Nach dem Hungerstreik: Dorf zahlt Kopfgeld für neue Schüler

Von Leon Stebe

Das Ultimatum läuft Freitag ab. Melden sich nicht genug Schüler an einer Brandenburger Dorfschule an, droht die Schließung. Erst protestierten Eltern per Hungerstreik, jetzt ködern sie neue Schüler mit Extra-Taschengeld. Doch die ungewöhnliche Aktion ist nur ein Vorbote - Schülerschwund gefährdet viele ostdeutsche Zwergschulen.

Heckelberg-Brunow - Es fehlen nur noch drei Schüler. Melden sie sich bis Freitag bei der Direktorin der Grund- und Gesamtschule in Heckelberg-Brunow - dann ist das Ziel erreicht. Dann wird es an der Dorfschule im Osten Brandenburgs auch im kommenden Jahr wieder zwei siebte Klassen geben. Kommen die drei Schüler nicht, sieht es schlecht aus: Dann droht der Schule langfristig die Schließung.

Eltern im Hungerstreik: Kampf für den Erhalt der Schule
DPA

Eltern im Hungerstreik: Kampf für den Erhalt der Schule

Und dagegen kämpfen seit Wochen die Eltern - mit unkonventionellen Mitteln. Sie traten in einen Hungerstreik. Tagelang harrten vier Mütter und ein Vater auf Camping-Liegen und Luftmatratzen in der Schule ihrer Kinder aus, um das Ende der Klassenstufe 7 zu verhindern.

Gebracht hat die Aktion wenig, nur eine Verlängerung der Anmeldefrist. Die kam vom Bildungsminister des Landes, Steffen Reiche, persönlich. Mit dieser Galgenfrist soll die Schule noch einmal Gelegenheit bekommen, die drei fehlenden Schüler aufzutreiben. Eine Vorschrift besagt, dass mindestens 40 Anmeldungen vorliegen müssen, damit die siebten Klassen eingerichtet werden können. Bislang sind es 37. Bleibt es dabei, müssen diese Schüler künftig rund 50 Kilometer zu ihrer Schule fahren. Das wollen die Eltern mit allen Mitteln verhindern.

"Das ist Beamten-BSE!"

Sie kamen jetzt auf eine ungewöhnliche Idee. Die Eltern haben für jeden Jugendlichen, der sich anmeldet, eine Art Kopfgeld ausgesetzt - oder freundlicher ausgedrückt: Sie bieten ein Taschengeld an. Und das nicht zu knapp. Jeder Schüler, der sich bis Freitagmorgen freiwillig meldet, bekommt zehn Euro pro Woche.

Wilfried Kahrs: Stiftet das Taschengeld für neue Schüler

Wilfried Kahrs: Stiftet das Taschengeld für neue Schüler

Das "Mini-Stipendium" kommt aus Freundenberg, einem Nachbardorf. Dort will die Gewerbeförderungs-AG Arbeitsplätze schaffen - und Menschen in die strukturschwache Region im Osten Deutschlands holen. "Wir wollen Leute herlocken. Aber wer will denn hier noch hin, wenn es keine Schulen für die Kinder gibt?", ärgert sich Wilfried Kahrs, Vorstand der AG.

"Das ist Beamten-BSE", umschreibt er gegenüber UniSPIEGEL ONLINE die Prinzipienreiterei der Behörden. Eigentlich hat die Schule 40 Schüler für die 7. Klasse bereits zusammen, doch Sitzenbleiber zählen für die Behörden nicht. Und so müssen drei frische, neue Schüler her. "Die 1500 Euro im Jahr investiere ich gerne. Es ist die beste Investition, die man tätigen kann", sagt Kahrs. Er ärgert sich, dass die Behörden Schulen in den ländlichen Gebieten ausbluten lassen. "Deutschland hat eigentlich nur noch einen Exportschlager: die Bildung." Und das mache die Politik im Land jetzt auch noch kaputt.

"Ich halte das nicht nicht mehr aus"

"Es ist der letzte Strohhalm, an den wir uns klammern", sagt Ingrid Freier, Direktorin der Schule, zur Taschengeld-Aktion. Sie ist nicht unbedingt begeistert, zu solchen Mitteln greifen zu müssen. "Aber in der Not frisst der Teufel Fliegen." Ingrid Freier ist resigniert. Sie rechnet nicht mehr damit, dass in den nächsten Tagen drei neue Schüler in ihrem Büro stehen werden. Die vergangenen Wochen gingen an die Substanz: erst der Hungerstreik, dann die Verlängerung der Frist, jetzt die Kopfgeld-Aktion. Die Direktorin gibt zu: "Ich halte das nicht mehr aus." Die Schule müsse endlich wieder zur Ruhe kommen.

Die ungewisse Zukunft der Schule - auch für die Eltern ist die Situation aufreibend. Gundula Mensfeld hat einen 12-jährigen Sohn, der von einer Schließung direkt betroffen wäre. Auch Mensfeld war tagelang im Hungerstreik. Sie befürchtet, dass ihr Sohn künftig bis zu zwei Stunden mit dem Bus unterwegs ist, um zur Schule zu kommen. "Es kann nicht sein, dass auf dem Land alles platt gemacht wird." Sie fordert, dass die Mindestgrenze für Kinder in Schulklassen auf dem Land herabgesetzt wird.

Das Beispiel Heckelberg-Brunow ist symptomatisch für die Situation in Ostdeutschland. Im Land Brandenburg gibt es derzeit 374.000 Schüler. Seit Jahren sinken die Schülerzahlen, die Talsohle wird 2010 erwartet - mit 250.000 Schülern. Zum Start des laufenden Schuljahres wurden wegen geringer Anmeldezahlen an 26 brandenburgischen Schulen keine siebten Klassen geschaffen. Damit sei die Schließung dieser Standorte in den meisten Fällen absehbar, heißt es aus dem Bildungsministerium. Die gefährdeten Schulen liegen vor allem in den dünn besiedelten Randregionen des Landes, sie drohen zu verwaisen.

Für Bildungsminister Steffen Reiche gibt es keinen anderen Ausweg. Er warnt vor dem bedingungslosen Erhalt von Kleinstschulen. Das läge nicht im Interesse der Kinder, sagt Reiche. Nur eine Mindestgröße sichere ein angemessenes Bildungsniveau. Das sehen die Eltern aus Heckelberg-Brunow ganz anders. Auch wenn die siebte Klasse ihrer Dorfschule nicht zusammenkommt: Sie wollen weiter für den Erhalt der Schule kämpfen. Gundula Mensfeld steht bereits in Kontakt mit anderen Schulen des Landes. "Im schlimmsten Fall werden wir den Protest auf das gesamte Land ausweiten", sagt sie.

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