Moskau: Stadt der Widersprüche

Sieben Redakteure der Schülerzeitung "Spongo", Gesamtsieger beim SZ-Wettbewerb 2005/2006, wurden im November letzten Jahres für eine Woche in die Redaktionsvertretung des SPIEGEL nach Moskau eingeladen. SPIEGEL-Korrespondent Uwe Klußmann gab den Jungredakteuren Einblicke in die beeindruckende Stadt. Von Matthias Eberspächer

Die ersten Schneeflocken überzuckern die Straßen Moskaus, junge Frauen tragen Stiefel und kurze Röcke. Recht warm sei es noch für Anfang November, sagen echte Moskauer. Der eisige Wind am Flughafen fühlt sich anders an. Kyrillische Schriftzeichen, russische Sprache, Warteschlangen, reservierte Gesichter, überarbeitete Beamte und strenge Polizisten. Erster Eindruck: fremde Welt.

Straßenverkehr bei Nacht – In Moskau zur Ruhe kommen, ein Ding der Unmöglichkeit
Matthias Eberspächer

Straßenverkehr bei Nacht – In Moskau zur Ruhe kommen, ein Ding der Unmöglichkeit

Auf der Stadtautobahn reihen sich die Rücklichter schmutzergrauter Autos aneinander, es geht nicht voran. Ein Lastwagenreifen dreht neben dem Taxi bedrohlich klapperig seine Runden, alte Ladas tuckern vor sich hin, Limousinen überholen rechts und hupen. Stop-and-go-Verkehr in Moskau. Das Warten zehrt an den Nerven. Zwei Stunden in der Schlange für die Passkontrolle, eine Stunde Fahrt in die Innenstadt.

In Moskau zur Ruhe kommen, ein Ding der Unmöglichkeit. Wo nach offiziellen Angaben zehn Millionen Menschen leben, tummeln sich tatsächlich wohl rund zwölf Millionen Menschen. Sie teilen sich eine Fläche, die kaum größer ist als Berlin. Hier geht es schneller und geschäftiger zu als in deutschen Großstädten. Bis spät in die Nacht schieben sich Menschenströme durch die Straßen. In den warmen Hallen und Gängen der Metrobahnhöfe treffen sich viele junge Moskauer, bevor sie ausgehen. Mindestens alle zwei Minuten fahren die Metros in die teils prunkvollen Marmorbahnhöfe, Relikte aus Stalinzeiten, ein. Leute raus, Leute rein, Türen zu und nach wenigen Sekunden fahren sie wieder ab. Bis zu neun Millionen Menschen werden so täglich abgefertigt. In der Metro, auf den Gehsteigen, auf den Straßen, im Moskauer Leben gilt eines: ohne Ellenbogen geht es nicht.

In Moskau konzentrieren sich 80 Prozent des Finanzpotenzials des Landes, an jeder Ecke gibt es eine Bank. Der Rubel rollt, die Stadt ist teuer. Wechselstuben gibt es in den meisten größeren Straßen, nachts haben aber nur wenige geöffnet. Der erste Abend in der Stadt: in einer sehr belebten Einkaufsstraße weist ein kleines Schild mit der Aufschrift „Change" den Weg in einen schäbigen Flur. An dessen Ende eine Eisentüre mit einer Klingel. In die kleine Kabine passen höchstens zwei Leute. Die Tür muss geschlossen werden. Ein Mann mit düsterem Blick nimmt die Euros entgegen, zählt auf Russisch das gewechselte Geld und reicht es uns. Tagsüber bei größeren Banken Geld zu wechseln gestaltet sich als weniger abenteuerlich.

Ein Supermarkt in der Innenstadt – Kapitalismus und Kommunismus existieren in Moskau nebeneinander
Gabriel Rausch

Ein Supermarkt in der Innenstadt – Kapitalismus und Kommunismus existieren in Moskau nebeneinander

Es ist schon dunkel und bitter kalt, als wir uns auf die Suche nach einem Supermarkt begeben. In einem Schaufenster stehen Schuhe und Taschen, die mehr als 4000 Euro kosten. Edelkarossen parken vor den Luxusboutiquen. Die Autos zwängen sich hupend durch die Straßen. Vor einem der wenigen Supermärkte steht ein bettelnder Junge. Am Straßenrand der Einkaufsstraßen sitzen immer wieder alte Babuschkas und jammern. Die Lebensmittel im Supermarkt stehen in verschnörkelten Holzregalen, die hellen Wände haben Fenster mit Rundbögen, überall funkeln goldene Verzierungen.

Außer Fastfood findet man hier kaum Essen für den Studentengeldbeutel. Einzig das Restaurant Jolki Palki am Puschkin-Platz mit gutem und billigem Essen war ein guter Tipp. Ein einziges Mal haben wir dort gegessen. Als wir am nächsten Morgen vorbeilaufen, wird gerade das Firmenschild von der Wand gerissen und die Inneneinrichtung ausgebaut. Das Restaurant muss weichen, wahrscheinlich zahlt ein Investor mehr Miete als die Restaurantkette.

Andrej Batrak ist Dolmetscher und arbeitet für die Redaktionsvertretung des SPIEGEL in Moskau. Als sachkundiger Historiker führt er uns durch das Historische Museum. „In Moskau kann man nicht leben. Die Stadt ist für zwei Millionen Menschen ausgelegt", meint er. Zum Arbeiten fährt er lieber 30 Kilometer in die Stadt, als dort zu wohnen. Beim Landeanflug auf den Flughafen Scheremetjewo im Norden der russischen Metropole fliegt man über kleine Siedlungen aus Backsteinhäusern und Holzhütten. Hierhin, in die Datschen, flüchten sich viele Moskauer an Wochenenden und in den Ferien. Viele verlegen wie der Dolmetscher Batrak gar ihren Wohnsitz hinter die Stadtgrenzen. Auch Wladimir Putin pendelt zwischen Kreml und seinem Wohnsitz außerhalb Moskaus. Mit Blaulicht und Eskorte rast er dann über die Autobahn. Nur wer viel Geld hat, kann sich eine freie Bahn und Blaulicht auf dem Dach erkaufen, Lizenzen dafür haben die wenigsten.

Um als Student an der Moskauer Universität zugelassen zu werden, muss man ordentlich schmieren, erzählt der SPIEGEL-Korrespondent Uwe Klußmann. Mit einer Tasse Kaffee, in Wollpulli und Jeans sitzt er am Konferenztisch der Redaktionsvertretung des Nachrichtenmagazins. Er ist schon seit acht Jahren in Moskau, mit einer Russin verheiratet und spricht fließend Russisch. Gemeinsam mit uns will er einen Oppositionspolitiker aus der Staatsduma – der ersten Kammer des Parlaments – interviewen.

„Kein Bewusstsein für Demokratie"

„Lupenreiner Demokrat? Für diese Aussage muss Putin Gerhard Schröder wohl eine Menge Geld gezahlt haben", sagt Wladimir Ryschkow. Er ist um die 40 Jahre alt, einer von fünf oppositionellen Abgeordneten in der Staatsduma. Er sitzt uns in einem schlichten grauen Anzug gegenüber. „Die russische Bevölkerung hat für Demokratie kein richtiges Bewusstsein. Nach den demokratischen Ansätzen Gorbatschows ist Russland unter Putin wieder ein autoritär regiertes Land geworden."

Bei den nächsten Dumawahlen wird es außer den Kommunisten keine oppositionellen Abgeordneten mehr geben, prophezeit Ryschkow. Putin hat dafür gesorgt: die Fünf-Prozent-Klausel wurde zu einer Sieben-Prozent-Hürde erweitert, die keine oppositionelle Partei überspringen kann. Direktkandidaten wie Ryschkow können nicht mehr gewählt werden. Jetzt gibt es nur noch Parteilisten. „Das nenne ich Putins Dresdner System, es erinnert an die DDR, wo sich die SED ein gelenktes Mehrparteiensystem organisierte", meint Ryschkow. Der Präsident habe ein Regime errichtet, das der Zarenmacht ähnele. Beide Kammern des Parlaments sind ihm hörig. „Und das vom Kreml gelenkte Staatsfernsehen sorgt dafür, dass Kritiker nicht zu Wort kommen."

Beim Staatsfernsehen in Moskau – Ziel ist es, der breiten Masse die Regierungsbeschlüsse zu erklären
Matthias Eberspächer

Beim Staatsfernsehen in Moskau – Ziel ist es, der breiten Masse die Regierungsbeschlüsse zu erklären

Das Hauptgebäude des ersten staatlichen Fernsehkanals befindet sich direkt neben dem Moskauer Fernsehturm. Das Gebäude wirkt von innen teils baufällig, man hat es schnell hochgezogen. Der Redaktionsleiter der Sendung „Drugije Nowosti", was so viel wie „Andere Nachrichten" heißt, Michail Grinkow, führt uns durch enge Gänge in das Redaktionszimmer seiner Sendung. Zwischen Tür und Angel beantwortet er unsere Fragen. Immer wieder hetzen seine Mitarbeiter mit Videokassetten in den Händen vorbei. Zu empfangen ist das Erste Fernsehen in ganz Russland. Für manche Russen, die in Abgeschiedenheit leben, ist das Fernsehen die einzige Informationsquelle. „Unsere Aufgabe ist, der breiten Masse die Beschlüsse unserer Regierung verständlich zu erklären, nicht die Beschlüsse kritisch zu hinterfragen", so beschreibt Grinkow die Aufgabe eines Journalisten. Mit dem Aufzug fahren wir eine Ebene nach oben zu den Fernsehstudios. Grinkows Sendung wird hier aufgezeichnet und

dann live übertragen. Politik spielt in den „Anderen Nachrichten" keine große Rolle, sie bringen Softnews, „nahe am Leben". Der Redaktionsleiter hat nicht viel Zeit, nachdem die Sendung vorüber ist, gehen wir. Als wir unsere Jacken abholen, sehen wir an einem Türrahmen ein kleines Schild kleben. Darauf eine Zeichnung, die Putin mit einem erhobenen Zeigefinger zeigt: „Ich sehe, wie ihr arbeitet!"

Angst unter Regierungskritikern wächst

Kritische Medien gibt es in Russland nur wenige, und die couragierten Journalisten haben es hier nicht einfach. Nach dem Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja, die sich durch kritische Berichterstattung auszeichnete, am 7. Oktober 2006 ist die Angst unter Regierungskritikern noch gewachsen. „Wir haben alle Angst", sagt Wladimir Ryshkow. Er ist selbst Autor der „Nowaja Gaseta", für die Politkowskaja schrieb. „Es gab Versuche Kreml-konformer Abgeordneter, in der Ethik-Kommission der Duma meine Kolumnen als Beleidigung von Ehre und Würde darzustellen", erzählt Ryschkow.

Mit ähnlichen Problemen hat Valeriy Jakov zu kämpfen. Er ist Chefredakteur einer der wenigen kritischen Zeitungen Russlands, der „Nowije Iswestija", den „Neuen Nachrichten". Als wir in sein Büro geführt werden, sitzt er in einem braunen Ledersessel, seine Augen sind glasig und leer. „In Russland währt nichts ewig, auch Stalin wurde gestürzt. Irgendwann wird es Pressefreiheit geben, da bin ich Optimist."

Erst zuletzt bekam er zu spüren, wie man gegen Regierungskritiker vorgeht: Das Gesundheitsministerium durchsuchte eineinhalb Monate lang die Redaktion und beanstandete dort die Arbeitsverhälnisse. Zuvor kritisierte die „Nowije Iswestija" den russischen Gesundheitsminister. „Wir mussten für jeden Mitarbeiter Fußstützen kaufen, die nicht einmal bequem sind", erzählt der Chefredakteur Jakov. Für die Zukunft seines Blatts hat Jakov ein bescheidenes Ziel : „Wir wollen weiterhin objektiv und kritisch informieren!" Eine kritische Bevölkerung, die Schikanen der Regierung anprangert, vermisst Jakov: „Dem Volk ist das Geschehen gleichgültig. Das sieht man auch an der geringen Anteilnahme bei der Beerdigung Politkowskajas."

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