Pädagogik paradox: Autisten-Schule schmeißt autistischen Jungen raus

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Nico, 15, ist ein Wegläufer: Sobald sich eine Tür öffnen lässt, macht er sich davon. Das gehört zu seiner Persönlichkeit, er ist Autist. Nun weigert sich eine Spezialschule für Autisten in Berlin, den Jungen weiter zu unterrichten - weil er autistisch ist.

Schüler mit Autismus: Nico, 15, Wegläufer Fotos
Monika K.

Schokolade zu essen ist für Nico eine minutiöse Prozedur. Er mag ausschließlich Nougatgeschmack einer bestimmten Marke. Der Junge lässt sich die Tafel nach einem genauen Muster knicken und öffnen. Dann wird sie in Rippen von zwei Stückchen Länge zerlegt. Nico beginnt nur dann zu essen, wenn sie rechtwinklig vor ihm liegt. Treten kleinste Abweichungen auf, verweigert er die Schokolade. Nico ist da pedantisch.

Wenn Nico in die Schule geht, ist er nicht ganz so korrekt. Kaum ist eine Tür nicht verschlossen, sucht er das Weite. Steht ein Fenster auch nur einen Spalt auf, bedeutet das für Nico Freiheit. "Der Junge ist pfiffig. Wenn die Türen verriegelt sind, können sie super mit ihm arbeiten", erzählt die Psychologin Bärbel Wohlleben, "aber sobald er eine Lücke entdeckt, flitzt er davon. Nico ist ein extremer Wegläufer."

Nicolas K., 15 Jahre alt, ein großer Junge mit wachen Augen, hat keinen Spleen. Das Weglaufen gehört zu seiner Persönlichkeit. Er ist Autist, das bedeutet, er hat eine vollkommen andere Art, die Welt wahrzunehmen und sich in ihr zu äußern. Er spricht nicht. Nur wenige Menschen können den Jugendlichen so gut verstehen wie Psychologin Wohlleben, der zweiten Vorsitzenden eines Autismusvereins. Dennoch ist sein Kredit nun aufgebraucht. Jetzt wollen die anderen, dass Nico geht.

Wohlleben und die Schule haben entschieden, Nico nicht mehr zu unterrichten. Das ist irgendwie verständlich, aber es ist zugleich ein Politikum. Denn Nicos Schule ist eine staatliche Spezialschule, die ausschließlich für Schüler wie ihn da ist: eine von zwei Berliner Auftragsschulen für Autismus, betrieben gemeinsam mit Wohllebens Verein "Autismus Deutschland".

"Wo soll mein Sohn in die Schule gehen?", fragt die Mutter

Der fluchtwillige Nico stellt Berlins Integrationskonzept auf den Kopf. Die Stadt hält sich für einen Vorreiter integrativen Lernens. Seit 30 Jahren gibt es hier Vorzeigeschulen, in denen Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen. Gerade wird im Bildungsausschuss des Abgeordnetenhauses um die sogenannte Inklusion gerungen - wenn die durchkommt, hätte Nico das Recht, auf eine ganz normale Schule zu gehen. So wie die meisten der 740 Berliner Schüler mit Autismus.

Aber bei Nico ist alles anders: Eine Autistenschule kündigt dem Autisten - weil er autistisch ist.

Die Psychologin Wohlleben wird wütend, wenn sie das hört. Dass Nico wegen seines Autismus gehen müsse, ist für sie eine unfaire, ja hirnrissige Fehlinterpretation. "Es geht nicht um Nicos Autismus", sagt sie. "Es ist Lehrern und Erziehern nicht zuzumuten, dass sie die Verantwortung für ein Kind übernehmen, das dauernd weglaufen will."

Nicos Mutter ist nicht wütend, sondern ratlos: "Wo soll mein autistischer Sohn eigentlich in die Schule gehen, wenn ihn eine Autistenschule nicht nimmt?", fragt sie. Sie weiß, dass ihr Junge die Schule herausfordert. Aber "der Staat kann nicht einerseits auf Schulpflicht pochen - und andererseits einen Autisten aus einer Schule verweisen, die er speziell für ihn betreibt".

An beiden Spezialschulen war Nico bereits

Seit Oktober vergangenen Jahres erhält Nico nun ersatzweise Hausunterricht - ein ziemlich dürres Programm. Sechs Stunden pro Woche kommt eine Hauslehrerin und übt mit Nico. Das ist, aus organisatorischen Gründen, immer montags. Den Rest der Woche sitzt Nico zu Hause. Er spielt, er isst Schokolade, und er versucht wegzulaufen. Auch da.

In Berlin findet sich eine Vielzahl von Spezialschulen, darunter die zwei Auftragsschulen für Autismus, eine im Westen der Stadt gelegen, in Wilmersdorf, eine in Friedrichshain. An beiden Schulen hat Nico seine bisherige Schulzeit verbracht - aber beide haben ihn abgeschoben. Erst verwies ihn die Westschule in den Osten. Nico, der in Lichtenrade wohnt, musste täglich zwei Stunden zur Schule und zurück gefahren werden.

Nun mag auch die Schule im Osten der Stadt nicht mehr. Den Umzug in ein neues Gebäude nahm die Schule zum Anlass, den Jungen auszuschließen. Der Zaun um die ehemalige Kita sei nicht hoch genug, heißt es. Auch komplexe Weglaufsperren an den Türen nützten nichts. Und einfach abschließen, das gehe aus Feuerschutzgründen nicht.

Hat die Schulpflicht ihre Grenzen?

Die Schulleiterin will nichts sagen, jedenfalls nicht öffentlich. Hat aus ihrer Sicht auch die Schulpflicht ihre Grenzen? Kein Kommentar. Auskunft erteilen darf in dieser Sache nur der Schulrat: "Die bezirkliche Schulaufsicht bedauert, wenn es in besonderen Einzelfällen nicht möglich ist, Kinder am regulären Unterricht teilnehmen zu lassen", lässt er mitteilen. Der Schulrat äußert sich eng abgestimmt mit der Senatsverwaltung für Bildung. Denn der Fall Nico könnte sich zum Skandal ausweiten. Für den 7. Juni wurde eine weitere Schulhilfekonferenz angesetzt, um doch noch eine Lösung zu finden.

Nicos Anwältin Rita Maria Brucker macht wenig Aufhebens. "Nico hat sich nicht verändert, sondern die Schule", sagt sie. "Sie hat ihn vor dem Umzug unterrichtet - also muss das auch hinterher möglich sein."

Die Experten sind diplomatisch, aber bestimmt. Ulf Preuß-Lausitz, meinungsstarker Professor für die Integration von besonderen Kindern, hält "im Grundsatz auch Kinder mit autistischen Zügen für integrierbar. Natürlich ist nicht einmal dieser Fall ein Argument für Sonderschulen, sondern eher für einen ganzheitlichen und frühzeitigen Hilfeplan".

Susanne Rabe, eine Autismus-Expertin, meint: "Wenn die Kinder schwierig sind, muss man das Konzept ändern und darf nicht die Kinder wegschicken." Was sie für grundsätzlich falsch hält, ist Schüler mit sozialen Problemen aus einer Gemeinschaft auszuschließen. "Wenn ich diese Schüler aussondere, dann lernen die den Kontakt zu ihrer Umwelt nie."

Rabe weiß, wovon sie spricht. Sie ist Leiterin der Burgdorf-Schule in Fürstenwalde, einer Brandenburger Schule der Samariter, von deren 150 Schülern jeder Dritte Autist ist. Die größte Gruppe an der Schule stellen bereits jetzt: die aus der 60 Kilometer entfernten Hauptstadt flüchtenden Schüler mit Autismus.

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1.
Werwölfin 01.06.2011
Dieser Fall erinnert mich an einen aus meiner eigenen Familie. Integration der Kinder in die Gesellschaft? Gerne, aber nur, wenn die Kinder in bestimmte vorgegebene Schubladen passen. Tanzt eins zu sehr aus der Reihe, haben sich gefälligst die Eltern ganztägig zu kümmern. Wie genau die das schaffen sollen bei einem Kind, mit dem selbst Experten überfordert sind, verrät einem natürlich niemand.
2. Das ist Berlin
mats123 01.06.2011
Schule in Friedrichshain scheint ja ein ganz schwieriges Thema zu sein. Wenn schon Boris Becker in Friedrichshain mit Hilfe eines Privatfernsehsenders eine völlig verfallene Schule sanieren muss, damit die Schüler vom Schulgang nicht depressiv werden, dann zeigt das nur das totale Versagen des Wowereit-Senats im Bereich der Schulpolitik. Für Schwulenbeauftragte, Lesbenbeauftragte, Transgenderbeauftragte, Gender-Mainstreaming-Beauftragte und andere Kuriositäten gibt der Senat viel Geld aus, aber die Kinder werden in verfallenen Bruchbuden unterrichtet. Da sieht man, was der rot-rot-tote Senat in Berlin für Prioritäten hat.
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patricka1 01.06.2011
Zitat von sysopNico, 15, ist ein Wegläufer: Sobald sich eine Tür öffnen lässt, macht er sich davon. Das gehört zu seiner Persönlichkeit, er ist Autist. Nun weigert sich eine Spezialschule für Autisten in Berlin, den Jungen weiter zu unterrichten - weil er autistisch ist. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,765335,00.html
...was wollen Sie nun hören? Empörung, Verständnis? Keiner kann es doch beurteilen. Wieso machen Sie aus jedem Artikel einen öffentlichen Scheiterhaufen, eine Steinigung, wo Leute wieder ihren ganzen Dreck abladen können ohne überhaupt nur im Geringsten die Hintergründe zu kennen?
4. Stimmt ja nicht.
zx6 01.06.2011
Zitat von sysopNico, 15, ist ein Wegläufer: Sobald sich eine Tür öffnen lässt, macht er sich davon. Das gehört zu seiner Persönlichkeit, er ist Autist. Nun weigert sich eine Spezialschule für Autisten in Berlin, den Jungen weiter zu unterrichten - weil er autistisch ist. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,765335,00.html
Das stimmt ja nicht. Und das wird aus dem Artikel ja auch klar. Die Schule weigert sich ja im Grunde gar nicht, ihn zu unterrichten, weil er autistisch ist, sondern weil sie sich nicht in der Lage sieht, ihre Aufsichtspflicht korrekt auszuüben, aus der folgt, daß sie dafür sorgen muß, daß Nico nicht wefläuft und dabei in Gefahr gerät. Meiner Ansicht nach hat die Schule hier ziemlich dümmlich reagiert. Sie hätte meiner Ansicht nach versuchen müssen, eine andere Aufsichtspflicht im Einvernehmen mit Eltern und Schulbehörde für Nico auszuhandeln - nämlich eine, die sie in der Lage ist durchzusetzen. Ihn einfach vor die Tür zu setzen, kommt in den Medien nicht gut. In der geänderten Aufsichtspflicht hätte dann beispielsweise drinstehen können, daß es eine Sondergenehmigung gibt, die erlaubt, ihn einzuschließen oder ähnliches. Hätten Eltern oder Schulbehörde dieser geänderten Aufsichtspflicht nicht zugestimmt, würde jetzt nicht die Schule als der Buhmann dastehen, dann läg der schwarze Peter, für Durchführbarkeit der Beschulung zu sorgen, nämlich bei denen. zx6
5. echt nicht zu glauben
Rinax 01.06.2011
Das ist echt mieß da haben wir Schulen fur jugendliche Ausländer, extra werden Gebetsräume für selbige eingerichtet und Sonderunterrichte fur Deutschförderung angeboten, sowie Deutschkurse für viel Geld die meist eh nichts bringen. Kindergärten bieten ebenfalls integrative Plätze an die dann teuer bezahlt werden und fur die eigenen Problemfälle wie in diesem Fall ist dann die Rede das man hier die Schulpflicht aussetzt weil der Zaun nicht hoch genug ist. Und da wundern sich alle über den breiten Zuspruch das Buch von Herrn Sarrazin in der Gesellschaft
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Autismus...
REUTERS
...ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die angeboren und unheilbar ist. Ungefähr 0,25 Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen. Oft macht sie sich schon im frühen Kindesalter bemerkbar. Menschen mit Autismus leiden meist unter Störungen im Sozialverhalten. Sie haben häufig Schwierigkeiten, mit anderen Menschen zu sprechen und Mimik, Gestik und Worte richtig zu interpretieren. Humor oder Ironie sind für sie nur schwer verständlich. Bisher ist nicht vollständig geklärt, wie Autismus entsteht. Führende Forscher gehen davon aus, dass es genetische Ursachen gibt. Jungen sind laut dem Verein "Autismus Deutschland" viermal häufiger betroffen als Mädchen. Berühmten Personen wie Albert Einstein oder Wolfgang Amadeus Mozart wird manchmal nachgesagt, autistisch gewesen zu sein.
Das Asperger Syndrom...
...gilt als eher milde Form des Autismus mit durchschnittlicher bis hoher Intelligenz. Betroffene fangen früh an zu sprechen, jedoch oft schnell und abgehackt. Während sie sich motorisch ungeschickt anstellen, sind sie oft musikalisch oder künstlerisch hochbegabt. Viele haben ein fotografisches Gedächtnis. Das Asperger-Syndrom tritt etwa viermal häufiger als das Kanner-Syndrom auf.
Das Kanner-Syndrom...
...wird auch frühkindlicher Autismus genannt. Betroffene fangen oft spät an zu sprechen. Anfänglich hat die Sprache keine kommunikative Funktion. Etwa die Hälfte der Betroffenen lernt das Sprechen gar nicht. Menschen mit dem Kanner-Syndrom sind intellektuell häufig erheblich eingeschränkt.

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Fakten zu Förderschulen
Die Schüler
In Deutschland hat nach Angaben der Bertelsmann Stiftung derzeit nahezu eine halbe Million Schüler einen diagnostizierten, sonderpädagogischen Förderbedarf. Davon besuchen über 400.000 Schüler spezielle, eigens auf ihren Förderbedarf zugeschnittene Förderschulen. Weitere 85.000 Schüler lernen mit Gleichaltrigen an allgemeinen Schulen im gemeinsamen Unterricht.
Die Bundesländer
Zwischen den Bundesländern gibt es starke Unterschiede. In Rheinland-Pfalz besuchen 4,4 Prozent aller vollzeitschulpflichtigen Schüler eine Förderschule, in Mecklenburg-Vorpommern sind es 10,9 Prozent, also mehr als doppelt so viele. Ein anderer Blick auf die Unterschiede: Von den Schülern mit festgestelltem Förderbedarf besuchten in Bremen schon vor der Einrichtung der Inklusionsklassen 45 Prozent allgemeine Schulen, in Niedersachsen jedoch nur fünf Prozent.
Die Ausgaben
Für Förderschulen entstehen laut Bertelsmann Stiftung bundesweit jährlich 2,6 Milliarden Euro zusätzliche Ausgaben, nämlich für zusätzliche Lehrkräfte. Davon entfallen rund 800 Millionen Euro auf die 180.000 Schüler mit Förderschwerpunkt Lernen; die übrigen 1,8 Milliarden Euro fließen in die Förderung von 221.000 Schülern mit anderen Förderschwerpunkten.
Die Uno-Konvention
Deutschland gehört zu den Vertragsstaaten der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die seit 1. Januar 2009 rechtskräftig ist. Artikel 24 fordert für behinderte Menschen in der deutschen Übersetzung "ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen". In der englischen und rechtlich entscheidenden Fassung wird allerdings ein "inclusive education system" gefordert - die deutschen Bürokraten operierten das Wort "inklusiv" bei der Übersetzung heraus.

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