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Ökonomisierung der Bildung: "Wer einfach mal abhängt, macht sich verdächtig"

Von manager-magazin-Redakteurin Gisela Maria Freisinger

Junge Frau beim Abhängen: "Immer ist etwas an uns 'zu': zu dick, zu faul, zu wenig kreativ: zu verbessern", sagt Soziologin Villa Zur Großansicht
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Junge Frau beim Abhängen: "Immer ist etwas an uns 'zu': zu dick, zu faul, zu wenig kreativ: zu verbessern", sagt Soziologin Villa

Warum boomen die Privatschulen? Weil ehrgeizige Eltern um die Zukunft ihrer Kinder fürchten, sagt die Soziologin Paula-Irene Villa. In vielen Lebensbereichen grassiere eine unmenschliche Angst vor dem Mittelmaß.

Zur Person
  • Paula-Irene Villa, Jahrgang 1968, wuchs in Argentinien, den USA, Kanada und Deutschland auf. Sie studierte ab 1988 an der Ruhr-Uni in Bochum Sozialwissenschaften, anschließend forschte und lehrte sie ab 2001 in Österreich und in der Schweiz. Seit 2008 hat Villa an der Ludwig-Maximilians-Univeristät München einen Lehrstuhl für Soziologie und Gender Studies inne. Hier geht es zu Ihrer Instituts-Webseite.
Frage: Sie sind eine feste Größe in der Soziologie, mit Ihrem Wiener Kollegen Georg Vobruba haben Sie das Ende des Mittelmaßes ausgerufen. Wie kommen Sie darauf?

Villa: In der Soziologie ist seit einigen Jahren, konzeptuell vom Kollegen Ulrich Bröckling entwickelt, viel die Rede vom sogenannten unternehmerischen Selbst. Wir leben in einer Zeit, in der die Einzelnen angehalten sind, sich permanent selbst zu optimieren, an sich zu arbeiten und sich zu managen - ganz wie ein Unternehmen. Dies gilt nicht nur hinsichtlich der Erwerbsarbeit, das unternehmerische Selbst durchdringt vielmehr den ganzen Mensch, schließt auch die Freizeit und derzeit vor allem den eigenen Körper mit ein. Alles wird als Ressource betrachtet, und die müssen ganz ökonomistisch mobilisiert werden. Da wird das Mittelmaß zum Defizitzustand. Konsequent formuliert: immer ist etwas an uns "zu": zu dick, zu faul, zu ungesund, zu nachlässig, zu wenig kreativ: zu verbessern.

Frage: Die Durchdringung des Ökonomischen in sämtliche Lebensbereiche entfremdet uns also der Mitte, der eigenen wie der gesellschaftlichen?

Villa: Logiken wie Effizienz, Markt, Output, Ressourcen, sind Kategorien, die wir inzwischen für alles und jeden anwenden. Es erscheint uns nicht mehr völlig abstrus zu sagen, dass wir unsere Beziehung managen oder die Erziehung der Kinder optimieren.

Frage: Man könnte sagen: Das ist eben Neudeutsch.

Villa: Sicherlich, das macht es aber nicht weniger real oder wichtig. Ob die Ökonomisierung in der Praxis immer so durchschlagend ist wie wir in der Soziologie meinen, ist eine empirische Frage, die derzeit untersucht wird. Klar ist: Wir sind ja nicht wie kleine Roboter, die blind alles nachmachen, was als richtig oder gut gilt. Aber der Diskurs und die Normen sind extrem am Ökonomischen ausgerichtet. Es war in Westdeutschland lange ziemlich normal zu sagen, 'Ich habe genug geschafft, jetzt gehe ich nach Hause, leg die Beine hoch und trinke ein Feierabendbier'; damit ist es vorbei.

Frage: Meinen Sie mit dem Ende des Mittelmaßes praktisch den Tod der Muße?

Villa: Ja. Wer einfach mal abhängt, macht sich verdächtig. Wir müssen immer alles in der Hand haben, gestalten, optimieren, kontrollieren; alles ist an einem möglichst effizienten Output ausgerichtet. Wir sind unentspannt. Selbst die Zeit mit unseren Kindern muss Quality Time sein. Immer mehr gilt als therapierbar: Kleinkinder in die Sprachförderung, in Kitas wird Early Mandarin angeboten, in den Schulferien noch extra Kompetenzen im Bildungscamp mitnehmen, im Wellnessurlaub wieder maximal fit für den Job werden, im Sport Herausforderungen meistern und die Faulheit besiegen. Und und statt auf den Bus zu warten lieber Gehirnjogging mit der App.

Frage: Aber zumindest die Jugend chillt noch sehr gern.

Villa: Das ist ihr gutes Recht. Aber auch diese Lebensphase wird bedroht, denn immer steht irgendein Zusatzkurs an oder ein Verein, dem Aktivitäten geschuldet sind oder ein Instrument, auf dem geübt werden soll...

Frage: Nicht einmal das Instrument lassen Sie als musisches Refugium gelten?

Villa: In Einzelfällen mag es das sein, und das ist wunderbar. Viel häufiger aber ist es ein weiterer Disziplinierungs-und Erziehungs-, ein Klassenzwang, um es böse zu sagen.

Frage: Es ist Ihnen partout nichts Positives darüber zu entlocken, dass wir als Gesellschaft dem Mittelmaß entkommen wollen?

Villa: Nein. Denn es ist absurd. Und unmenschlich. Es bringt mit sich, dass alle immer am Limit sind oder es zumindest sein sollen. Sich permanent neu erfinden, maximal kreativ, optimal vorbereitet. Oder aber "gestört": ADHS, LRS, Dyskalkulie, selektiver Mutismus, Über- oder Untergewicht, hochbegabt, unterfordert. Nichts und niemand ist mehr normal, niemand darf mehr Mittelmaß sein. Vielleicht sollten wir nicht nur über das Ende der Wachstumsökonomie diskutieren, sondern auch über das rechte Maß des Gewöhnlichen und Durchschnittlichen. Womöglich wären wir dann alle etwas entspannter und realistischer.

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1. Selbstoptimierung
karldhammer 13.02.2015
Ich habe mich letztes Jahr selbst optimiert: Ich bin in Pension gegangen. Seither schaue ich dem Treiben gelassen und mit einem gerüttelt Maß an Schadenfreude zu; speziell solchen Experten wie oben angeführt. Irgendwann werden die sich zu Tode optimiert haben.
2. Sehr guter Artikel.
plang 13.02.2015
Allen Bildungswissenschaftlern, auch innerhalb der Ministerien und nachgeordneten Schulverwaltungen, zum Überdenken empfohlen.
3. Es ist doch amüsant...
systembolaget 13.02.2015
den jungen Selbstoptimierern dabei zuzusehen, wie sie sich selbst versklaven, von der Meinung anderer abhängig machen, und andauernd "an sich arbeiten". Noch amüsanter und gut für das Konto ist, daß man ihnen wunderbar das Geld aus der Tasche ziehen kann, in dem man passend abstruse Angebote macht; ob für Hipster, Helikopter-Eltern oder Dinkelkeksesser. Also - bitte weiter so!
4. Und ich dachte schon...
tims2212 13.02.2015
... ich muss ein schlechtes Gewissen haben, dass ich nur nen 3er Schnitt im Abi hatte, dafür relativ locker durch die Ausbildung und Abendschule gekommen bin (hat ja auch mehr Spass gemacht) und nun früh nachmittags nach Hause gehe (stehe allerdings auch um 5 auf) und neben erfolgreichem Beruf auch noch ein Privatleben habe! Wäre schön, wenn mehr solcher Artikel/Studien etc. veröffentlich würden, damit unsere Elite sich auch mal wieder ne Auszeit gönnt. Aber nee, lieber mit 180 vor die Wand und dann mühsam bei Gurkentee und Meditation wieder aufpäppeln, damit man danach "kürzer treten" kann. Effizienz ist schon ne tolle Sache.
5. Danke für die klaren Worte!
wilderness1200 13.02.2015
Nach einigen (traumatischen) Jahren im bayrischen Schulsystem ist mein Kind jetzt auch einer privaten Schule mit einem alternativen pädagogischen Ansatz. Leider sind dort aber auch viele Kinder der sehr gehobenen Mittelschicht, die an 'normalen', d.i. staatlichen Schulen keine Chance auf ein Abitur (natürlich!) hätten. Mein Kind kann da nur hingehen, weil es einen (relativ) reichen Papi hat (der den Großteil der Schulgebühren übernimmt :-)) - wir (das Kind und ich - alleinerziehende und prekär beschäftigte Geisteswissenschaftlerin) gehören der Klientel nach dort aber natürlich definitiv nicht hin. Das fiel mir zum ersten mal wirklich auf, als ich mein Kind mit dem ollen, zusammengeflickten Auto, das zu klein ist und zu viele Kilometer hat, von der Klassenfahrt abgeholt habe.. :-) (Ich bin arm aber sexy, sagte ich das schon?!?). Dennoch, die Lehrer sind sehr nett und engagiert. Es wird viel Hilfe angeboten, auf einen zugegangen. Die Lehrer haben Zeit! Es gibt kleine Klassen usw. Aber ich spüre als Mutter ganz klar den Druck: zum Beispiel steht jetzt ein Praktikum an. Mein schluffiges Kind macht das im lokalen Jugendzentrum, wo es auch mal klettern geht usw. Dann erzählt mir der Klassenlehrer beim Elterngespräch, was die anderen so machen: Ein Kind macht Praktikum Bundestag, eines zum Frankfurter Flughafen, viele zu irgendwelchen börsennotierten multinationalen Unternehmen.... Da ist es mir schon ein bisschen kalt den Rücken herunter gelaufen und ich habe mich spontan als Rabenmutter gefühlt, die ihrem Kind nicht sowas Tolles bieten kann. Ich bin sicher, mein Kind findet und geht seinen Weg. Es hat eine wunderbare Persönlichkeit und weiß schon ziemlich gut, wer es ist und wer es sein will. Aber - ganz klar - die Elite von morgen geht die Sache anders an. Wir (das kann ich, ich denke schon, so sagen) wollen da nicht hin - nicht so etwas; das Ärgerliche ist aber, dass genau diese 'Elite' auch die wirtschaftlichen und politischen Entscheider sind und sein werden. Ja, es ist eng geworden im Geist der Menschen. Man könnte dazu sagen, der Geist - das einzig jederzeit und immer Freie des Menschen - ist bei dem ganzen Optimierungskram leiderleider suboptimiert worden.
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