Zum Tod von Dr. Sommer: Liebe, Sex und Ehrlichkeit

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Tausende Briefe, Monat für Monat: 15 Jahre lang beantwortete der Autor und Psychotherapeut Martin Goldstein die Fragen der "Bravo"-Leser. Jetzt ist der Mann, der Dr. Sommer war, gestorben. Blick zurück auf einen, der Jugendliche ernst nahm - auch weil seine eigene Pubertät eine Qual war.

Tod von Martin Goldstein: Der Mann, der Dr. Sommer war Fotos
DPA

Lange bevor er Dr. Sommer wurde, noch als Kind, sorgte sich Martin Goldstein: Bin ich wirklich ein Junge? Einmal, als seine Mutter ihn nach dem Baden abtrocknete, fragte er: "Woran habt ihr gesehen, dass ich ein Junge bin?" Seine Mutter schaute auf den Boden und sagte, Mädchen sähen unten rum anders aus.

Diese Szene hat Goldstein mehrmals in Interviews geschildert. Er sei sehr fromm aufgewachsen, fast schon fundamentalistisch, sagte er der "Welt". Später hat er in der "Bravo" unter dem Pseudonym Dr. Sommer die Fragen pubertierender Leser zu Liebe, Sex und Zärtlichkeit beantwortet. 15 Jahre lang, von 1969 bis 1984.

Jetzt ist Martin Goldstein im Alter von 85 Jahren nach langer Krankheit in einem Düsseldorfer Hospiz gestorben, im Beisein seiner drei Kinder und seiner Lebensgefährtin.

Goldstein kannte die Probleme und Sorgen junger Männer und Frauen wie kaum ein anderer. Über sich selbst sagte er allerdings, er habe keine Jugend gehabt. Er wurde zu einem der bekanntesten Aufklärer des Landes, ohne selbst aufgeklärt worden zu sein. Ihn trieb an, worunter er selbst in der Jugend gelitten hatte: Aufklärung gab es nicht, Lust wurde unterdrückt, Selbstbefriedigung verteufelt. Das wollte er ändern, das machte ihn erfolgreich und bei jungen Menschen beliebt.

Im Zweiten Weltkrieg musste er ins Arbeitslager

Als Goldstein sechs Jahre alt war, kam Hitler an die Macht. Sein Vater war jüdisch, seine Mutter evangelisch, Goldstein stuften die Nazis als "jüdischen Mischling ersten Grades" ein. Als "Halbjude" durfte er irgendwann die Schule nicht mehr besuchen, er kam zunächst in ein Arbeitslager in Sachsen, durch "merkwürdige Umstände" habe seine nichtjüdische Mutter ihn befreien können, erzählte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und auch dem Magazin "Neon".

Später wollten die Nazis ihn deportieren. Als im März 1945 der Bescheid kam, versteckte er sich wochenlang im Wald, lebte von Eicheln und Pflanzen. "Die Bomben, die auf Bielefeld fielen, habe ich bejubelt", sagte er. "Ich dachte: Sie bringen uns die Freiheit näher." 50 Jahre habe er gebraucht, um davon zu erzählen.

"Ich hatte andere Nöte als die Liebe", sagte er später über diese Zeit. "Meine Pubertät war einfach nur Qual." Und: "Sexuelle Begierde wurde vollständig tabuisiert."

Im Präparierkurs zum ersten Mal Kontakt mit einer Frau

Nach dem Krieg holte er erst mal sein Abitur nach und begann in Göttingen mit dem Medizinstudium - weil seine Eltern wollten, dass er Arzt wird. "Und ich wurde es auch. Das war nicht die Zeit, um Fragen zu stellen", sagte er. Mit 23 Jahren, in einem Präparierkurs der Uni, hatte er erstmals näheren Kontakt zu einer Frau: "Sie hatte keinen Kopf und schwamm in einer giftigen Lauge." Fünf Jahre später hatte er zum ersten Mal Sex mit seiner Verlobten, die er kurz darauf heiratete.

Später promovierte Goldstein und begann mit der Jugendarbeit: Fünf Jahre leitete er den Jugendtreff in Düsseldorf, war Dozent einer Evangelischen Jugendakademie und schrieb ein Aufklärungsbuch, das ihn später zur "Bravo" führte.

Es war natürlich nicht das erste Aufklärungsbuch, und es gab auch schon Ratgeber, bevor Goldstein zu Dr. Sommer wurde. Doch erst in den sechziger Jahren erreichte eine neue Offenheit die Bundesrepublik, Beate Uhse öffnete ihr "Fachgeschäft für Ehehygiene", die Studenten entdeckten die freie Liebe, "Konkret" platzierte nackte Frauen auf den Titelseiten. Und auch die "Bravo"-Leser machten immer früher erste sexuelle Erfahrungen - oder interessierten sich zumindest dafür. Die Redaktion musste sich entscheiden: Weiter gegen Selbstbefriedigung und Homosexualität wettern? Oder sich für Fragen und Sorgen der Pubertierenden öffnen?

Tausende Briefe im Monat

Langsam tastete sich die Redaktion an die Themen heran, mit Serien und Texten wie dem "Liebes-Knigge" und "Entdecke deinen Körper". Als dann der damalige Chefredakteur Goldsteins Aufklärungsbuch "Anders als bei Schmetterlingen" las, engagierte er den Mann - und die Liberalisierung hielt Einzug.

"Die Geschlechtsorgane stehen mit der Seele in sehr engem Kontakt", schrieb Goldstein, damals 37 Jahre alt, in einer seiner ersten Kolumnen der "Sprechstunde bei Dr. Jochen Sommer". Das Pseudonym gab der damalige Chefredakteur ihm zu seinem Schutz, denn der ahnte damals schon, dass die Jugendlichen Goldstein mit Fragen überhäufen würden.

Tausende Briefe erreichten Dr. Sommer jeden Monat, ein nach ihm benanntes Team half bei den Antworten. Denn all die Jahre war Goldstein wichtig, dass jeder, der fragte, auch eine Antwort bekam. Die Leser wollten wissen, ob sie schwanger werden können, wenn sie Sperma schlucken. Sie fragten um Rat, wenn sie sich nicht trauten, ihren großen Schwarm anzusprechen. Sie wollten wissen, ob ihre Geschlechtsteile zu klein oder zu groß sind. Ob sie beim Sex zu schnell kommen. Oder was los ist, wenn sie gar nicht kommen.

Zu den wichtigsten Themen formulierten er und seine Leute Formbriefe, weil sie irgendwann nicht mehr jedem Ratsuchenden individuell helfen konnten. "Ich war sicher, dass Jugendliche sich schon bestärkt fühlen, wenn überhaupt einer auf sie einging, und sei es noch so kurz." Er traf offenbar den richtigen Ton, nahm seine Leser ernst. Wenn er lachte, dann über die Formulierungen der Schreiber, nicht über ihre Probleme.

Die Arbeit von Goldstein und seinem Team war so populär, dass über Jahre keine Institution ein solches Vertrauen bei Jugendlichen genoss. Eine Mehrheit antwortete auf die Frage, wo sie sich über Sex und Partnerschaft informieren: in Jugendzeitschriften. Gemeint war meist die "Bravo".

Über ein Jahrzehnt war Goldstein Chefaufklärer der Republik, dann verließ er die "Bravo", arbeitete danach weiter als ärztlicher Psychotherapeut in der eigenen Praxis in Düsseldorf, 2000 ging er in den Ruhestand, ein paar Jahre später schrieb er sein letztes Buch "Teenagerliebe".

Auch ein Vierteljahrhundert nach seinem Weggang weiß man bei "Bravo" noch, dass die Redaktion von seiner Pionierarbeit profitierte. Als "Revolutionär" würdigte eine Verlagssprecherin den Sexualaufklärer. Er habe sich "mutig und zukunftsorientiert mit Herz und Seele und auf Augenhöhe mit den Jugendlichen für ihre Sorgen und Nöte eingesetzt". Goldstein habe die Dinge beim Namen genannt, ohne zu zensieren.

Goldstein selbst sagte über seine Arbeit: "Ich wollte Jugendliche in dem bestärken, was mir geklaut wurde: Jugendzeit mit Freundschaft und Liebe."

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Ich mag
saarstudentin 31.08.2012
die BRAVO nicht. Sie vermittelt ein schrecklich konformes Konsumdenken, fördert die Oberflächlichkeit vor allem bei Mädchen und ist zu 90% einfach nur peinlich. Aber eine Sache leistet sie tatsächlich: Aufklärungsarbeit, und zwar in beispielloser Weise. Ich bin fast 60 Jahre jünger als der gute "Dr. Sommer", aber trotzdem bin ich ebenfalls nicht richtig aufgeklärt worden. War meinen Eltern wohl peinlich. Fast alles, was ich mit 15 über Sex wusste, wusste ich aus der Bravo. Und die Antworten sind IMMER gut, behutsam und voller Verständnis. Egal, wie blöd die Fragen sind. Aber warum sind die Fragen so blöd? Weil es in Deutschland wohl viele Eltern gibt, die nicht richtig aufklären und der Aufklärungsunterricht in den Schulen ein Witz ist. Das führt dann zu große Wissenslücken, die sich u.a. in Teenagerschwangerschaften etc. manifestieren. Der Zusammenhang ist klar, wenn man in Richtung Niederlande schaut (beispielslose Aufklärung in der Schule, niedrigste Quote an Teenagerschwangerschaften und Abtreibungen). Hier muss einiges geändert werden, denn es kann ja wohl nicht sein, dass Jugendliche auf so ein billiges Popmagazinchen angewiesen sind, wenn sie Fragen haben.
2. Goldstein ....
buntbarsch 31.08.2012
..hat sich um die notwendige Sexualaufklärung in der verklemmten BRD bleibende Verdienste erworben und Respekt für seine offenherzigen, tabulosen Beiträge in der ansonsten nur auf Kommerz und Konsum orientierten BRAVO verdient. RIP Dr Sommer!
3.
McMacaber 31.08.2012
ich erinnere mich an die aufklärung an unserem gym .. dort lagerte in der "asservatenkammer", ua, ein eingelegter foetus im knapp 5ten monat. der wurde dann im zuge der verhütung bzw ethik-diskussion bzgl abtreibung herangezogen. eventuell nicht paedagogisch, aber wirksam: aus meinem jahrgang wurde keiner ungewollt mutter oder vater.
4. eine große Leistung
volker.foerster 31.08.2012
Ich glaube, Dr. Sommer hat einen nicht zu unterschätzenden Anteil daran, dass sich die Menschen heute rasieren (Frauen wie Männer) und erheblich zärtlicher (sexuellen) Einfluss aufeinander nehmen als vor 30 Jahren. Aus stupidem Gerammele ist ein sehr viel offener und aufeinander eingehender Umgang geworden. Die sexuelle Aufklärung ist etwas von so enormer Wichtigkeit, was immer noch völlig unterschätzt wird. Dank Leuten wie Dr. Sommer können wir heute ungehemmten Sex haben. Wir können alles anstellen, was uns Spaß macht, ohne uns dafür schämen zu müssen - so wie wir es noch von unseren Eltern gelernt haben. Die Aufgeschlossenheit der "Generation Bravo" verhilft uns Deutschen inzwischen zu einem ähnlich offenen Umgang mit Sexualität, wie ihn andere Nationen schon seit viel längerer Zeit kennen, in denen die Prüderie nicht eine Selbstverständlichkeit in der Erziehung ist wie sie es lange Zeit in Deutschland der Fall war. Aber auch das muss man dazu sagen: der Konsum von Pornos hat gerade im letzten Jahrzehnt (Breitband-Internet) noch viel mehr dazu beigetragen, wenn auch nicht immer im positiven Sinne.
5. optional
Tahlos 31.08.2012
Soweit ich mich erinnere was diese Dr.Sommer-Geschichte ein einziger fake. Da war aber auch garnicht ernsthaft oder ehrlich.
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Beratungsstellen im Netz
  • www.sexualaufklaerung.de
  • Die Internet-Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung informiert über Medien und Maßnahmen zur Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung.
  • www.profamilia.de
  • Die Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e. V. liefert Adressen von Beratungsstellen.
  • www.isp-dortmund.de
  • Die Internet-Seite des Instituts für Sexualpädagogik in Dortmund liefert Informationen zu Weiterbildungen, Seminaren und Workshops.
  • www.sextra.de
  • Die Pro-Familia-Seite bietet eine Online-Beratung für Jugendliche und deren Eltern.
  • www.kinderundjugendtelefon.org
  • "Nummer gegen Kummer", größtes, kostenfreies Beratungsangebot für Kinder, Jugendliche und Eltern.

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