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16. Mai 2011, 09:47 Uhr

Nachwuchsmangel bei der Bundeswehr

Freundschaftsanfrage in Flecktarn

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Panzer-Poster, Militär-Merchandise, Beachvolleyball: Die Bundeswehr gibt Millionen aus, um Jugendliche für sich zu begeistern. Sie wirbt auf Jugendmessen, an Schulen und im Internet, denn nach dem Wehrpflicht-Stopp werden Rekruten knapp - vor allem die fitten und motivierten.

Auf Hauptfeldwebel Jens Hörnke, 37, kann sich Deutschland verlassen. Der Mann in Kampfstiefeln und grün-braunem Feldanzug hat wieder Posten bezogen, gegenüber dem Stand der Parfümerie Douglas und neben einer Callcenter-Firma. Vielleicht ein bisschen viel Deckung für seine Mission, die lautet: Nachwuchsgewinnung. Das Operationsgebiet: die märkische Bildungsmesse, Potsdam.

Hauptfeldwebel Hörnke hat im Kosovo UCK-Kämpfer entwaffnet und ist in Afghanistan Patrouille gefahren. Er hat geschossen und Schulen gebaut und in der Panzergrenadiertruppe Karriere gemacht, 19 Jahre Bundeswehr.

Jetzt ist er wieder im Einsatz. Doch bevor sich der Nachwuchs bis zu Hörnke durchgeschlagen hat, muss er erst bei der Bundesagentur für Arbeit vorbei, die sich gleich am Eingang postiert hat. Er darf sich nicht ablenken lassen vom Haarspray-Geruch am Stand der Genossenschaft des Friseurhandwerks "Cut + Care Family", er muss den Angeboten von Bundespolizei und Bäckerei Exner widerstehen.

Hier buhlen Firmen und Behörden um junge, motivierte Mitarbeiter. Doch es kommen auch viele, die fürchten, sie schaffen den Schulabschluss nicht; die ihren Ausbildungsplatz verloren haben; die ihren Job als Maler und Lackierer satthaben; die nicht wissen, wohin mit sich.

Jugendliche bekommen Abenteuer, die Bundeswehr sammelt Kontaktdaten

Hauptfeldwedel Hörnke steht mittendrin, Stand 905. Auf den Postern hinter ihm sind Hubschrauber zu sehen und uniformierte Frauen und Männer, die lächeln, als würden sie eine Versicherungspolice verkaufen wollen. Mit ernstem Blick sagt er: "Was mich nicht fordert, fördert mich nicht." Er soll junge Menschen davon überzeugen, dass sie nach der Schule nicht Kfz-Mechaniker lernen oder Systemadministrator, dass sie keine Bankkarriere anstreben oder Grundschullehrer werden.

Er soll sie für eine Laufbahn in Flecktarn begeistern. Soldat zu werden, wie er.

Die Bundeswehr muss sparen. Doch um den Nachwuchs von sich zu überzeugen, gibt sie viel Geld aus: 16 Millionen Euro sind im Bundeshaushaltsplan für die Nachwuchswerbung der Bundeswehr vorgesehen.

Die Truppe wagt sich im Kampf um den Nachwuchs auf ungewohntes Territorium: Sie organisiert Musikwettbewerbe und Beachvolleyball-Turniere, wirbt in Jugendmagazinen wie "Bravo" und "Spiesser". Und sie betreibt eine Internetseite für die Generation Facebook: Militärisch interessierte Jugendliche erfahren hier mehr über Transall und Teilstreitkräfte. Sie können sich ein Profil einrichten, kostenlos Poster von Heerespanzern und Rangabzeichen bestellen, und sie können sich für die "Adventure Games" anmelden - Wehrsportspiele, bei denen sie um die Wette klettern, schwimmen, robben. Praktisch für die Bundeswehr: Die Jugendlichen geben an, wann sie mit der Schule fertig werden, wo sie wohnen und welchen Abschluss sie anstreben.

Freiwillig zum Bund? Nein danke!

Seit gut einem Jahr ist Hörnke jetzt als Wehrdienstberater im Einsatz. Er erzählt Jugendlichen von den "vielfältigen Tätigkeitsfeldern", von Geld ab dem ersten Tag, von der Dankbarkeit der Afghanen, wenn man ihnen eine provisorische Arztpraxis einrichtet. Als Hörnke damit anfing, ging gerade Karl-Theodor zu Guttenberg daran, die Wehrpflicht abzuschaffen, von jetzt auf gleich - und verschärfte so das größte Problem der Bundeswehr: Wo bekommen wir Rekruten her, vor allem die fitten, schlauen, motivierten?

Was Hörnke und seine Kameraden der Jugend jetzt vorstellen, heißt "freiwilliger Wehrdienst". Bis zu 23 Monate sollen junge Frauen und Männer dienen, sollen ordentlich ausgebildet werden, sollen schießen lernen und Schulen bauen - so dass die Bundeswehr etwas mit ihnen anfangen kann.

Dabei gibt es zwei Probleme: Zum einen interessiert sich kaum jemand dafür - von fast einer halben Million Männer, die das Verteidigungsministerium in den letzten beiden Monaten anschreiben ließ, bekundete noch nicht einmal jeder Zweihundertste höfliches Interesse. Schon zuvor war Deutschlands Nachwuchs nicht so recht überzeugt vom Arbeitgeber Bundeswehr. Bereits vor drei Jahren identifizierte das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr gerade mal sieben Prozent der Jungen und Männer zwischen 15 und 32 Jahren als "ernsthaft Interessierte".

Zum anderen wächst die Wirtschaft, Unternehmen können auch Anfängern und Lehrlingen wieder glaubhaft eine Zukunft versprechen. Hinzu kommen die Berichte über Anschläge auf deutsche Soldaten in Afghanistan, über das Schulschiff "Gorch Fock", über einen Abschreiber als Verteidigungsminister.

Jugendoffiziere - Wie die Bundeswehr an Schulen vordringt

Die Menschrechtsorganisation Terre des Hommes wirft der Bundeswehr vor, "systematisch und umfassend Minderjährige" für den Dienst an der Waffe begeistern zu wollen. Sie sieht darin einen Verstoß gegen die Uno-Kinderrechtskonvention. Besonders empört die Kinderschützer, dass Soldaten an Schulen gehen.

Für solche Einsätze ist Hauptmann Robert Hummel, 29, zuständig, geboren in Dresden, drei Jahre Offiziersausbildung, Wirtschaftsstudium an der Bundeswehr-Universität in München, vier Monate Afghanistan. Hauptmann Hummel ist Jugendoffizier, rhetorisch geschult und steht gerade vor einer Klasse künftiger Versicherungskaufleute an einer Berufsschule. Es ging schon um die Nato und den Warschauer Pakt, den Unterschied zwischen al-Qaida und den Taliban und um die Frage, was eigentlich eine Parlamentsarmee ist. Da meldet sich ein Mädchen, zehn Minuten vor Schluss: "Ich bekomme in meinen Kopf nicht rein, warum unsere Soldaten in diese kaputten Länder gehen. Was machen wir in den Gebieten, wo sich alle bei kranken Aktionen umbringen?"

Schon seit ihren Anfangstagen setzt die Bundeswehr junge, wortgewandte Offziere ein, um solche Fragen zu beantworten. Mittlerweile gibt es rund hundert hauptamtliche Jugendoffiziere. Laut Vorschrift sollen sie zwar nur informieren, ausdrücklich nicht werben. Doch fast 200.000 Jugendliche pro Jahr kommen so zum ersten Mal in Kontakt mit dem Militär. "Jugendoffiziere sind keine Wehrdienstberater, aber sie weisen jungen Menschen den Weg zu den Beratern", schreibt etwa der militärkritische Autor und Blogger Michael Schulze von Glaßer in seinem Buch "An der Heimatfront".

"Wir sind doch keine Rambos"

Die Bundeswehr schließt dafür sogenannte Kooperationsvereinbarungen mit den Kultusministern der Bundesländer ab, sie erleichtern den Jugendoffizieren den Zugang zu Schulen und den Kontakt zu Referendaren. Acht Bundesländer sind solche Vereinbarungen eingegangen.

Sie alle sollten die Abmachung nach Ansicht von Terre des Hommes schnell wieder kündigen: "Wie uns Schüler, Lehrer und Offiziere bestätigt haben, informieren die Soldaten in der Regel sehr einseitig und sprechen die Gefahren von Auslandseinsätzen kaum an", kritisiert Geschäftsführerin Danuta Sacher. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ruft dazu auf, den "Einfluss der Bundeswehr an Schulen" zurückzudrängen.

Die Bundeswehr dementiert, dass die Einsätze der Jugendoffiziere an Schulen der Nachwuchsgewinnung dienen. "Wenn Schulen Informationen über den Arbeitgeber Bundeswehr wünschen, können sie hierzu den Wehrdienstberater zu einer Informationsveranstaltung einladen", teilt ein Sprecher mit. Insoweit gebe es "eine glasklare Abgrenzung" zwischen den Aufgabenbereichen des Jugendoffiziers zur sicherheitspolitischen Kommunikation und des Wehrdienstberaters zur Personalgewinnung. Gäbe es diese Trennung nicht, "würden die Lehrkräfte die Jugendoffiziere nicht mehr in die Schulen einladen".

Auch Hauptmann Hummel würde bestreiten, dass die Kooperationsvereinbarungen an seiner Arbeit als Jugendoffizier etwas geändert haben, er ginge nicht an mehr Schulen als zuvor. Als die Auszubildende in der Berufsschule nach den Auslandseinsätzen fragt, gibt er die Frage an die Klasse zurück. "Dann machen wir es zusammen: Warum sind wir in Afghanistan?" Einer sagt: "Um Sicherheit zu gewähren." Eine andere: "Um das Land voranzutreiben."

"Aber warum Deutschland?", will die Fragestellerin noch einmal wissen. Der Jugendoffizier: "Weil wir Mitgliedstaat der Nato sind: Wird ein Mitgliedstaat angegriffen, helfen die anderen." So klingt Bundeswehrunterricht kurz vor Schulschluss. "Das ist eine Bündnisverpflichtung", sagt der Offizier in den Gong hinein.

Später, auf dem Weg zurück in seine Kaserne, sagt Hauptmann Hummel, er wünsche sich solche Fragen. Sie würden zeigen, dass die Schüler sich nicht nur berieseln lassen. In seinem Büro hängt ein Foto an der Wand, vier Männer in Flecktarn, Hummel ist der Zweite von rechts. Er schwärmt von der "ungewöhnlichen Kameradschaft in Afghanistan". Wenn man ihn anspricht auf Minderjährige, die bei Truppenbesuchen im Schießsimulator ballern durften, spricht er von Einzelfällen: "Wir sind doch keine Rambos."

Mitarbeit: Sonja Hartwig

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