Mobbing im Internet: Share dich fort!

Von

"Am schlimmsten ist, dass man nicht weiß, wer geschrieben hat" - Schüler als Opfer

Gemobbte Schüler: Wer steckt dahinter? Zur Großansicht
Corbis

Gemobbte Schüler: Wer steckt dahinter?

Schüler als Opfer

"Ich geh' nicht auf die Seite", sagt eine Elftklässlerin, die Selbstgedrehte in der Hand, über iShareGossip. Als ein Mitschüler sagt, er habe nur mal geguckt, herrscht ihn das Mädchen an: "Damit hast du sie unterstützt." Denn sie weiß, dass für das Geschäftsmodell der Seite jeder Klick zählt.

Es scheint, als nehme mit zunehmendem Alter die Macht ab, die Schüler der Pöbelplattform geben. Es sind vor allem jüngere Schüler, die Schauergeschichten erzählen, über die sie im Netz gelesen oder von denen sie auf dem Schulhof gehört haben."Ein Junge hat sich umgebracht, weil dort was über ihn stand", sagt ein Siebtklässler. Manche glauben auch, dass aus ihrem Gymnasium eine Realschule gemacht werden soll, weil sich zu viele Beleidigungen im Netz finden, die ihrer Schule zugeordnet werden können.

Unter den älteren Schülern dominiert die Haltung: Ist mir egal. Doch einige leiden still. Auch ältere Mädchen verletzt es, wenn sie im Netz lesen, dass sie mit ihrem Freund angeblich alle Stellungen im Bett durch haben. Das Perfide: Die Opfer solcher Einträge schauen immer wieder auf die Seite; in der Freistunde laden sie sich neue Beleidigungen auf ihr Handy; es fällt ihnen schwer, abzuschalten.

Oft jedoch schmerzt nicht so sehr die Beleidigung selbst. "Am schlimmsten ist, dass man nicht weiß, wer geschrieben hat", sagt ein Mädchen. Ist es die beste Freundin, die im Verborgenen ihren Frust rauslässt? Ist es der sportliche Junge, der in Physik hinter mir sitzt?

Selbst nach einem Schulwechsel hört es nicht auf. Drei Siebtklässlerinnen, über die online gelästert wurde, fanden schließlich heraus, dass eine ehemalige Mitschülerin dahintersteckte, die das Probehalbjahr nicht geschafft hatte. Sie erkannten sie daran, dass sie Groß- und Kleinbuchstaben wild mixte, das kannten sie aus Chats mit ihr. Bei iShareGossip wollten die drei jedoch nichts erwidern: "Das macht es nur schlimmer", sagt eine.

Viele Schüler wehren sich mittlerweile anders. Sie fluten die Pöbelplattform mit Quatscheinträgen, kopieren etwa Wikipedia-Artikel und posten sie bei iShareGossip. Zwischen 300 Kommentaren mit Auszügen aus der Bandbiografie von Thin Lizzy fallen die "Schwuchtel"- und "Schlampen"-Einträge weniger auf, das ist die Idee. An einigen Berliner Schulen rufen die Schülervertreter zu solchen Aktionen auf, sammeln Unterschriften gegen Cybermobbing. Ein Schüler erzählt, es gebe gezielte Versuche, die Seite zu überlasten.

Noch ist sie online.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 38 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Quatsch
IsArenas 25.03.2011
---Zitat von SPON-Artikel--- Das Perfide: Die Opfer solcher Einträge schauen immer wieder auf die Seite; in der Freistunde laden sie sich neue Beleidigungen auf ihr Handy; es fällt ihnen schwer, abzuschalten. ---Zitatende--- Das ist nicht das "Perfide", hier liegt die Loesung: einfach NICHT die Seite anschauen. Und: nur wirklich einfaeltige Menschen finden es auf Dauer interessant, wenn jeder einfach poebeln darf - echtes Mobbing laeuft viel subtiler!
2. Narzissmus
zx6 25.03.2011
Zitat von sysopSie beleidigen, sie drohen, sie treiben Mitschüler und Lehrer in die Verzweiflung: Jugendliche pöbeln auf der anonymen Lästerseite iShareGossip in bisher ungekanntem Ausmaß. SPIEGEL ONLINE zeigt, wie Cybermobbing den Schulalltag verändert - und wie die Gegenwehr aussieht. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,753034,00.html
Der Grad, in dem solche Lästerplattformen Einfluß auf unser Leben haben, steht und fällt mit dem Grad an Narzissmus, den wir uns zugestehen. Mein Eindruck ist, daß das Maß, in dem wir erwarten, toll gefunden zu werden, in den letzten Jahrzehnten stark steigt. In der Erziehung wird gefordert, daß jemand nur dann ein starker Mensch werden kann, wenn ihm dauernd das Gefühl vermittelt wird, daß er toll ist. Im täglichen Umgang werden nicht wertschätzende Worte schnell als "verbale Gewalt" geächtet und die Mode suggeriert uns, daß einen die ganze Welt toll findet, wenn man nur die neueste Röhrenjeans von H&M hat. Je höher also der gesellschaftliche akzeptierte Narzissmus, desto tiefer fällt der Einzelne, wenn den mal jemand nicht bedient. Wer den Anspruch an die Welt hat, daß er toll gefunden wird, der kauft das mit ein. Wir sollten uns selbst eingestehen, daß wir nicht den Anspruch darauf haben, von allen toll gefunden zu werden. Everybody's darling is everybody's depp. zx6
3. Boykottaufruf
HansGusto 25.03.2011
Wenn das so schlimm ist, warum macht Spiegel Online dann die ganze Woche mit immer wieder neuen Hauptartikeln Werbung für die Seite? Gehirn einschalten, Schreibmaschine ausschalten.
4. gegen titelzwang!
klowasser 25.03.2011
Zitat von sysopSie beleidigen, sie drohen, sie treiben Mitschüler und Lehrer in die Verzweiflung: Jugendliche pöbeln auf der anonymen Lästerseite iShareGossip in bisher ungekanntem Ausmaß. SPIEGEL ONLINE zeigt, wie Cybermobbing den Schulalltag verändert - und wie die Gegenwehr aussieht. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,753034,00.html
Ist an sich nichts Neues. Über mich wurde ne Zeit lang gesagt, ich würde jeden Tag einen durchziehen. Aber was scherte es mich? Meine echten Freunde hatte ich ohnehin außerhalb der Schule...auf der Arbeit hat man ja normalerweise auch keine Freunde.
5. Hinschauen! Und zwar ganz genau!
infoseek 25.03.2011
Welche Geister auf isharegossip.com unterwegs sind, wird sehr anschaulich hier belegt: http://calimerosrumpelkammer.blogspot.com/2011/03/gehoren-kloturen-jetzt-verboten.html Im Gegensatz zu den Mainstreammedien, die nicht auf die Hintergründe eingehen, sondern sehr oberflächlich und uninformiert berichten, werden hier Fakten belegt und Roß und Reiter genannt. Und das ist ausgesprochen aufschlussreich. Nach dieser Lektüre kann keiner mehr behaupten, das Problem sei das Internet. Denn die "wallah meine Ehre isch fick disch un deine mudda un dein onkel und dein schwester ist fickschlampe"-Kids bringt nicht das Internet hervor, sondern die generiert das reale Leben, und dort mobben und prügeln sie auch schon lange ohne Maß und Ziel. Diese Kids sind sprachlich, emotional und intellektuell komplett entgleist - und es werden immer mehr. Da ist die Baustelle, und sonst nirgends. Wenn jetzt wieder nach Indizierung, Verboten, Stoppschildern etc. gerufen wird, zeigt das nur eins: Die Gesellschaft (Lehrer, Eltern, Polizei etc.) samt der zugehörigen Medien haben vor dem eigentlichen Problem längst kapituliert. Solange dieser Zustand des Ignorierens, Verdrängens und Schönredens anhält, wird auch ein Totalverbot des Internets kein Jota ändern. Leider scheint man auch beim SPIEGEL (SPON) das noch nicht ganz erkannt zu haben.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles zum Thema Internet
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 38 Kommentare
Fotostrecke
Tipps im Netz: Hilfe gegen Online-Mobbing

Briefwechsel

In der Schule fand Charlotte ihren Lehrer Herrn Bode ganz toll, doch als Studentin fühlt sie sich im Uni-Alltag überfordert - und wirft ihrem Ex-Lehrer in einem offenen Brief grobe Fehler vor.


Social Networks