Von Oliver Trenkamp
Schüler als Opfer
"Ich geh' nicht auf die Seite", sagt eine Elftklässlerin, die Selbstgedrehte in der Hand, über iShareGossip. Als ein Mitschüler sagt, er habe nur mal geguckt, herrscht ihn das Mädchen an: "Damit hast du sie unterstützt." Denn sie weiß, dass für das Geschäftsmodell der Seite jeder Klick zählt.
Es scheint, als nehme mit zunehmendem Alter die Macht ab, die Schüler der Pöbelplattform geben. Es sind vor allem jüngere Schüler, die Schauergeschichten erzählen, über die sie im Netz gelesen oder von denen sie auf dem Schulhof gehört haben."Ein Junge hat sich umgebracht, weil dort was über ihn stand", sagt ein Siebtklässler. Manche glauben auch, dass aus ihrem Gymnasium eine Realschule gemacht werden soll, weil sich zu viele Beleidigungen im Netz finden, die ihrer Schule zugeordnet werden können.
Unter den älteren Schülern dominiert die Haltung: Ist mir egal. Doch einige leiden still. Auch ältere Mädchen verletzt es, wenn sie im Netz lesen, dass sie mit ihrem Freund angeblich alle Stellungen im Bett durch haben. Das Perfide: Die Opfer solcher Einträge schauen immer wieder auf die Seite; in der Freistunde laden sie sich neue Beleidigungen auf ihr Handy; es fällt ihnen schwer, abzuschalten.
Oft jedoch schmerzt nicht so sehr die Beleidigung selbst. "Am schlimmsten ist, dass man nicht weiß, wer geschrieben hat", sagt ein Mädchen. Ist es die beste Freundin, die im Verborgenen ihren Frust rauslässt? Ist es der sportliche Junge, der in Physik hinter mir sitzt?
Selbst nach einem Schulwechsel hört es nicht auf. Drei Siebtklässlerinnen, über die online gelästert wurde, fanden schließlich heraus, dass eine ehemalige Mitschülerin dahintersteckte, die das Probehalbjahr nicht geschafft hatte. Sie erkannten sie daran, dass sie Groß- und Kleinbuchstaben wild mixte, das kannten sie aus Chats mit ihr. Bei iShareGossip wollten die drei jedoch nichts erwidern: "Das macht es nur schlimmer", sagt eine.
Viele Schüler wehren sich mittlerweile anders. Sie fluten die Pöbelplattform mit Quatscheinträgen, kopieren etwa Wikipedia-Artikel und posten sie bei iShareGossip. Zwischen 300 Kommentaren mit Auszügen aus der Bandbiografie von Thin Lizzy fallen die "Schwuchtel"- und "Schlampen"-Einträge weniger auf, das ist die Idee. An einigen Berliner Schulen rufen die Schülervertreter zu solchen Aktionen auf, sammeln Unterschriften gegen Cybermobbing. Ein Schüler erzählt, es gebe gezielte Versuche, die Seite zu überlasten.
Noch ist sie online.
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