Aus den Mais-Feldern im Westen Mexikos erhebt sich ein Hügel, darauf Türme und Pfeiler - hier geht es zum Heiligen Land. Bauern haben hier gebaut, haben Stein für Stein aufeinander getürmt und eine Ortschaft errichtet, von der sie glauben, nur sie werde die kommende Apokalypse überstehen. Sie nennen sie Nueva Jerusalén, Neu-Jerusalem.
Der Glaube der Menschen hier gründet sich auf Botschaften der Jungfrau Maria, die ein ehemaliger Pfarrer von einer Wahrsagerin empfangen haben will, die weder lesen noch schreiben kann. Detailliert sind die Anweisungen, die sie den Anhängern hinterlassen hat: Standorte für neue Tempel werden vorgeschrieben, auch die Kleidung der Gläubigen. Alkohol und Tabak sind verboten, ebenso Fernsehen und Radio.
Aber nicht diese Regeln bescherten der Sekte Ärger, sondern das Verbot, Kinder auf öffentliche Schulen zu schicken. Schon länger gärt der Konflikt zwischen den strengen Traditionalisten, den moderateren Anhängern und der mexikanischen Regierung, mittlerweile ist er eskaliert.
Schulbücher und Lehrpläne - alles Teufelszeug
Die Traditionalisten sehen es so: Die offiziellen Schuluniformen, Schulbücher, Lehrpläne widersprechen den Regeln der Heiligen Maria, von Computern und Fernsehern, die es an öffentlichen Schulen gibt, ganz zu schweigen. All das dürfe es in Neu-Jerusalem nicht geben. Längst ist ihr Widerstand handfest geworden: Anhänger der Sekte rissen mit Vorschlaghämmern und Spitzhacken mindestens zwei Schulen nieder und verbrannten die Einrichtung.
Am vergangenen Montag dann kündigten die zuständigen Behörden an, dass der Grundsatz einer öffentlichen, säkularen Erziehung und Bildung nicht verhandelbar sei. Sie versprachen, rund 250 Kinder aus Neu-Jerusalem wieder in die Schule zu schicken.
Das wiederum wollten sich die Traditionalisten nicht bieten lassen, sie formierten sich und blockierten den Zugang zu ihrem Ort. Die Polizei rückte mit mehreren Einsatzfahrzeugen an und verhandelte einen Tag lang über die verfahrene Situation. Polizeichef Miguel Guerrero sagte, er habe mit Traditionalisten und Reformern gesprochen. Die einen wollten sich auf keinen Kompromiss einlassen, die anderen glauben zwar an die Gebote der Heiligen Maria, wollen aber ihren Kindern den Zugang zu Bildung nicht verweigern. Weder habe man sich darauf einigen können, die Kinder in einem Nachbarort zum Unterricht zu schicken, noch habe man die Traditionalisten überzeugen können, staatliche Lehrer in ihren Ort zu lassen.
"Neu-Jerusalem wurde geboren als die Heilige Mutter zur Erde zurückkehrte, um mit der Erlaubnis Gottes ein letztes Mal Erlösung zu bringen", sagte Pater Luis Maria, einer der Geistlichen der Gemeinschaft, die von der katholischen Kirche in keiner Weise anerkannt wird. Ihm zufolge zielen Marias Regeln darauf ab, alles Schädliche der Welt von dem Ort abzuhalten.
Warum ging die Welt eigentlich nicht schon 1999 unter?
Allerdings hat die Sekte erhebliche Probleme ihren eigenen Anhängern, vor allem den jüngeren, zu erklären, warum der eigentlich für 1999 angekündigte Weltuntergang doch nicht kam. Warum soll man den ganzen Tag um Erlösung beten, wenn man sich nicht einmal auf das Ende der Welt verlassen kann? Die Traditionalisten verbringen die meiste Zeit des Tages im Gebet und mit der Feldarbeit.
Davon sind die jüngeren Reformer nur noch schwer zu überzeugen. Ihnen kommen manche Vorschriften absurd und willkürlich vor. So ist etwa Fußball verboten, weil der runde Ball als Symbol für die Erde gesehen werden kann - und man Gottes Schöpfung eben nicht treten darf. American Football hingegen ist erlaubt, der Ball ist nicht rund. Auf junge Bewohner wie Oscar Montero, 26, wirkt das alles zunehmend skurril. Seine Eltern schlossen sich in den siebziger Jahren der Sekte an, er selbst wurde in Neu-Jerusalem geboren. "Ich finde das alles absurd", sagt er. Deshalb haben er und einige hundert andere, während der Blockade am Montag, für freie Bildung demonstriert.
Er ist weitaus liberaler als die Traditionalisten, aber sehr viel strenger als viele andere Jugendliche. "Tanzen ist nicht böse, rauchen aber schon", sagt er. Sich zu amüsieren sei nicht verboten, aber man dürfe nicht zu viel trinken. Er erzählt, er habe einen Fernseher und einen Internetzugang zu Hause: "Ich wurde hier ja nicht wegen meines Glaubens geboren, sondern aus Zufall."
Gegründet wurde die Sekte bereits 1973, von einem Gemeindepfarrer, der sich gegen Reformen in der katholischen Kirche stemmte, etwa gegen die Abschaffung der Messe auf Latein. Sein Orakel fand er schließlich in einer 63-jährigen Analphabetin, die auf einer Farm arbeitete und die Stimme der Heiligen Maria hören konnte. Gemeinsam scharten sie Tausende Anhänger um sich, denen sie ein Leben wie in biblischen Zeiten vorschreiben wollten.
"Einen Staat im Staate" nennt es Juan Carlos Guadalajara, ein Historiker, der sich intensiv mit der Sekte beschäftigte. Ihm zufolge erkennen die Gläubigen die Gesetze Mexikos nicht an, "sie werden regiert von einer Art traditionellem Katholizismus". Allerdings spitze sich der Konflikt zwischen den Alten und den Jungen immer weiter zu.
An der Spitze der Sekte stehen mittlerweile die Tochter des Gründers, sie nennt sich selbst Sprecherin, und ein Bischof, der sich Martin de Tours nennt. Eine der wichtigsten Aufgaben der Gemeinschaft ist es, in einer Kappelle der Heiligen Maria rund um die Uhr Gebete zu organisieren - nur so könne die Welt gerettet werden. Jeder schlechte Einfluss von außen müsse verhindert werden. Deshalb kündigte ein Vertreter der Gemeinde an, er und seine Leute werden nicht nachgeben. Was in Jahrzehnten aufgebaut worden sei, dürfe nicht von einem auf den anderen Tag zerstört werden.
Eduardo Castillo/AP/otr
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