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26. November 2012, 09:12 Uhr

Mitschüler-Typologie

Mein Sitznachbar, der Proll

Rampensau, Öko-Tante, Proll: Verrückte Klassenkameraden gibt es an jeder Schule - und sie ähneln sich überall. Das Jugendmagazin "Yaez" hat eine Typologie der Mitschüler erstellt. Wer entdeckt seinen Banknachbarn?

Was ist das Wichtigste im neuen Schuljahr? Nicht der Stundenplan, nicht die Lehrer, nein: die Sitzordnung. Vorne sitzen die Streber, die Schleimer, die freiwillig die Tafel putzen, hinten die coolen Jungs. Der Sitznachbar entscheidet mit, ob man im Unterricht etwas lernt, ob man sich langweilt oder einen Eintrag ins Klassenbuch bekommt.

Letzteres lässt sich eigentlich ganz einfach vermeiden: Nie neben die Rampensau setzen! Mit ihm wird es zwar nie langweilig, dafür geht in seiner Gegenwart meist etwas zu Bruch. Der Überflieger hingegen platziert sich meist eher in den vorderen Reihen. Er belegt neben der Schule noch einen Französischkurs an der Sorbonne, macht beim Mathematikwettbewerb mit und absolviert gerade ein Praktikum bei Daimler. Das hat der Sohn nicht nötig, er ist schließlich hauptberuflich Sohn und wird als solcher später Papas Kanzlei übernehmen.

Und welche Typen sitzen sonst noch so im Klassenraum? Das Jugendmagazin "Yaez" hat eine Mitschüler-Typologie geschrieben. Klicken Sie auf die Überschriften, um die Texte zu lesen.

Die Tussi - "Hilfe, meine Haare kräuseln sich"

So ist sie: Dieses Exemplar kannst du riechen, bevor du es sehen kannst. Die Tussi ist stets von einer erschlagenden Wolke aus Parfüm und Haarspray umgeben. Vervollständigt wird das Bild von gruselig langen Fingernägeln, die ohne Unterlass entnervend laut auf ihrem Smartphone klackern, gekünstelt schallendem Lachen und der gewagten Kombination aus Leo-Print Schal zu pinkfarbenem T-Shirt. Außerhalb der Schule triffst du sie im Solarium beim Brutzeln oder in der Fußgängerzone beim Einkaufen inmitten einer Schaar schnatternder und kichernder Mädels, die entweder die Bauchmuskeln des neuen Sportlehrers oder die letzte "Germany's Next Topmodel"-Folge durchdiskutieren.

Typischer Spruch: "Hilfe, meine Haare kräuseln sich!"

In zehn Jahren: Geeignet für die Tussi ist jeder Arbeitsplatz, der ihr hübsches Köpfchen nicht zu sehr von den essentiell wichtigen Themen Mode und Stil ablenkt. Egal ob als Sekretärin oder Kosmetikerin, Hauptsache, sie bricht sich nicht die Fingernägel ab.

Der Überflieger - "Samstagabend trinke ich Tee mit der Queen"

So ist er: Wenn es nach ihm ginge, hätte der Tag 28 Stunden. Schließlich muss er den Französischkurs an der Sorbonne belegen, am Mathematikwettbewerb teilnehmen, das Praktikum bei Daimler machen, zum Leichtathletiktraining und nebenbei noch sein Aktiendepot managen. Als Kind wurde er höchstwahrscheinlich von einer radioaktiven Biene gestochen, anders kann man seinen Eifer nicht erklären. Denn obwohl er rein rechnerisch nicht mal Zeit zum Schlafen hat, ist er im Unterricht von der ersten bis zur letzten Stunde hellwach, stellt Rückfragen, treibt Gruppenarbeiten voran und ist selbstverständlich auch Klassensprecher. Er wird es definitiv weit bringen, zumindest wenn der Burn-out nicht schneller ist.

Typischer Spruch: "Samstagabend? Tut mir Leid, da trinke ich Tee mit der Queen."

In zehn Jahren: Vorstand bei VW. In dreissig Jahren: Bundeskanzler.

Der Proll - "Auf's Maul, oder was?"

So ist er: Den Proll trifft man selten in der Schule an, denn er verbringt nicht nur seine Freizeit im Fitnessstudio, sondern widmet auch die eine oder andere Unterrichtsstunde der Pflege seines perfekten Körperbaus. Wenn er doch mal auftaucht, unterhält er seine Mitschüler mit Geschichten von der Hantelbank oder wie ihn "so ein übelster Fisch im Bus angestresst und dann halt kassiert hat". Sein Kleiderschrank enthält nur Muskelshirts, Jogginghosen und Lederjacken, welche er stilsicher mit dicken Ketten kombiniert. Stell dich am besten gut mit ihm, denn wenn einer seiner Kumpels Rückendeckung braucht, ist er absolut loyal.

Typischer Spruch: "Und dann ich so zu dem: Auf's Maul, oder was?"

In zehn Jahren: Türsteher oder Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma.

Der Sohn - "Einen Dom Pérignon in die VIP-Lounge, bitte!"

So ist er: Er hat alles von Papa geerbt, inklusive seiner Arroganz - Verzeihung, seinem Selbstbewusstsein und dem vermeintlich guten Aussehen. Sein Leben findet zwischen Tennisstunden, Golfturnieren und stundenlangen Einkäufen in Hilfiger- oder Lacoste-Shops auf der Suche nach einem noch hochwertigeren Polohemd statt. Kein Wunder, dass da keine Energie übrig bleibt, um sich in der Schule hervorzutun. Wozu auch? Papa kümmert sich schon drum, dass er nach dem Abschluss nicht auf der Straße steht. Deswegen nutzt der Sohn den Unterricht lieber, um Party-Fotos vom letzten Wochenende im Szene-Club auf Facebook zu posten.

Typischer Spruch: "Einen Dom Pérignon in die VIP-Lounge, bitte!"

In zehn Jahren: Anwalt in Papas Kanzlei. Manager in Papas Unternehmen. Nachfolger in Papas Praxis. Du verstehst schon.

Die Öko-Tante - "Kaffee?! Das ist das Blut afrikanischer Waisenkinder!"

So ist sie: Die Aufmerksamkeit, die ihr aufgrund ihrer recycelten und deswegen schlammfarbenen Klamotten entgeht, sichert sie sich durch häufige und lautstarke Teilnahme an allen verfügbaren Demos und Kundgebungen. Generell hat die Öko-Tante in ihren eigenen Augen viel zu sagen und sieht es als ihre Pflicht, ihre Mitmenschen zu erleuchten. Wenn du keine Vorträge über die mögliche Wassereinsparung, wenn man nur einmal im Monat duscht, oder über die menschenbedingte Bestandsminderung des gruenus laubus froschus in Zimbabwe hören willst, dann lauf! Und zwar so schnell du kannst, die Öko-Tante ist nämlich sehr ausdauernd, seit sie öffentliche Verkehrsmittel boykottiert und nur noch den Tretroller benutzt.

In zehn Jahren: Sozialpädagogikstudentin oder Teeladenbesitzerin.

Typischer Spruch: "Kaffee?! Das ist das Blut afrikanischer Waisenkinder!"

Die Rampensau - Laut, lustig, unberechenbar

So ist er: Er hat eine außergewöhnlich kurze Aufmerksamkeitsspanne, weswegen jede Schulstunde für ihn aufs Neue eine Herausforderung ist. Das schwere Los, still sitzen zu müssen, erleichtert er sich durch häufige unqualifizierte und deswegen unterhaltsame Äußerungen. Seine offene Art geht Hand in Hand mit seiner Verplantheit, die sich unter anderem in ständigem Zuspätkommen äußert. Dafür hat die Rampensau immer eine plausible Begründung, wie zum Beispiel, dass er auf dem Schulweg von einem Eisbär überfallen wurde oder daheim noch die Hausaufgaben seines Hundes essen musste. Langweilig wird es mit ihm nie, dafür musst du damit rechnen, dass Gegenstände zu Bruch gehen und eure Namen den einen oder anderen Eintrag im Klassenbuch zieren. Das ist es meist aber auch wert.

Typischer Spruch: Keiner. Die Rampensau ist unberechenbar.

In zehn Jahren: Als geborener Entertainer gehört die Rampensau einfach auf die Bühne. Ob als Nachfolger von Stefan Raab oder VIVA-Moderator, aus dem Blick verlieren wirst du ihn definitiv nicht.

Der Hipster - "Das ist sooo 2011!"

So ist er: Im Gegensatz zum Proll macht sich der Hipster nicht viel aus seiner Figur und betont seine dünnen bis kaum vorhandenen Beinchen mit Skinny Jeans. Kein Wunder, denn er ernährt sich ausschließlich von Bionade und Zigaretten. Sollte er doch mal Nahrung zu sich nehmen, versäumt er es nie, davon ein mit Instagram bearbeitetes Foto bei Facebook zu posten. Eine Unterhaltung mit ihm kannst du grundsätzlich nur über WhatsApp führen, denn im echten Leben reißt er seinen Blick nur kurz vom iPhone-Display, um einen ironischen Kommentar abzulassen. Solltest du mal etwas von ihm brauchen, gewinnst du sein Vertrauen am schnellsten durch Komplimente. Geeignete Themen sind beispielsweise, wie "tight, aber doch loose" sein V-Ausschnitt-Shirt ist oder wie besonders gut ihm die Wayfarer-Sonnenbrille steht.

Typischer Spruch: "Das ist sooo 2011!"

In zehn Jahren: Da der Hipster Arbeit im Allgemeinen mainstream findet, lässt er sich von den Eltern den Umzug nach Berlin finanzieren, wo er dann entweder einen mäßig erfolgreichen Blog eröffnet oder sich als mäßig erfolgreicher DJ versucht.

Von Xenia Auerbach (Texte) und Till Hafenbrak (Illustrationen) für das Jugendmagazin "Yaez"

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