie noch als Schüler. Sie hofft, dass sie ihnen nicht irgendwann sagen muss, dass dies nun das Ende ist, dass es künftig keine Ausnahme mehr gibt.
Die Zukunft ist ungewiss, doch die kurzfristige Prognose für Frau Grunes Dorfschule ist gut: Nach den Ferien bekommt sie erst einmal "Familienzuwachs". Ihre zukünftigen Zwerge hat sie schon kennengelernt. 12 sind es, immerhin.
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