Von Oliver Trenkamp
Lehrer als Opfer
Ihr Image schätzt sie ziemlich realistisch ein: "Wir meckern am Tag so viele Leute an", sagt die Ethiklehrerin, "da ist es klar, dass die Schüler uns nicht lieben." Die Niedertracht und Gemeinheit der Worte, die sie über sich bei iShareGossip las, überraschte sie dann aber doch. Dass sie einen dicken Hintern habe, wisse sie ja selbst; sie wolle das jedoch nicht im Internet verewigt wissen - schon gar nicht so derb, wie es dort formuliert war.
Von dem Eintrag erfuhr sie an einem Mittwoch im Februar, der stellvertretende Schulleiter rief sie ins Büro und zeigte ihn ihr. "Da geht man am nächsten Tag mit gemischten Gefühlen zur Arbeit", sagt sie. Der "Tagesspiegel" berichtete sogar von Lehrern anderer Schulen, die die Klasse gewechselt hätten oder sich krankschreiben ließen, weil ihnen die Beleidigungen so nahe gehen.
Die Lehrerin hatte jetzt zwei Aufgaben zu lösen: einerseits die eigene Souveränität bewahren, sich nicht verunsichern lassen, andererseits das Problem angehen - als Ethiklehrerin gehört das Thema Cybermobbing zu ihrem Job.
Sie entschied sich gemeinsam mit der Schulleitung für die Offensive: Sie erstattete Anzeige und sprach das Thema im Unterricht an, immer mit dem Hinweis, dass auch die Polizei ermittelt. Einigen Schülern sei erst dann klargeworden, dass auch die Lehrer alle Einträge lesen könnten, sagt sie.
Eine Schülerin kam nach der Stunde zu ihr, entschuldigte sich für den beleidigenden Eintrag über die Lehrerin. Ein stilles Mädchen, es trägt Kopftuch, ist selbst etwas pummelig. "Da war ich perplex", sagt die Lehrerin. Es deckt sich mit Beobachtungen von Soziologen, die zum Thema Mobbing forschen: Opfer aus der Schule werden manchmal zu Tätern im Netz. Die Anzeige gegen das Mädchen zog die Lehrerin nicht zurück: "Wir wollen ein Signal setzen." Mehr hat das Mädchen allerdings nicht zu fürchten, es ist noch keine 14 Jahre alt und damit nicht strafmündig.
Die Lehrerin kontrolliert jetzt alle zwei Tage, ob sie bei iShareGossip neue Einträge findet. Es gehe ihr nicht um sich, sondern darum, die Schüler zu schützen. Gerade ist ihr ein Achtklässler aufgefallen, der im Unterricht immer stiller wurde. Im Netz steht, er sei dumm.
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