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Schulleiterin in Pakistan: "Angst gehört für uns zum Alltag"

Ein Interview von

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AFP

Soldaten bewachen eine Schule in Pakistan

Bei dem Terroranschlag am Ostersonntag in Lahore sind 35 Kinder ums Leben gekommen. Wie gehen pakistanische Schüler mit der Gefahr im Land um? Schulleiterin Yasmin Ashraf über die ständige Bedrohung.

SPIEGEL ONLINE: Frau Ashraf, haben Sie Angst?

Ashraf: Wir fühlen uns generell bedroht. Angst gehört für uns zum Alltag dazu. Das ist sehr deprimierend. Jeden zweiten Monat muss ich die Schule aus Sicherheitsgründen für einen oder mehrere Tage schließen. Vor Kurzem musste ich außerdem erst unser Frühlingsfest absagen, weil es nicht sicher gewesen wäre. Das macht mich traurig. Vor allem seit dem Anschlag in Peschawar machen wir uns Sorgen. Davor hatte niemand von uns für möglich gehalten, dass die Terroristen tatsächlich auch Kinder töten können.

SPIEGEL ONLINE: Bei dem Anschlag in Peschawar im Dezember 2014 starben 148 Menschen, darunter mehr als 80 Kinder. Was hat sich seitdem an Ihrer Schule verändert?

Ashraf: Wir haben die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt, indem wir die Mauern erhöht und mit Stacheldraht versehen haben. Außerdem haben wir zusätzliches Sicherheitspersonal eingestellt.

Zur Person
Yasmin Ashraf, 53, leitet eine private Grundschule in Pakistan. Wie die Schule heißt und wo sie sich befindet, will Ashraf aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich machen.
SPIEGEL ONLINE: Sie leiten eine Privatschule, können sich auch öffentliche Schulen so etwas leisten?

Ashraf: Ich weiß nicht, wie es an öffentlichen Schulen aussieht. Aber ich glaube, dass Privatschulen mehr Möglichkeiten haben. Manche erhöhen ihre Gebühren, um die zusätzliche Sicherheit finanzieren zu können. Wir haben das nicht getan.

SPIEGEL ONLINE: Schicken die Eltern ihre Kinder nach Terroranschlägen überhaupt noch in die Schule?

Ashraf: Ja. Aber manche kommen ab und zu vorbei, um die Sicherheitsvorkehrungen zu überprüfen oder um nach ihren Kindern zu schauen. Aber unsere Schule liegt in einer sehr gut bewachten Gegend. Hier gibt es viele Polizisten und Soldaten.

Yasmin Ashraf: "Etwas für Pakistan tun" Zur Großansicht
Privat

Yasmin Ashraf: "Etwas für Pakistan tun"

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr beunruhigen die Anschläge die Kinder?

Ashraf: Die Schüler sind noch so jung, die meisten können nicht verstehen, was vor sich geht. Einige von ihnen sagen, dass sie nachts Angst haben. Morgens, wenn sie in die Schule gehen, fürchten sie sich eher nicht. Nur ein Kind wollte nach dem Anschlag vom Sonntag nicht zurück in die Schule kommen. Es hat geweint, weil es dachte, am Eingang könnte eine Bombe explodieren. Und ein Junge erzählte, dass sein Onkel bei dem Anschlag in Lahore verletzt worden ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Sie, wenn Ihre Schüler Ihnen so etwas erzählen?

Ashraf: Ich sage ihnen, dass alles gut wird und dass wir in der Schule auf sie aufpassen. Ich glaube, das ist es, was die Kinder in der Situation hören müssen.

SPIEGEL ONLINE: Wie bereiten Sie die Kinder auf einen möglichen Terroranschlag vor?

Ashraf: Wir bringen den Schülern bei, was sie im Notfall tun müssen, zum Beispiel, wie sie schnell die Schule verlassen können. Außerdem thematisieren wir die Anschläge im Unterricht.

SPIEGEL ONLINE: Möchten Sie in Pakistan bleiben oder würden Sie lieber auswandern?

Ashraf: Ich wünschte, es könnte wieder so werden wie es mal war. Pakistan ist ein tolles Land mit wunderbaren Menschen. Aber leider haben ein paar Terroristen das ganze Land im Griff. Ich denke, ich werde hier bleiben. Das Wenige, was ich für Pakistan tun kann, möchte ich auch tun.

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Fakten über Pakistan
Staatsgründung
Pakistan entstand 1947 aus den überwiegend muslimischen Teilen von Britisch-Indien. Zunächst bestand es aus den beiden Landesteilen West- und Ostpakistan, zwischen denen mehr als 1500 Kilometer Entfernung lagen. Beiden Teilen mangelte es jedoch an einer gemeinsamen nationalen Identität. Nach einem Krieg, bei dem Indien dem Osten half, entstand 1971 als neuer Staat Bangladesch .
Kaschmir-Konflikt
Seit der Staatsgründung führte Pakistan zwei große Kriege mit dem Nachbarn Indien um die Grenzregion Kaschmir , 1947/48 und 1965. Der Fürstenstaat Kaschmir hatte sich zunächst zu Indien zugehörig erklärt. Der islamische Staat Pakistan beanspruchte das überwiegend von Muslimen bewohnte Kaschmir jedoch für sich und gewann die Herrschaft über den westlichen und nördlichen Teil der Region. Doch auch Indien betrachtete Kaschmir als sein Territorium. Die von der Uno 1948 vorgeschlagene und vom indischen Premierminister versprochene Volksabstimmung, in der die kaschmirische Bevölkerung selbst über ihre Zukunft entscheiden sollte, wurde nie durchgeführt.

Seit den achtziger Jahren kämpfen im indischen Teil Kaschmirs muslimische Rebellen für die Unabhängigkeit der Region oder einen Anschluss an Pakistan. 1999 kam es wieder zu größeren militärischen Auseinandersetzungen mit mehreren hundert Toten, und 2001 standen die Atommächte Indien und Pakistan erneut am Rande eines Krieges. 2004 wurde ein Friedensprozess zwischen Neu-Delhi und Islamabad eingeleitet.

Der pakistanische Geheimdienst ISI steht im Verdacht, Kontakte zu islamistischen Terroristen zu pflegen. Indien wirft Pakistan die Unterstützung muslimischer Terroristen vor. Auch hinter der Anschlagserie in Mumbai 2008 vermutet Neu-Delhi islamistische Terroristen aus Pakistan.

Islam
Mit der Verfassung von 1956 wurde Pakistan die erste islamische Republik der Welt. Der Islam ist Staatsreligion, gleichzeitig garantiert die Verfassung jedoch Religionsfreiheit. 96 Prozent der Pakistaner sind Muslime, der Präsident muss ebenfalls Muslim sein. Seit der Staatsgründung haben Spannungen zwischen verschiedenen Gruppen über die Rolle des Islam im Staatsverständnis die Innenpolitik beherrscht.

Immer wieder gab es auch islamistische Tendenzen. So führte Diktator Zia ul-Haq die Scharia , die islamische Rechtsprechung, ein. 1997 erkannte Pakistan als erster Staat das extremistische Taliban -Regime in Afghanistan an und unterstützte es bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 . Während die Zentralregierung in Islamabad zu einem der wichtigsten Verbündeten der USA im Anti-Terror-Krieg avancierte, erstarkte die islamistische Opposition im Land.

Macht der Taliban
In den Stammesgebieten in der nordwestlichen Provinz an der Grenze zu Afghanistan hat die pakistanische Zentralregierung nur begrenzten Einfluss. Dort herrschen islamistische Extremisten und pakistanische Taliban , die sich teilweise auf die Hilfe der regionalen Stammesführer stützen. Die Enttäuschung über die korrupte staatliche Justiz und Verwaltung erhöhte die Attraktivität des Islamismus in der Bevölkerung.

Verstärkung erhielten die radikalen Islamisten von afghanischen Taliban aus den Reihen von Mullah Omar sowie Qaida -Kämpfern, die aus Afghanistan geflohen sind. Militante betreiben hier in Waziristan auch Ausbildungslager für international operierende Dschihadisten.

Kampf gegen die Extremisten
Die pakistanische Armee führte ab 2003 wiederholt Militäraktionen im Nordwesten gegen die Taliban - und Quaida -Terroristen durch. Als Reaktion verübten Terroristen verheerende Anschläge in pakistanischen Städten.

Die Amerikaner versuchen, die islamistischen Extremisten in ihren pakistanischen Verstecken mit ferngesteuerten Präzisionsraketen zu treffen. Doch diese Drohnen -Angriffe sind bei der Bevölkerung äußerst unpopulär und treiben die Menschen in die Arme der militanten Islamisten.

Das pakistanische Militär scheute zunächst die ernsthafte Konfrontation mit den Extremisten. Die Armee und der pakistanische Geheimdienst ISI haben diese Gruppierungen zum Teil Anfang der achtziger Jahre selbst aufgebaut, um im Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan mitzumischen, und haben sie später im Kaschmir-Konflikt eingesetzt. Und noch immer betrachten viele Offiziere die Taliban nicht als ihren eigentlichen Gegner – der wahre Feind sei Indien .

Um die Aufständischen in den Stammesgebieten ruhigzustellen, versuchte schon Präsident Pervez Musharraf , Abkommen mit ihnen zu schließen, und versagte. Im April 2009 scheiterte ein Friedensabkommen, das sein Nachfolger, Staatschef Asif Ali Zardari , ausgehandelt hatte: Die Taliban sollten die Waffen niederlegen und im Gegenzug in der Region Malakand, zu der das Swat-Tal und fünf weitere Distrikte gehören, die Scharia anwenden dürfen. Mit Hilfe des islamischen Rechts können sich die Taliban die Bevölkerung legal gefügig machen - wer sich gegen ihre Herrschaft auflehnt, wird geköpft. Statt einer Feuerpause brachten sie vom Swat-Tal aus mehrere Distrikte unter ihre Kontrolle und rückten bedrohlich nahe an die Hauptstadt Islamabad heran, bis die Armee im Frühjahr 2009 eingriff und die Gebiete zurückeroberte. Im Oktober 2009 begann das Militär außerdem einen Krieg gegen die Taliban in der Region Südwaziristan.

Atomwaffen
1985 wurde in Pakistan erstmals Uran angereichert, seit 1998 besitzt das Land nachweislich Atomwaffen : Nur Tage nach indischen Atomtests zündete Pakistan im Mai 1998 in der Nähe der unbewohnten Chagai-Berge erfolgreich Kernwaffen. Die genaue Zahl der atomaren Sprengköpfe ist nicht bekannt, aber es sollen 60 bis 100 sein, die an verschiedenen Stellen im Land gelagert und von rund 10.000 Soldaten bewacht werden.

Damit gehört Pakistan neben den fünf offiziellen Atommächten USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China sowie Indien, Israel und Nordkorea zum Kreis der neun Nuklearmächte, was die Bedeutung des verarmten Landes stark erhöht.

Militärbeobachter befürchten, Nuklearwaffen aus dem pakistanischen Waffenarsenal könnten aufgrund der Instabilität des Landes in die Hände von Extremisten fallen. Diese hätten damit ein Mittel in der Hand, dem Westen ihre Bedingungen zu diktieren. Geschürt wird die Angst vor diesem Horrorszenario dadurch, dass die Taliban in den vergangenen Monaten ihre Basis in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan ausgebaut haben. Im April 2010 rückten sie bis auf 100 Kilometer Entfernung auf die Hauptstadt Islamabad vor, bevor sie vom pakistanischen Militär zurückgedrängt wurden.


Karte

Fläche: 796.095 km²

Bevölkerung: 191,710 Mio.

Hauptstadt: Islamabad

Staatsoberhaupt:
Mamnoon Hussain

Regierungschef: Nawaz Sharif

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