Von Jörg Diehl, Düsseldorf
Sie beginnt mit großen Worten, ehe sie sich später dann doch noch ins Kleinklein der Besoldungsstufen, Leitlinien und Unterrichtsausfälle begeben muss: "Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist", sagt Sylvia Löhrmann, verweist auf Victor Hugo als Urheber des Satzes und verkündet daraufhin am Dienstagmorgen im Düsseldorfer Landtag: "Der Schulkonsens wirkt."
Der Schulkonsens, von der Presse auch "Schulfrieden" genannt, wurde im vergangenen Sommer geschlossen und war nicht weniger als ein politischer Meilenstein. Der rot-grünen Minderheitsregierung war gelungen, was es bislang in keinem anderen Flächenland der Republik gegeben hatte. Sie vereinbarte mit der Opposition für eine Dauer von zwölf Jahren, dass die Kommunen künftig frei von parteipolitischen Dogmen entscheiden können, welche Schulen sie wirklich wollen und brauchen.
Besonderer Nachfrage erfreut sich dabei die Sekundarschule, die jetzt in Nordrhein-Westfalen eingeführt wird. Sekundarschulen sind Alles-kann-Schulen: Sie haben keine eigenen Oberstufen, ermöglichen aber in Kooperation mit Gymnasien und Gesamtschulen den Weg bis zum Abitur. Sie erlauben längeres gemeinsames Lernen aller Schüler in den Klassen 5 und 6. Ab Klasse 7 soll gemeinsames Lernen weiter möglich sein, die Entscheidung, ob die Schüler auf verschiedene Bildungsgänge aufgeteilt werden oder nicht, trifft jedoch die jeweilige Gemeinde.
42 neue Sekundarschulen
Gerade für kleine Kommunen auf dem Land ist die Sekundarschule verlockend, weil sie massive Einsparpotentiale bietet. Selbst CDU-Bürgermeister hatten dieses Modell deshalb häufig gelobt. Und offenbar sind auch viele Eltern überzeugt von dem Konzept des längeren gemeinsamen Lernens.
7000 Schüler werden nach den Sommerferien an die 42 neuen Sekundarschulen und die 19 zusätzlich genehmigten Gesamtschulen besuchen. Löhrmann spricht daher von einem "Gründungsboom". Viele Eltern wollten die "Schicksalsentscheidung bei der frühen Wahl einer weiterführenden Schule" vermeiden und die Bildungswege ihrer Kinder länger offen halten.
Insgesamt werden zum neuen Schuljahr rund 300 Schulen in NRW schulformübergreifenden Unterricht anbieten: 244 Gesamtschulen, 42 Sekundarschulen und zwölf Gemeinschaftsschulen, die bereits seit Sommer 2011 in einem Versuch laufen. Die Landesregierung geht davon aus, dass bis zum Ende der Wahlperiode 2015 rund 200 neue Sekundarschulen entstehen werden.
Im Unterschied dazu sinkt die Beliebtheit der Hauptschulen immer weiter. In nur sieben Jahren reduzierte sich die Zahl der nordrhein-westfälischen Hauptschüler von 291.000 auf 188.000, Tendenz weiter fallend. Löhrmann nennt das eine "Abstimmung mit den Füßen".
Ärmere Kinder haben schlechtere Chancen
Bereits am Montag hatte eine Studie der Bertelsmannstiftung ergeben, dass Kinder aus ärmeren Familien an nordrhein-westfälischen Schulen schlechter gestellt sind als in anderen Bundesländern. Ein Kind aus besseren sozialen Verhältnissen hat in NRW eine 5,5 Mal größere Chance, das Gymnasium zu besuchen als ein Kind aus der Unterschicht, so die Forscher. Im bundesweiten Durchschnitt beträgt der Faktor 4,5.
Dafür sind die NRW-Schulen bei der Vergabe der Hochschulreife besonders großzügig: 54 Prozent der jungen Erwachsenen erhalten Zugang zu den Hochschulen - das ist der höchste Abiturientenanteil aller Bundesländer. Bundesweit sind es lediglich 46 Prozent. Auch bleiben in NRW nur 6,5 Prozent der Schüler ohne Schulabschluss. Bundesweit sind es sieben Prozent.
Kein Kind zurücklassen
"Die Studie hat uns noch einmal gezeigt", sagt Löhrmann, "wie notwendig es ist, dass wir den Schulerfolg von der sozialen Herkunft abkoppeln." Auch Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen müssten eine gute Bildungschance bekommen, hoffnungslose Fälle "können und dürfen wir uns nicht länger leisten", so die Grünen-Politikerin. Das länger gemeinsame Lernen etwa in Sekundarschulen könne dazu beitragen, dieses Ziel zu erreichen.
Das sieht der nordrhein-westfälische Philologenverband ganz anders. Es sei "bewusste Irreführung", teilte die Lehrergewerkschaft mit, die Sekundarschule zum "Leuchtturm der Bildungsgerechtigkeit zu stilisieren". Wichtiger als die Schulform sei es, die Klassengrößen im ganzen Land zu reduzieren, damit Lehrer sich tatsächlich für einzelner Schüler Zeit nehmen könnten. Dem seien Strukturreformen nicht zuträglich.
Tatsächlich plant das Schulministerium "umfassende Lehrerfortbildungen" für die Sekundarschulen. Notwendig sei es, die Pädagogen für die Arbeit an den neuen Schulen fit zu machen, sagt Löhrmann, die auch stellvertretende Ministerpräsidentin ist.
Die CDU begrüßt, dass den Kommunen nun Möglichkeiten zur Verfügung stehen, auf den dramatischen Rückgang der Schülerzahlen zu reagieren. Der schulpolitische Sprecher der Landtagsfraktion, Thomas Sternberg, mahnt aber, den Blick für die vielfältigen Schul- und Berufsoptionen nicht zu verlieren. "Der Mensch fängt nicht erst mit dem Abitur an."
Mit Material von dpa
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