Von Oliver Trenkamp
Sie geben sich abgeklärt, die drei Mädchen aus der siebten Klasse, trotz der Beleidigungen. Vor knapp drei Wochen haben sie entdeckt, was ihre Mitschüler über sie geschrieben haben, anonym, im Internet. "Schlampe" steht da über eine von ihnen, über die andere heißt es: "Jeder hasst sie."
Bis dahin kannten sie die Internetseite nicht, von der in der Schule gesprochen wurde. Gemeinsam gingen sie nach Hause, setzten sich an den Laptop und steuerten www.isharegossip.com an. Wie haben sie sich gefühlt, als sie die Einträge entdeckten? Kaputtgelacht habe sie sich, sagt eine, "weil ich wusste, dass es nicht stimmt, was da steht".
Aber es hat ihnen auch keine Ruhe gelassen. "Ein komisches Gefühl", sei es gewesen, den eigenen Namen und all die Ausdrücke im Netz zu lesen, sagt eine.
Kaum eine Internetseite hat Schüler, Eltern und Lehrer so verunsichert wie iShareGossip; eine Seite, die offensiv damit wirbt, dass Einträge angeblich nicht zurückverfolgt werden können. Zwar lästern Schüler schon seit Jahren online. Sie laden Videos hoch, auf denen zu sehen ist, wie sie laut rülpsend die Biolehrerin zur Verzweiflung treiben und wie sie in der BWL-Stunde durch die Klasse tanzen. Sie posten Fotos, die den Trunkenheitspegel auf der letzten Party dokumentieren. Und auch der Ton in manchen Foren und sozialen Netzwerken ist manchmal ziemlich rau. Das alles ist nicht neu.
Wie Online-Pöbeleien im echten Leben eskalierten
Doch bei iShareGossip fallen sämtliche Schamgrenzen. In Einträgen werden Jungen bloßgestellt, die angeblich in der Umkleidekabine onanieren. Mädchen lesen über sich, mit wie vielen Jungen sie angeblich schon Sex hatten und in welcher Variante sie ihn am liebsten praktizieren. Und vor den Namen von Lehrern finden sich häufig Wörter wie "Schwuchtel" und "Schlampe". Bis vor wenigen Jahren stand so etwas nur auf den Kacheln des Schulklos, und der Hausmeister wischte es irgendwann mit Chemiereiniger weg.
Jetzt steht es im Netz und verschwindet nicht mehr. Auf der Plattform lassen sich die Schulen direkt ansteuern, so dass die Nachrichten ihre Adressaten auch erreichen. Die Verfasser müssen sich nicht registrieren, sie vertrauen darauf, unerkannt zu bleiben - so wie es die Betreiber der Seite versprechen.
Besonders aktiv beteiligen sich Gymnasiasten an den Pöbeleien, vor allem in Berlin - und hier eskalierten sie bereits mehrfach: An zwei Gymnasien blieben die Klassenräume für einen Tag leer, nachdem jemand auf der Plattform Amoklaufdrohungen gepostet hatte. Am vergangenen Wochenende wurde ein 17-Jähriger von 20 Jugendlichen zusammengeschlagen, nachdem er die Online-Peiniger seiner Freundin zur Rede gestellt hatte.
Solche Fälle schaffen es in die Schlagzeilen. Doch unbeachtet bleiben all die Demütigungen, die im Verborgenen stattfinden, die langsam den Alltag an den Schulen verändern. Was macht es mit einer Schule, wenn es dazugehört, auf dem Mobiltelefon in der Pause zu checken, ob sich wieder jemand etwas Gemeines hat einfallen lassen? Wenn sich Schüler und Lehrer Fragen stellen wie: Wer hat das über mich geschrieben? Wem kann ich trauen? Was kommt da noch? Und was kann ich dagegen tun?
An einem Berliner Innenstadt-Gymnasium lässt sich zeigen, wie Lehrer ihre Schüler schützen wollen und manchmal selbst zu Opfern werden, wie Schüler Widerstand gegen Mobber mobilisieren und wie weh es tut, wenn Unbekannte über einen lästern.
Lehrer, Schüler und Schulleitung wollen anonym bleiben; nur so sprechen sie offen über ihre Ängste, Wünsche und Gedanken. Es ist eine ziemlich normale Schule in einer ziemlich normalen Gegend. Es gibt in etwa so viele Bioläden wie Handyshops in der Nähe, etwas mehr Billigfriseure als Buchläden. Etwas mehr als die Hälfte der Schüler hat Eltern, die aus der Türkei stammen, aus dem Libanon, aus Polen, Russland oder Vietnam. Auch die drei Mädchen, die sich so gelassen geben über die Online-Lästereien, gehen auf diese Schule.
Ein Besuch.
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