Mobbing gegen Achtjährige: Lieber Santa, hilf meiner Schwester

Von

Ryan und Amber, Wunschzettel: "Das ist nicht fair" Zur Großansicht
Tony Posnanski

Ryan und Amber, Wunschzettel: "Das ist nicht fair"

Schon im Herbst schreibt der achtjährige Ryan seinen Wunschzettel an den Weihnachtsmann - doch es geht nicht um Spielzeug. Der Junge bittet nur darum, dass das Mobbing gegen seine übergewichtige Schwester aufhören möge: "Lieber Santa, Gott ist beschäftigt und ich brauche Deine Hilfe."

Wer denkt schon im September an den Weihnachtsmann? Karen S. zum Beispiel. Die alleinerziehende Mutter von achtjährigen Zwillingen muss jeden Dollar umdrehen, um über die Runden zu kommen. Die Mutter aus Rocky Mount im US-Bundesstaat North Carolina spart schon jetzt für die Finanzierung der Weihnachtsgeschenke. Dabei konnte sie nicht ahnen, dass ihr Sohn in diesem Jahr einen besonderen Wunsch auf dem Herzen hatte.

Mutter Karen bat ihre Kinder, Wunschzettel zu schreiben. Doch in dem Brief ihres Sohnes fand sie keine Auflistung von teurem elektronischen Spielzeug, sondern einen Hilferuf für dessen übergewichtige Schwester Amber. Mit vielen Rechtschreibfehlern versehen stand dort in krakeliger Kinderschrift:

"Lieber Santa, meine Mama sagt, ich soll Dir einen Wunschzettel schreiben. Ich wollte mal ein ferngesteuertes Auto und einen Hubschrauber, aber das will ich nicht mehr. Die Kinder in der Schule hänseln Amber und das ist nicht fair, denn sie hat gar nichts gemacht und das macht mich wütend. Ich habe gebetet, damit sie aufhören, doch Gott ist beschäftigt und ich brauche Deine Hilfe. Darfst Du Geschenke auch zu früh verschenken? Kannst Du Big Time Rush dazu bringen, zu Ambers Geburtstagsparty zu kommen? Es würde sie so glücklich machen. Wenn das nicht geht, bring ihr bitte einfach alles, was sie sich wünscht. Danke, Santa. Dein Ryan

PS: Meine Mom macht die besten Geburtstagspartys. Du kannst kommen, wenn du magst.

Zu Hause schwieg die Tochter

Big Time Rush ist eine Band aus einer gleichnamigen Teenie-Fernsehserie, die im Kindersender Nickelodeon ausgestrahlt wird, und Amber ist ein großer Fan der Band. Karen S. war so gerührt über diesen Brief ihres Sohnes, dass sie ihn an Tony Posnanski schickte. Der Autor schildert in seinem Blog "The Anti-Jared" aus seinem Leben als Übergewichtiger und wie er innerhalb eines Jahres 100 Kilo an Gewicht verlor. Posnanski schickte die Geschichte an das Leserportal "iReport" der News-Seite CNN.

"Amber wird in der Schule wegen ihres Gewichts gehänselt. Sie tut nichts, um dagegen anzukämpfen. Wie die meisten Kinder, die gemobbt werden, schluckt sie es hinunter", berichtet Posnanski in dem Leserportal. "Als ich acht Jahre alt war, wog ich selbst 100 Kilo. Ich weiß, wie es ist, in die Schule zu gehen und auf die verletzenden Kommentare der anderen zu warten. Aber mit Menschen wie Ryan, die wahre Schönheit sehen und das Beste für andere Menschen wollen, können die Tyrannen bekämpft werden."

CNN griff die Geschichte auf und kontaktierte die Mutter. "Ich versuche, das Selbstbewusstsein meiner Tochter zu stärken und sage ihr, dass sie schön ist. Die Leute sagen auch zu mir verletzende Dinge, weil auch ich ein Gewichtsproblem habe", sagte Karen S. CNN. "Trotzdem kann ich mir kaum vorstellen, was sie durchmacht." Ihre Tochter habe nie direkt gesagt, dass sie gemobbt werde.

Spendenseite für Amber

Die Mutter erklärte, Amber leide unter ADHS und anderen psychischen Auffälligkeiten. Sie kompensiere negative Gefühle durch Essen und wiege mit 70 Kilo etwa doppelt so viel wie ihr Bruder Ryan. Vor drei Wochen seien Amber und Ryan in die dritte Klasse gekommen und besuchten nun erstmalig eine gemeinsame Klasse. Sohn Ryan berichtete der Mutter, was die Schwester bislang still ertragen hatte: Dass Amber im Unterricht gemobbt werde, dass die Klassenkameraden über sie lachten, wenn sie beim Sport nicht wie ein Bär über den Boden krabbeln könne, und dass sie ihr erzählten, sie sei ein Adoptivkind, weil sie einen dunkleren Teint hat.

Seit die Mutter der achtjährigen Amber um die Angriffe auf ihre Tochter weiß, plagt sie morgens das schlechte Gewissen: "Wenn ich sie jetzt in die Schule schicke, habe ich das Gefühl, ich lasse sie im Stich und beschütze sie nicht", berichtete S. bei CNN.

Die Geschichte über Amber, Ryan und den großherzigen Wunschzettel kursiert seitdem im Netz. Die Grundschule der Geschwister, die Rocky Mount Prep Charter School, veröffentlichte eine Stellungnahme zu dem mittlerweile international bekannt gewordenen Fall auf ihrer Homepage: "Wir nehmen diesen Fall sehr ernst und kümmern uns um die Betroffenen. Wir sind extrem wachsam, um unsere Schüler vor Zwischenfällen wie diesem zu beschützen. Unsere Lehrer und Angestellten sind dazu ausgebildet, mit solchem Verhalten umzugehen. Wir möchten allen Eltern und Schüler versichern dass wir weiterhin alles tun, um eine positive und sichere Lernumgebung zu schaffen."

Obwohl die Familie kein Geld will, richtete Tony Posnanski nach vielen Anfragen eine Webseite ein, auf der Unterstützer für die Familie spenden können. Die Musiker von Big Time Rush werden von Fans einer eigens eingerichteten Facebook-Seite mit Anfragen bombardiert, auf Ambers Geburtstagsparty zu spielen. Vielleicht können sie dem Weihnachtsmann in dieser Sache ja tatsächlich unter die Arme greifen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 85 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
a.w.e.s.o.m.-o 18.09.2013
Es kommt selten vor das ich nach dem Lesen eines Zeitungsartikels erst mal sclucken und tief durchatmen muß...
2. Mobbing und Übergewicht
widower+2 18.09.2013
Dass schon kleine Kinder derartig gemobbt werden, ist unerträglich. Besonders berührend finde ich, wie der kleine Ryan sich für seine Schwester einsetzt. Für starkes Übergewicht gibt es sicherlich viele Ursachen; seien die nun genetisch, hormonell oder wirklich einfach nur zu viel Essen. Die Mutter kann man hier aber nun wirklich nicht vollständig aus der Haftung entlassen. Ob die Kleine nun Frust, ADHS oder sonstwas mit essen kompensiert, ist eigentlich egal. Eine Achtjährige hat in der Regel den Zugang zu Lebensmitteln, den die Eltern ermöglichen. Und hier hätte die Mutter wesentlich früher eingreifen oder Hilfe suchen müssen.
3. optional
nic 18.09.2013
Wäre es nicht besser, er würde diese Bitte an seine Mutter richten, damist diese dafür Sorge trägt, dass seine Schwester etwas weniger übergewichtig ist? Oder ist dieses Übergewicht wegen irgendwelchen Fehlfunktionen des Körpers nicht korrigierbar?
4. Meine ehrliche Meinung dazu?
kaynchill 18.09.2013
Am Mobbing ist hauptsächlich das Lehrpersonal schuld, zumindest in Deutschland. Wenn ich da an meine Schulzeit zurückdenke könnte ich das Kotzen kriegen wenn ich an die Inkompetenz meiner Lehrer erinnert werde. Das einzige was unternommen wurde war ein jährlicher Mobbing-Präventions-Termin an dem gemobbte Personen vor der ganzen Klasse geoutet werden MUSSTEN. Weil man danm damit ja besser umgehen könne. Jeder Vollidiot darf Lehramt studieren. Die Lehrer können auf ihrem Lehrgebiet vergleichbar mit Einstein sein. Leider vermittelt das Lehramtsstudium immer noch nicht ansatzweise einen angemessenen Umgang mit den Schülern. Hauptsache die Schüler können etwas von der Tafel abschreiben, wie es ihnen geht oder ob sie sich wohlfühlen interessiert kein Schwein.
5.
moen2 18.09.2013
Zitat von sysopweil ein Achtjähriger sowas schreibt. Wer glaubt, dass das nicht ein kalkulierter Versuch ist, etwas "viral" zu machen, schreibt sicher noch Briefe an den Nikolaus. Und selbst wenn diese rührende Geschichte stimmen würde, was hat sie auf einer Nachrichtenseite zu suchen?
Um Menschen wie Ihnen ein häufig unbekanntes Konzept näher zubringen: Empathie
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles zum Thema Mobbing
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 85 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Schülerlästereien im Netz: Mit Mangas gegen den Schmerz

Cybermobbing unter Jugendlichen
Was ist das?
Wenn jemand einen anderen Menschen absichtlich und über längere Zeit beleidigt, bedroht, bloßstellt oder belästigt, und wenn das im Internet oder per Handy geschieht, spricht man von Cybermobbing. Gerade unter Kindern und Jugendlichen kennen sich Opfer und Täter meist aus Schule, Verein oder Wohnviertel. Cybermobbing zwischen Personen, die sich noch nie gesehen haben, ist sehr selten.
Wie entsteht es?
Spannungen in der Klasse verlagern sich oft ins Internet, wo unbeliebte Schüler dann verspottet und belästigt werden. Manchmal brechen auch Freundschaften auseinander und ehemals gute Freunde tragen ihren Konflikt im Netz aus. In manchen Gruppen gehört es zum alltäglichen Umgang, sich gegenseitig herunterzumachen. Cybermobbing kann aber auch aus Unachtsamkeit oder Langeweile entstehen. Oft ist Jugendlichen nicht bewusst, wie verletzend ein flapsiger Kommentar sein kann.
Wie erkennt man es?
Opfer von Cybermobbing sind oft bedrückt, ungewöhnlich schweigsam oder angespannt. Viele können schlecht schlafen und haben morgens vor der Schule Schmerzen oder andere Beschwerden. Sie werden selten zu Geburtstagen oder Partys eingeladen und wollen lieber von ihren Eltern angeholt werden, statt mit dem Schulbus zu fahren. Wenn man sie darauf anspricht, spielen Jugendliche ihre Situation vor Erwachsenen oft herunter.
Wie schützt man sich?
Gebt möglichst wenige persönliche Daten im Internet preis, ladet möglichst wenige Bilder und Videos von euch hoch und macht niemals eure vollständige Adresse oder Handynummer öffentlich. Überprüft eure Sicherheitseinstellungen und gebt euren Privatbereich nicht für jeden frei.
Wie kann man sich wehren?
Nehmt beleidigende E-Mails, Bilder oder Posts nicht einfach hin, aber antwortet auch nicht direkt darauf. Fragt lieber zuerst eure Eltern, einen Lehrer oder einen guten Freund, wie ihr damit umgehen sollt. Redet mit Menschen an, denen ihr vertraut, und fresst den Ärger nicht in euch hinein. Speichert SMS oder E-Mails und macht Screenshots von Seiten, auf denen ihr beleidigt werdet. Sperrt Leute, die euch belästigen du meldet Kommentare an den Betreiber der Webseite. Geht in besonders ernsten Fällen zur Polizei und erstattet Anzeige.
Was droht den Tätern?
Cybermobbing ist kein Staftatbestand, aber in Cybermobbing vereinigen sich einzelne Straftaten. Dazu gehören zum Beispiel Beleidigung, üble Nachrede, Verleumdung, Nötigung, Bedrohung oder Gewaltdarstellung. Alle diese Vergehen können mit bis zu einem Jahr im Gefängnis bestraft werden, in manchen Fällen sogar härter. Kinder unter 14 Jahren sind grundsätzlich strafunmündig. Bei Jugendlichen steht nicht die Bestrafung, sondern der Erziehungsgedanke im Vordergrund. In Betracht kommen deshalb in erster Linie erzieherische Weisungen und Auflagen im Sinne des Jugendstrafrechts.

Quellen: www.klicksafe.de, www.polizei-beratung.de

Fotostrecke
Netz-Polizei: Diese Seiten helfen bei Cybermobbing

Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...